01.09.2008

ENERGIE„Wir brauchen Kohle“

Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD), 54, über die Zukunft der Kohleverstromung
SPIEGEL: Herr Platzeck, vor Ihrem Übertritt zur SPD im Jahr 1995 haben Sie als Grüner gegen den Braunkohleabbau gekämpft. Warum schließen Sie sich heute nicht der Bürgerinitiative gegen die Braunkohle in Ihrem Land an?
Platzeck: Unsere ursprünglichen Vorstellungen, die Energieversorgung zügig regenerativ organisieren zu können, haben sich als illusionär erwiesen. Ob wir wollen oder nicht, Braun- und Steinkohle werden noch lange wichtige Energieträger für die Welt bleiben.
SPIEGEL: Und Brandenburg mit dem Kraftwerk Jänschwalde auf lange Zeit CO2-Großproduzent?
Platzeck: Nein, in naher Zukunft muss die Braunkohlenutzung CO2-frei werden. In wenigen Tagen eröffnen wir das weltweit erste CO2-freie Kohlekraftwerk - errichtet zu Testzwecken. Außerdem sind wir bei den erneuerbaren Energien inzwischen bundesweit mit an der Spitze, insbesondere bei Wind- und Solarenergie.
SPIEGEL: Klimaexperten warnen, uns laufe die Zeit davon.
Platzeck: Deshalb plädiere ich dafür, die Energiedebatte ehrlicher zu führen. Derzeit geschieht das nicht. Es gibt Bürgerinitiativen gegen Braunkohle wegen des CO2-Ausstoßes und gegen die Windenergie; es gibt moralische Bedenken gegen die Nutzung der Biomasse und Vorbehalte gegen das Erdgas wegen der Abhängigkeit von Russland. Selbst am Bau des größten Photovoltaikwerks Europas bei uns gibt es Kritik - unter der großen Spiegelfläche leide die Artenvielfalt. Außerdem ist da der verständliche Wunsch nach günstigen Preisen. Wir brauchen einen gesellschaftlichen Konsens über den zukünftigen Energiemix, nicht die Illusion: Strom kommt aus der Steckdose.
SPIEGEL: Die Union setzt auf Atomkraft. Was halten Sie davon?
Platzeck: Nichts. Und zwar nicht nur, weil die Endlagerfrage ungeklärt ist. Keine Energieerzeugung braucht so sehr geordnete Staatsgebilde wie die Atomkraft. Wir erleben aber in vielen Regionen den Verlust des staatlichen Gewaltmonopols, mehr Unordnung als Ordnung. Deshalb ist Atomkraft keine Energielösung für die Welt.
SPIEGEL: Also bleiben Deutschland nur Stein- und Braunkohle?
Platzeck: In diesem Jahrhundert werden wir auf einen Energiemix setzen müssen. Deshalb werden wir die erneuerbaren Energien mit aller Kraft fördern. Aber mit Blick auf die Weltmärkte und die globale Entwicklung ist es nicht sinnvoll, sich von den einzigen Rohstoffen, die wir haben, zu verabschieden und unseren technologischen Vorsprung aufzugeben.

DER SPIEGEL 36/2008
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