01.09.2008

MILLIONÄREVollgas in der Grauzone

Privatrennen auf öffentlichen Straßen sind der letzte Schrei von Besitzern PS-gewaltiger Karossen. Die Polizei tut sich schwer, den Wahnsinn zu stoppen.
In jungen Jahren hat Marcus Eberhardt das Handwerk des Schlachters erlernt. Dann folgte eine Phase der beruflichen Neuorientierung. Er erwarb Animierbars und Bordelle, erst der gewöhnlichen Art, später im gehobenen Preissegment.
Die Unternehmen florierten derart, dass sich Eberhardt heute, im Alter von 37 Jahren, nach eigenen Worten den Status des "Pensionärs" leisten kann. Passend dazu ließ er sich adoptieren, was ihn zu einem Prinzen von Anhalt und Graf von Askanien gemacht hat. Doch weil das Leben in Adel, Reichtum und Müßiggang fad zu werden droht, holt sich der Pforzheimer den Kick auf der Straße. Zusammen mit Gleichgesinnten liefert er sich in teuren Sportwagen Rennen auf öffentlichen Straßen, bevorzugt auf Autobahnen ohne Tempolimit.
Prinz Marcus' Stammrevier ist die A5 zwischen Karlsruhe und Bruchsal, wo man angeblich "auf 350 Stundenkilometer aufdrehen" könne. Ein Sicherheitsrisiko sieht der Prinz dabei nicht. Er und seine adrenalinschwangeren Vollgas-Freunde könnten schließlich Auto fahren, "und wir kennen jede Bodenwelle".
Das Vorbild der sinnentleerten Raserei stammt aus den USA und wurde dort bekannt als "Cannonball" oder "Gumball"- und flaut als Spitze der Bewegung merklich ab, seit die amerikanische Polizei die ohnehin immer geschwindigkeitsbegrenzten Highways vom Hubschrauber aus überwacht. "Da", klagt Eberhardt, "kannst du's vergessen."
In Deutschland nimmt die Gemeinde der Tempo-Junkies hingegen merklich zu. Fast kein Monat vergeht, in dem die Polizei nicht Luxuskarossen aus dem Verkehr zieht, weil ihre Besitzer sich zum Wettrennen verabredet haben und Beifahrer den Höllendrive fürs Internet filmen.
So stoppten Beamte vor kurzem fünf teure Sportwagen im niederbayerischen Deggendorf. Die Fahrer wollten zu einer High-Speed-Tour via Salzburg und Wien nach Kroatien starten. Die Polizei beschlagnahmte nicht nur die Autos, sondern behielt auch die Führerscheine ein, damit die Clique ihre Ausfahrt nicht mit Leihwagen fortsetzen konnte.
Juristisch befinden sich Rennkumpane wie Ordnungshüter in einer Grauzone. Da es auf rund 6000 Kilometern deutscher Autobahnen keine Geschwindigkeitsbeschränkung gibt, ist gegen Tempo 300 nichts einzuwenden. Eingreifen kann die Polizei erst, wenn andere Autofahrer durch riskante Manöver gefährdet werden. Oder wenn die Raser zu dicht auffahren, rechts überholen und sich Verfolgungsduelle liefern. Dann kann auf "Gefahr im Verzug" erkannt und etwa das Auto für 24 Stunden aus dem Verkehr gezogen werden.
Marcus von Anhalt hält das für zu viel der Vorsicht. Schließlich seien die Bremsen seiner Rennuntersätze aus Carbon, die Beläge aus Keramik, ein Satz für 5000 Euro. So ausgestattet könne man mit Tempo 250 auf eine 90-Grad-Kurve zurasen und brächte schon nach einem leichten Antippen des Bremspedals das Fahrzeug zum Stehen. "Ein unheimlicher Spaß", strahlt der Millionär.
Dass die Staatsmacht das anders sieht, erlebte der frühere Puffkönig Ende Mai. Da hatte er sich für den mit 100 000 Euro dotierten "Rushh Drive 2008" gemeldet, der von Hamburg nach München führen sollte. Die Behörden der Hansestadt verhinderten jedoch den Start, woraufhin sich die etwa hundert Teilnehmer gleich im Süden trafen und einen Prolog in Münchner Nachtclubs veranstalteten, mit Dutzenden von Blondinen und viel Champagner.
Das war unvorsichtig, denn die bayerische Polizei bemächtigte sich während der Sause der 63 Autos und stellte sie in einer Fabrikhalle sicher. Das Gezeter war groß, langmähnige Gridgirls demonstrierten für die Freilassung der PS-Schleudern, während sich der harte Kern um den adoptierten Prinzen und 17 weitere Rennverrückte mit Ersatzfahrzeugen zu einer alternativen Rallye über Prag und Frankfurt nach Düsseldorf aufmachte.
Dass solche Parforcefahrten von den Verkehrswächtern beobachtet werden, kalkuliert einer wie Anhalt ein. Was Autos betrifft, ist er exzellent bevorratet. In München nahm ihm die Polizei zwei Porsche Turbo ab, in Frankfurt büßte er seinen Mercedes SLR McLaren ein, den Porsche Carrera und das Rolls Royce Cabrio, so dass er das Ziel in Düsseldorf mit dem letzten Aufgebot erreichte, einem Rolls Royce Phantom.
Für Mitte September ist das nächste Großereignis geplant: Das Rennen soll in Cannes beginnen, die Route führt nach Barcelona, wo eine große Party steigen soll und die Fahrzeuge auf eine Fähre Richtung Ibiza geladen werden. Die Besitzer wollen ihren Prachtstücken in zwei gecharterten Boeings zum Höhepunkt der Rallye hinterherfliegen. Am Strand unweit eines In-Nachtclubs sollen etwa hundert Schönheiten im String-Bikini die Fahrzeuge einschäumen.
Die Startgebühr beträgt 90 000 Euro, rund 50 adäquat Motorisierte wollen an dem "Royal Race Charity Run" teilnehmen. Der heißt so, weil 50 000 Dollar an den Tierschutzverein "Peta" gehen sollen. Den Scheck wird Silikon-Ikone Pamela Anderson entgegennehmen. CONNY NEUMANN
Von Conny Neumann

DER SPIEGEL 36/2008
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