01.09.2008

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEDer Platzwart

Warum die niedersächsische Polizei nach Fußbällen sucht
Es war ein Sommerabend, ein wenig schwül, als der junge Mann, den sie Bohne nennen, seine Fußballschuhe schnürte, nicht sehr fest; als er zielte und Anlauf nahm, um den Ball auf das Gesäß seines Freundes zu zimmern, der auf der Torlinie stand - vornübergebeugt, den Schmerz erwartend. Wie sie es eben machen in Vollbüttel, wenn sie Arschabschießen spielen.
Die Sonne ließ den Rasen leuchten, durch die Luft wehten Wurstduft und Schlagermelodien vom Autoscooter, es war Schützenfest. Bohne schoss. Der Ball schraubte sich in die Höhe, weit an Gesäß und Tor vorbei. Er passierte das Netz, das schlaff zwischen den Birken hing, flog über einen Stacheldrahtzaun, über Sträucher, zwischen Tannen hindurch, landete auf dem Rasen des Rentners Gerhard J. Wieder einmal.
Gerhard J. wohnt neben dem Fußballplatz von Vollbüttel, Jahrzehnte schon. Und Jahrzehnte schon, abends vor allem, trifft es ihn: Flanken, Torschüsse, Abstöße. Sie landen in seinem Garten. Immer wieder.
Er sitzt abends auf der Terrasse, Bälle schlagen ein. Er schaut auf seine Pflanzen, den lebensgroßen Holzstorch, den er auf den Rasen gestellt hat, diesen grünen Teppich, der gepflegt ausschaut, perfekt, wie Fußballrasen fast. Und auf Bälle, tagaus, tagein. Da sind die Punktspiele der Herren, da ist das Jugendteam, die Damenmannschaft, dazu die vielen Freizeitbolzer. Fußballer klingeln bis spätabends - oder schlimmer: Sie steigen über den Zaun und spazieren über seinen Rasen.
Jahrzehnte ging das so, bis vor einem Jahr, als Gerhard J. beschloss, Maßnahmen zu ergreifen. Er behält die Bälle jetzt. Er rückt sie nicht mehr raus. 10, 50, 100? Niemand im Dorf weiß es genau.
"Man muss versuchen, beide Seiten zu verstehen", sagt Klaus Becker und klopft sich eine filterlose Zigarette aus der Packung. "Jeden Menschen muss man ernst nehmen."
Becker ist der Vorsitzende des MTV Vollbüttel. Vollbüttel ist ein Ortsteil von Ribbesbüttel, gehört zur Samtgemeinde Isenbüttel und liegt nicht weit von Wolfsburg entfernt. Man arbeitet hier, wenn es geht, bei Volkswagen. Auch Becker, 48 Jahre alt, Arme wie Stämme, ging schon mit 19 "nach VW". Dort steigt er jeden Morgen 88 Stufen hinauf in seinen Tower und regelt den Verkehr der Werkseisenbahn; 70 Kilometer Gleise, Eingangszüge, Ausgangszüge. Den Verkehr regeln, Kollisionen vermeiden, das kann er. Das mit den Bällen war komplizierter.
Es habe viele Gespräche gegeben mit Herrn J., sagt Becker. Mehrere Begehungen am Sportplatz, keine Lösung.
Manchmal entdeckt man den Rentner J., wie er in Jeans und Polohemd gekleidet friedlich an seinen Sträuchern zupft, ein agiler Grauschopf mit gebräuntem Gesicht. Er winkt ab, will man ihn über seinen Stacheldraht hinweg befragen, er möchte nicht belästigt werden. Man kennt ihn nicht sehr gut im Dorf, es heißt, auch er sei bei VW gewesen, früher. Vielleicht ist ihm das mit den Bällen zu viel geworden, als er Rentner wurde und häufiger zu Hause war.
An jenem Abend, als Schützenfest war und Bohne und seine Freunde auf dem MTV-Platz Arschabschießen spielten, sahen sie ihren Ball auf J.s Rasen liegen, nur wenige Meter entfernt. Einen Moment lang dachten sie darüber nach, einfach über den Zaun zu klettern. Aber da war der Stacheldraht und dahinter der Hund, der wie wild bellte, und da waren die Beine, die hinter einem der Bäume hervorlugten. Dort stand jemand. "Entschuldigung, könnten Sie uns bitte den Ball herüberwerfen", riefen sie.
Zweimal, dreimal, aber der Jemand blieb stumm. Bohne und seine Freunde verloren schnell die Hoffnung, sie kannten das Gerede aus dem Dorf.
"Von den tausend Menschen in Vollbüttel ist jeder Zweite Mitglied des MTV", sagt Klaus Becker. Er ist stolz darauf. Der Verein ist eine Macht. Aber auch Gerhard J. ist eine Macht, seit einem Jahr jedenfalls. Seit er die Bälle als Geiseln nimmt.
Bohne und seine Freunde hatten zusammengelegt, 15,90 Euro für einen Adidas Europass Replique, den Nachbau des EM-Balls, der Ball war neu. Sie entschieden, etwas zu tun, was noch nie ein Vollbüttler für seinen Ball getan hatte: Sie wählten 110. Der Streifenwagen hielt direkt vor J.s Haus. Zwei Polizisten gingen hinein, 15 Minuten später kamen sie wieder heraus. Den Ball hatten sie nicht.
"Auch den Beamten gegenüber verweigerte der uneinsichtige und verbitterte Rentner die Herausgabe des Balles", hieß es später in einer Erklärung der Polizeiinspektion Gifhorn. Gerhard J. brachte das eine Anzeige wegen Unterschlagung, Vollbüttel brachte es den Ausnahmezustand. "Bild" schickte zwei Reporter, Fotografen knipsten den Sportplatz, Kameras suchten nach den besten Bildern, Radiosender berichteten über den "Fall Vollbüttel".
Es ging jetzt nicht mehr nur um Bälle, es ging um den Ruf des Dorfes. Um Krieg oder Frieden.
Klaus Becker saß in seinem Tower bei VW und suchte nach einer Lösung. Irgendwann hatte er die Idee. Ein Fangzaun. Dort, wo jetzt J.s Stacheldraht steht.
Becker berief eine Sondersitzung des Verwaltungsausschusses; wenige Worte, alle nickten. "Toll", sagte der Bürgermeister, und der Fangzaun war beschlossen. 62 Meter lang, 5 Meter hoch, Pfosten aus verzinktem Stahl, Kosten mindestens 5000 Euro. So soll der Frieden aussehen.
Minuten später radelte der gesamte Verwaltungsausschuss zu Herrn J., um ihm die Botschaft zu überbringen.
Er soll gelächelt haben, heißt es. Die Bälle hat er erst mal behalten. Vorsichtshalber, der Zaun steht ja noch nicht. LARS GAEDE
Von Lars Gaede

DER SPIEGEL 36/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 36/2008
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE:
Der Platzwart

Video 05:45

Überwachung in China Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind

  • Video "Straße von Hormus: Videos zeigen Festsetzung von britischem Tanker" Video 01:15
    Straße von Hormus: Videos zeigen Festsetzung von britischem Tanker
  • Video "Mode in Japan: Junge Frauen in Tokio möchten niedlich sein" Video 29:13
    Mode in Japan: "Junge Frauen in Tokio möchten niedlich sein"
  • Video "Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion" Video 00:45
    Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion
  • Video "Filmstarts: Smarthome-Horror" Video 08:21
    Filmstarts: Smarthome-Horror
  • Video "Kassel: Tausende protestieren gegen Neonazi-Demo" Video 01:57
    Kassel: Tausende protestieren gegen Neonazi-Demo
  • Video "Airsoft: Am Wochenende spielen sie Krieg" Video 22:17
    Airsoft: Am Wochenende spielen sie Krieg
  • Video "Hass-Chöre gegen Kongressfrauen: Kameraufnahmen widerlegen Trump" Video 03:11
    Hass-Chöre gegen Kongressfrauen: Kameraufnahmen widerlegen Trump
  • Video "Computer-Cocktails: Die Roboter-Bar" Video 01:37
    Computer-Cocktails: Die Roboter-Bar
  • Video "Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion" Video 00:45
    Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion
  • Video "Überwachungskameras an Tankstelle: Menschen fliehen vor Erdrutsch" Video 00:55
    Überwachungskameras an Tankstelle: Menschen fliehen vor Erdrutsch
  • Video "Distanzierung von Trump: Merkel solidarisiert sich mit US-Abgeordneten" Video 00:50
    Distanzierung von Trump: Merkel solidarisiert sich mit US-Abgeordneten
  • Video "Israel: Archäologen finden 1200 Jahre alte Moschee" Video 00:55
    Israel: Archäologen finden 1200 Jahre alte Moschee
  • Video "Helmkamera-Aufnahmen: So sah der fliegende Soldat Paris von oben" Video 01:16
    Helmkamera-Aufnahmen: So sah der fliegende Soldat Paris von oben
  • Video "Zitate aus Sommer-Pressekonferenzen: Herr Rösler ist gerne Vizekanzler" Video 02:05
    Zitate aus Sommer-Pressekonferenzen: "Herr Rösler ist gerne Vizekanzler"
  • Video "50 Jahre Mondlandung: Ein kleiner Schritt..." Video 01:15
    50 Jahre Mondlandung: Ein kleiner Schritt...
  • Video "Neues Transportsystem: Katar testet schienenlose Tram für WM 2022" Video 01:01
    Neues Transportsystem: Katar testet schienenlose Tram für WM 2022
  • Video "Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind" Video 05:45
    Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind