01.09.2008

GesellschaftAufwärts

Ortstermin: Kreuzberger Jugendliche und Polizisten treffen sich an einer Felswand in der Sächsischen Schweiz.
Die Frau guckt nach oben. Sie sieht einen Polizisten, er krallt sich in eine Felswand. Sie guckt nach unten, zündet sich eine Zigarette an und tippt eine Nummer in ihr Handy. "Ey, hörst du mich?", fragt sie. "Ich sitz hier im Wald mit den Bullen. Auf 'nem Stein. Ist scheißkalt." Die Frau trägt eine schwarze Baseballmütze, eine schwarze Regenjacke, sie hat braune Haare, braune Augen, fast alles an ihr ist dunkel. Nennen wir sie Sofia, ihren Namen will sie lieber nicht gedruckt sehen, das ist nicht gut für ihren Job.
Sie raucht, sie guckt auf ihr Handy und auf den Felsen, an dem sich die Kletterer in den sächsischen Himmel ziehen. Sie redet von der Gewalt in ihrem Berliner Kiez, erzählt von Schlägereien zwischen "Arabs und Türken" und zwischen den Jungs und Polizisten, und wenn die Weiber sich prügeln, sagt sie, dann geht sie dazwischen, sie ist Streetworkerin, das ist ihr Job.
Vor ein paar Tagen rief ein Beamter des Polizeiabschnitts 53 an und fragte, ob sie mitfahren wolle in die Sächsische Schweiz in der Nähe von Dresden, drei Tage, mit anderen jungen Leuten und Polizisten aus Kreuzberg. Von Klettern sei keine Rede gewesen, sagt Sofia. Vielleicht hat sie es auch überhört. "Ich klettere nicht."
Sie bläst Rauch in den Wald, während sich die anderen schwitzend zum Gipfel wuchten, sieben Kreuzberger Polizeibeamte und vier Jugendliche aus Neukölln und Kreuzberg, die meisten mit sogenanntem Migrationshintergrund, ein Polizeipfarrer ist als Bergführer dabei. Man hängt am selben Seil, zieht am gleichen Strang, so denkt sich das die Polizei.
Man kann sich auch in den Abgrund ziehen und gemeinsam stürzen, das ist Sofias Erfahrung, von der Straße und überhaupt.
Sie kennt das Kiez-Misstrauen gegen Polizisten, sie soll helfen, es abzubauen, das ist schwer. Kann der Staat es gut meinen, wenn er sich intensiv für seine Bürger interessiert? Haben diese Polizisten, die sich mit Kreuzberger Jugendlichen befassen, vielleicht doch nur dasselbe Ziel wie der Innenminister, ihr Chef? Der in die Computer, die Telefone, die Köpfe der Menschen kriechen will, in seinem Sicherheitswahn?
Es geht um Nähe, das ist der Sinn des Programms "Stopp Tokat". Tokat heißt "Abziehen" auf Türkisch, es ist ein Berliner Programm gegen Straßengewalt.
Sofia seufzt. Sie weiß, was die Polizisten wollen. Sie wollen beweisen, dass Polizisten Menschen sind und mit Vornamen nicht ey! heißen, sondern Michael, Wolfram oder Jens. Sie wollen wie Freunde sein und ein bisschen cool vielleicht auch. Aber man findet sie nicht cool, normalerweise. Man findet sie arrogant wie Besatzer und hasst sie und versucht, sie auszutricksen, und manchmal, wenn sie sich zur falschen Zeit in den falschen Straßen zeigen, verprügelt man sie auch.
Sofia will nicht eng mit ihnen sein, sie spricht nicht wie ein Polizist, sie denkt nicht wie ein Polizist. Sie hatte selbst ihre raue Jugend, dann hat sie den Streetworker-Job übernommen, aber von der Wut von damals ist noch einiges da. Sie denkt, dass man ihr vertraut draußen auf den Straßen, deshalb kann sie etwas erreichen, das ist ihr Kapital.
Sie schaut nach oben, dort hängen die anderen vier, 15 bis 19 Jahre alt, keine Schläger, keine Kriminellen, nur eben jung und aus Neukölln und Kreuzberg, angeleint an einen ehemaligen SEK-Beamten. Sie hängen am Felsen, Seile baumeln, Beine und Hüften stecken in Klettergeschirr. Sie sollen den Polizisten beibringen, was ein Kreuzberger Jugendlicher so denkt, und später Kreuzberger Jugendlichen, was ein Polizist so denkt, als Botschafter, gewissermaßen. Sie reden nicht viel. Es ist merkwürdig, dass der Staat nicht mehr verbietet, sondern plötzlich angekumpelt kommt und klettern will.
Sofia sagt: "Die Bullen werden schlauer."
Abends, in der Pension "Zur Hoffnung" in Papstdorf, sagen drei der sieben Polizisten, sie seien für Kollegen eingesprungen, die krank waren oder keine Zeit hatten. Schön sei es hier. Wenigstens Michael Lisowski, 43 Jahre alt, ist absichtlich angereist. Er interessiert sich für Leute mit Migrationshintergrund. Er besucht regelmäßig Moscheen und Religionsvereine, er hat auch mit jungen Ausländern zu tun, und was er auf den Straßen sieht und was dort passiert, gefällt ihm nicht. Im Kreuzberger Wrangelkiez wurden vor zwei Jahren drei Beamte von 80 Jugendlichen attackiert. Die Jugend wird brutaler, unzugänglicher, sagen die Beamten. Alle sagen sie das.
Sofia drückt auf ihrem Handy herum, sie hat ziemlich viele Videos und Lieder darauf gespeichert, sie spielt eines davon ab. Ein Handy kann sehr laut sein. Sieben Polizisten rol- len die Augen und sagen nichts. Es ist der Pfarrer, der interveniert: "Jetzt ist Schluss!"
"Ey", ruft Sofia, "der ist gut, den kennt doch jeder, kennt ihr den nicht?" Sie schaltet ab.
Neben Sofia sitzt Michael Lisowski, und während sie von ihrer Musik erzählt und vom SO36, einem Konzertschuppen in Kreuzberg, horcht Lisowski auf. "Das SO36? Da war ich auch schon. Bei The Damned, sagt er. Sie stehen also abends in denselben Konzerthallen, die wütende Sofia und der Polizist, sie könnten jetzt weiterreden, aber das tun sie nicht.
Sie fragen nichts, sie sitzen nur nebeneinander und schweigen.
CHRISTOPH SCHEUERMANN
Von Christoph Scheuermann

DER SPIEGEL 36/2008
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