01.09.2008

GEWERKSCHAFTEN„Explosive Stimmung“

Detlef Wetzel, 55, zweiter Vorsitzender der IG Metall, über die kommende Tarifrunde und Ökonomen-Prognosen
SPIEGEL: Am kommenden Montag will der IG-Metall-Vorstand eine Empfehlung für die nächste Tarifrunde abgeben. Die Rede ist von einem Plus von bis zu acht Prozent. Wie kommen Sie auf diese Zahl?
Wetzel: Der Vorstand entscheidet nicht auf Basis eigener Selbstherrlichkeit. Wir haben einen Diskussionsprozess innerhalb der IG Metall in den Bezirken und den Betrieben. Und das sind die ersten Duftmarken, die gesetzt wurden. Es geht uns in dieser Tarifrunde um mehr - im doppelten Wortsinn. Um mehr Geld, klar, aber auch um mehr Gerechtigkeit und Wachstum.
SPIEGEL: Deutschlands Wirtschaft trudelt aber gerade in eine Flaute.
Wetzel: Wir reden hier von geringeren Zuwachsraten. Und wir wissen, dass die Nachfrage die Achillesferse der deutschen Wirtschaft ist. Der Export hatte zweistellige Zuwachsraten, gemessen daran hätten wir vier oder fünf Prozent Wachstum haben müssen. Dass wir nur auf rund zwei Prozent gekommen sind, liegt eben auch an der lahmen Binnenkonjunktur.
SPIEGEL: Ein altes Argument der Gewerkschaften. Was ist neu?
Wetzel: Wir wollen den Aufschwung stabilisieren. Die Arbeitgeber reden ihn kaputt. In den Belegschaften ist eine explosive Stimmung. Ihnen will man einreden, dass es schlechter wird. Wer glaubt, dass es schlechter wird, kauft aber auch kein Auto und kein neues Möbelstück.
SPIEGEL: Und das rechtfertigt Ihre enormen Forderungen?
Wetzel: Die Menschen fragen sich, was ist vom Aufschwung bei mir angekommen. Die Antwort ist fast immer: nicht mehr oder sogar weniger, obwohl die Wirtschaft läuft und die Gewinne in unserer Branche permanent steigen. Unsere Leute mussten mehr für Energie bezahlen, mehr für Lebensmittel, mehr für Benzin. Die kalte Progression ist ein Killer jeder guten Einkommensentwicklung. Daraus ergeben sich Forderungsdimensionen, die höher liegen als beim letzten Mal.
SPIEGEL: Auch Ökonomen warnen vor zu hohen Abschlüssen.
Wetzel: Die, die jetzt warnen, haben den Beginn des Aufschwungs nicht mitbekommen und noch kurz vor dem Aufschwung sinkendes Wachstum prognostiziert. Wir haben Auguren in dieser Gesellschaft genug, und sie haben eins gemeinsam: Sie liegen selten richtig. Wir erwarten in unserer Branche ein Wachstum von vier bis fünf Prozent. Die Arbeitgeber müssen aufpassen, dass sie nicht eine sich selbst erfüllende Prophezeiung initiieren. Wenn man allen Leuten einredet, dass es schlecht läuft, wird es auch schlecht laufen.

DER SPIEGEL 36/2008
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