01.09.2008

BANKENCowboys im Anzug

Für einen Spottpreis übernimmt der texanische Finanzinvestor Lone Star die marode Mittelstandsbank IKB. Unter deren Kunden geht nun die Angst um: Die Amerikaner gelten als rabiate Profit-Peitscher. Der Deal könnte noch dramatische Folgen für viele Betriebe zeitigen.
Mobiliar und Manager stammen aus der Insolvenzmasse. Der Chef trägt Schlägermütze und Piercings im Gesicht, sein Bürokollege Tarnhosen und Turnschuhe. Die Truppe von André Kegel, Geschäftsführer der Strike-Bike GmbH im ostdeutschen Nordhausen, legt nicht allzu viel Wert auf Äußerlichkeiten. Hauptsache, die Ruine ihrer alten Firma lebt wieder.
In der Produktionshalle hängen ein paar Dutzend neue Fahrräder verloren an Transporthaken. Auf dem Kocher in der Ecke des Pausenraums steht der Bockwursttopf, an der Wand hängen eine alte DDR-Karte sowie der "große Humorkalender". Monatsweisheit für den August: "Die Menschen erkennen erst ihr Paradies, wenn sie daraus vertrieben werden."
Kegel nickt. Das kennt er. Der US-Finanzinvestor Lone Star hatte Ende 2005 Kegels mittelständischen Arbeitgeber Biria, damals einer der größten Fahrradhersteller, übernommen. Es sollte der Start für ein gewaltiges Beteiligungsprogramm der Amerikaner an hiesigen Mittelstandsunternehmen werden.
Nach nur 18 Monaten und dem Durchmarsch unzähliger Unternehmensberater zog Lone Star in Nordhausen den Stecker. Kegel & Co. besetzten das Fabrikgelände, demonstrierten vor dem Frankfurter Sitz der "Heuschrecke" und produzierten in Eigenregie ein Streikrad - das Strike Bike.
Seit vier Monaten werkeln sie nun in den alten Hallen mit ihrer neuen GmbH. 4 Festangestellte und 17 Minijobber wollen es der Hochfinanz zeigen. "Lone Star behauptete, wir können hier nicht wirtschaftlich sein", sagt Kegel beim Gang durch die Geisterfabrik. Mit dem kostendeckenden Verkauf von beinahe 2000 Streikrädern habe man schon mal das Gegenteil bewiesen.
Das Verhältnis des deutschen Mittelstands zu Lone Star ist nicht nur in Nordhausen empfindlich gestört. Spätestens seit vorvergangener Woche ist es geprägt von Hysterie, Panik und düsteren Verdächtigungen. Denn pünktlich in die womöglich bevorstehende Konjunkturflaute hinein verkaufte die staatseigene KfW ihre angeschlagene Tochter IKB ausgerechnet an die eiskalten Vollstrecker aus Texas.
Der bisher größte Mittelstandsfinanzierer geht mit dem Segen von Finanzminister Peer Steinbrück für den bescheidenen Preis von rund 115 Millionen Euro an die Amerikaner. Für die milliardenschweren Fehlspekulationen der alten IKB-Führung kommen dagegen die Steuerzahler auf.
Doch nun wächst der Widerstand gegen den Kuhhandel mit einer Firma, die hierzulande mit dem Aufkauf maroder Immobilienkredite schon für so manche hässliche Schlagzeile sorgte. Auf der letzten Hauptversammlung der IKB machten frustrierte Aktionäre vergangenen Donnerstag ihrem Ärger entsprechend Luft.
Während die FDP noch zögert, fordern die Grünen und die Linken bereits einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Die IKB sei "verscherbelt" worden, wettert der Bund der Steuerzahler. Und im Heer der Mittelständler geht die Angst um, künftig im rüden Kredit-Rodeo der Finanz-Cowboys niedergetrampelt zu
werden. Immerhin bekommt Lone Star mit der IKB Einblicke in Tausende kleiner Betriebe, ihre Geschäftspläne, Bilanzen und Kredite.
Der Hamburger Wirtschaftsanwalt Josef Schlarmann kriegt das hautnah mit. Als Chef der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung von CDU / CSU erlebt er eine "riesengroße Besorgnis" (siehe Interview Seite 80).
Der bayerische Unternehmer Robert Drosten etwa verdient sein Geld in so investitionsintensiven Bereichen wie Automobiltechnik und Luftfahrt. Zwar gehört er derzeit nicht zu den rund 20 000 IKB-Firmenkunden, doch deren Sorgen versteht er bestens. Lone Star würden schließlich "alle sensiblen Daten auf dem Tablett serviert".
Selbst in der Finanzmetropole London, wo inzwischen auch Lone-Star-Gründer John Grayken lebt, kann man die deutsche Empörung durchaus verstehen. Die Manager der Düsseldorfer IKB hätten einerseits viel zu lange viel zu viele marode Firmen mitgeschleppt und - andererseits - versucht, sich die nötigen Profite mit Spekulationen im US-Hypothekenmarkt zu besorgen.
"Schwache IKB-Kunden müssen sich nun warm anziehen", sagt ein Investmentbanker. Künftig werde Lone Star die Profitmargen vergrößern und "risikoadäquate Kreditzinsen" verlangen. Je schwächer die Firma, umso teurer die Finanzierung - oder schmerzhafter die Abwicklung.
In einem "Zeit"-Interview räumte Karsten von Köller, Deutschland-Chef von Lone Star, ein, dass "die gegenwärtige Krise bei allen Banken zu höheren Kreditzinsen führen wird". Und wie man eine marode Bank rigoros auf Vordermann bringt, hat die Truppe bereits bei der ehemaligen Gewerkschaftsbank AHBR gezeigt.
Nach einem Milliardendebakel bekamen die Texaner das marode Geldhaus faktisch geschenkt. Sie strichen zahlreiche Jobs, verkauften Kredite weiter und trennten sich von Unternehmensbereichen.
Mit dem Geschäftsmodell von Lone Star muss man nicht lange warten, um als rücksichtslose "Heuschrecke" verschrien zu sein. Dabei gehören Sanierungen im Stil der Biria nicht mal zur Kernkompetenz von Grayken & Co. Lieber kauft die Firma kaputte Banken oder Pakete mit meist maroden Bankkrediten zu einem Bruchteil des Nominalwerts. Nur die aggressive Verwertung der Sicherheiten bringt die angestrebte Rendite von 20 Prozent plus X.
Die rohe Gangart bekam auch so mancher deutsche Hausbesitzer zu spüren. Egal, ob Dresdner Bank, Hypo Real Estate oder ING-Diba - beinahe die gesamte Prominenz der Hochfinanz entsorgte in der Vergangenheit bei Finanzinvestoren wie Lone Star milliardenschwere Pakete mit Problemkrediten. Deren Truppe fürs Grobe, die Hudson Advisors, machten sie dann zu Geld - nicht selten fern moralischer Mindeststandards.
Waren die Kreditverkäufe immer legal? Die Zwangsversteigerungen immer rechtens? Wurden gar gesunde Darlehen vollstreckt? Gab es Verletzungen des Bankgeheimnisses? Das sind die immer wiederkehrenden Fragen. Köller weist allerdings jede Schuld von sich: "Wir haben noch nie bei einem gesunden Darlehen vollstreckt."
Trotzdem beschäftigt die Firma deutsche Gerichte. Zuletzt sorgte ein Prozess in Kiel für Aufsehen. Eine Sparkasse hatte Immobiliendarlehen für einen Bauunternehmer an Lone Star verkauft. Dessen Versuch, im Mai 2007 Zwangsvollstreckungsmaßnahmen einzuleiten, blieb bislang ohne Erfolg. Das Kieler Landgericht stoppte sie und beurteilte den Verkauf der Kredite als vermutlich rechtswidrig. Nach einem gescheiterten Vergleich soll jetzt ein Schlichtungsverfahren folgen.
Aus seinen Erfahrungen mit Lone Star ergibt sich für Julius Reiter, Rechtsanwalt des betroffenen Bauunternehmers, eine klare Forderung an die Politik: "Den IKB-Kunden sollte ein kostenloses Sonderkündigungsrecht eingeräumt werden." Reiters Kanzleikollege ist der Ex-FDP-Innenminister Gerhart Baum. Der kritisiert den Verkauf der IKB an Lone Star unverblümt: "Das ist, als würde man einem Wolf die Betreuung einer Schafherde überlassen."
Doch egal, wie radikal der neue Eigner die IKB umbaut: Die Vergangenheit des Skandalinstituts harrt noch der Aufarbeitung. Rund zehn Milliarden Euro haben Bund und KfW in den vergangenen 13 Monaten in das marode Geldhaus gepumpt - um es jetzt für 115 Millionen Euro zu verkaufen. Für einen Teil der verbleibenden faulen Kredite und Wertpapiere in der Bank haben die KfW und der Bund zudem das Risiko übernommen, was noch einmal mit einem drohenden Verlust von 750 Millionen Euro zu Buche schlägt.
Der Staat kommt Lone Star noch dafür entgegen, dass er ihnen die Bank abnimmt - und elegant ein Problem entsorgt. Und das, obwohl ein anderer Finanzinvestor ebenfalls ein attraktives Angebot abgegeben hatte: Die RHJI-Gruppe um den ehemaligen Winterthur-Chef Leonhard Fischer wollte das Institut vor allem als Investmentbank für den Mittelstand unter allen Umständen erhalten. "Die hatten eigentlich das schlüssigere Konzept", sagt ein hochrangiger Regierungsbeamter.
Wieso also der Verkauf? Weshalb jetzt? Und warum ausgerechnet an Lone Star, das damit außerordentlich günstig an Tausende Geschäftsgeheimnisse und Bilanzen der hiesigen Industrie gelangt? Und wie konnte es überhaupt zu dem Desaster kommen? Wer ist dafür verantwortlich? All dies soll nun möglicherweise ein Untersuchungsausschuss klären, den die FDP lautstark gefordert hatte. Neuerdings aber scheinen die Liberalen Angst vor der eigenen Courage zu haben. Parteichef Guido Westerwelle traf sich vergangene Woche mit Finanzminister Steinbrück, um das Thema zu erörtern. Anschließend tat Westerwelle das, was er seinem Gesprächspartner in puncto IKB immer vorgeworfen hatte: Er schwieg. Man habe Vertraulichkeit vereinbart.
Die plötzlich eher zögerliche Haltung der FDP könnte mit den recht engen Kontakten einiger FDP-Größen zur Deutschen Bank zu tun haben, glauben Parteifreunde. Das Institut hat beim Niedergang der IKB eine höchst undurchsichtige Rolle gespielt.
Der Branchenprimus war laut eines Protokolls des KfW-Verwaltungsrats gleich in vier Funktionen für die IKB tätig. Die Deutsche Bank hat ihr unter anderem jene verhängnisvollen Kreditpakete verkauft, die das Institut an den Rand des Ruins getrieben haben - und das zu einer Zeit, als die Deutsche Bank solche Papiere schon aus dem eigenen Portfolio geräumt hatte, wie Bankchef Josef Ackermann indirekt zugab. Unwidersprochenen Medienberichten zufolge hat das Institut sogar aktiv auf einen Verfall solcher Papiere gewettet.
Der Wirtschaftsstrafrechtler Walter Perron kam schon im März in einem Gutachten für den CSU-Bundestagsabgeordneten Peter Gauweiler zu dem Schluss: "Das Verhalten von Mitarbeitern der Deutschen Bank gegenüber der IKB kann den Straftatbestand des Betruges verwirklichen." Durch eine Klage, die in den USA gegen die Deutsche Bank eingereicht wurde, sieht Perron die Anhaltspunkte inzwischen erhärtet, wie er Gauweiler schrieb.
Auch Axel Boetticher, Richter am Bundesgerichtshof, hatte vor wenigen Wochen gefordert, dass die Vorgänge um den Zusammenbruch der IKB strafrechtlich untersucht werden müssten.
Laut Perron könnten sich auch die Mitglieder des Vorstands der IKB sowie des Aufsichtsrats und die verantwortlichen Köpfe der KfW und des Bundes beim Thema IKB der Untreue schuldig machen - sollten sie die möglicherweise gegen die Deutsche Bank bestehenden Schadensersatzforderungen nicht geltend machen.
Gauweiler hat sowohl das Gutachten wie auch das erneute Schreiben an Finanzminister Steinbrück geschickt. Er will von dem Minister wissen, "ob und wie" ein möglicher Schadensersatzanspruch gegen die Deutsche Bank in "außerordentlicher Höhe" in "die Kaufpreisfindung für die IKB eingeflossen ist". Der CSU-Mann sagt, er habe "bis heute keine fundierte Antwort erhalten". BEAT BALZLI, WOLFGANG REUTER
* Links: Vor protestierenden Gegnern seiner Firma in Südkorea, April 2006; rechts: Auf der Jahrestagung des Bundesverbands der mittelständischen Wirtschaft am 9. April.
Von Beat Balzli und Wolfgang Reuter

DER SPIEGEL 36/2008
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