01.09.2008

Wirtschaft„Für 'n Appel und 'n Ei“

Der Christdemokrat Josef Schlarmann über die womöglich schwerwiegenden Folgen des IKB-Verkaufs
SPIEGEL: Herr Schlarmann, was wird sich bei der Mittelstandsbank IKB ändern, wenn sie nun einer US-amerikanischen "Heuschrecke" wie Lone Star gehört?
Schlarmann: Lone Star ist ein international aufgestellter Investor, der schnelle Renditen sucht und bislang nicht nur für positive Nachrichten sorgte beim Umbau von Firmen - um es vorsichtig auszudrücken. Die Kunden der IKB dagegen sind rund 20 000 mittelständische Betriebe aus Deutschland, die ihr Geschäft langfristig planen und ihre Zukunft sorgsam absichern wollen. Da prallen zwei Welten aufeinander, die nicht zusammenpassen.
SPIEGEL: Warum ist die Bank dann für die Amerikaner so interessant?
Schlarmann: Weil sie über drei unschätzbare Werte verfügt: Der wichtigste ist ihre Datenbank, also das gesammelte Wissen der IKB über ihre Industriekunden, deren Bilanzen, Patente, Strategien ...
SPIEGEL: ... das man auch nutzen kann, um Betriebe auseinanderzunehmen?
Schlarmann: Das ist leider nicht auszuschließen. Denn der zweite Vermögenswert ist der Instrumentenkoffer der IKB, mit dem sie auf ihre Kunden Einfluss nehmen kann, also Kreditverträge, Grundschuldvereinbarungen und vieles andere.
SPIEGEL: Die klassischen Daumenschrauben eines Bankers.
Schlarmann: Sehen wir es erst mal neutral - wie den dritten Wert, den Lone Star übernimmt: das IKB-Personal, das über all das Bescheid weiß. Das ist ein Spiegel hiesigen Mittelstands-Knowhows. All das bekamen die Amerikaner für 'n Appel und 'n Ei.
SPIEGEL: Unterliegt die IKB-Führung nicht dem Bankgeheimnis, das den Missbrauch der Daten verhindert?
Schlarmann: Darauf vertrauten ihre Kunden zumindest bislang. Aber wer sagt, dass die sich darauf in Zukunft noch verlassen können, wenn die Bank einem Investor gehört, der vor allem mit der Umstrukturierung von Firmen sein Geld verdient.
SPIEGEL: Steigt Lone Star also nun, zum Preis von schätzungsweise 115 Millionen für die IKB, quasi durch die Hintertür in den hiesigen Mittelstand ein?
Schlarmann: So sehe ich das. Und die Besorgnis der Betroffenen ist schon jetzt riesengroß. Da werden Ängste formuliert vom "Ausverkauf des deutschen Mittelstandes". Dabei wollte die Bundesregierung doch gerade Private-Equity- oder Hedgefonds kontrollieren oder draußen halten. Aber vielleicht hatte man da auch nur die großen Konzerne im Sinn.
SPIEGEL: Sie hätten die IKB jedenfalls nicht an Lone Star verkauft?
Schlarmann: Auf keinen Fall. Eher hätte man darüber nachdenken sollen, die IKB einfach in die Insolvenz gehen zu lassen. Stattdessen müssen aus dem Steuersäckel rund zehn Milliarden Euro bereitgestellt werden. Das ist mehr als doppelt so viel wie die Erbschaftssteuer, über die so gern geredet wird. Da ist was aus dem Lot geraten.
SPIEGEL: Schuld an Schieflage und Verkauf der IKB war vor allem deren Spekulation mit US-Immobilienkrediten.
Schlarmann: Ganz richtig. Und nun zahlt der Mittelstand die Zeche für ein paar größenwahnsinnige Provinzbanker. Das Institut hat aber auch vorher schon Fehler gemacht. Es war einfach zu sehr eine Art "Wohlfühlbank" der Industrie.
SPIEGEL: Finanzminister Peer Steinbrück weist jede Kritik an dem IKB-Deal zurück ...
Schlarmann: ... und sollte die Nase nicht so hoch tragen, auch wenn er ja gern so tut, als könnte er die Weltfinanzen verwalten. Stattdessen sollte er aufpassen, was direkt vor seiner Haustür geschieht. Aber der Bundesregierung ist wahrscheinlich noch gar nicht klar, was sie anrichtet. Man wollte das IKB-Problem einfach loswerden.
SPIEGEL: Könnte es sich noch verschärfen, wenn die Konjunktur nun abflaut?
Schlarmann: Natürlich. Die starken Betriebe kommen bei anderen Banken unter. Aber die Schwächeren müssen erst recht mit schlechteren Konditionen rechnen. Der IKB-Deal kann noch die gesamte hiesige Industriekultur verändern. INTERVIEW: BEAT BALZLI, THOMAS TUMA
Von Beat Balzli und Thomas Tuma

DER SPIEGEL 36/2008
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