01.09.2008

ENERGIEÖkologisch bedacht

Der Stromriese RWE steigt bei einer Firma ein, die Häuser mit Windrädern bestückt. Ein neues Geschäftsmodell?
Sie sehen aus wie gigantische Rührstäbe eines elektrischen Handmixers. Mit rund fünf Meter Höhe und etwa drei Meter Durchmesser passen sie zwar in keine Küchenschublade, aber immerhin in Gärten, auf Hügel, Garagen- oder Hausdächer.
Und wenn es nach dem Willen des Essener Stromversorgers RWE geht, dann sollen diese Rotoren dort in den nächsten Monaten und Jahren zu Tausenden installiert werden - in Deutschland, im Rest Europas oder auch in den USA.
Denn bei den skurrilen Gestängen handelt es sich nicht um futuristische Skulpturen, sondern um Hightech-Windgeneratoren der allerneuesten Generation. Ohne große Geräuschentwicklung und ausladende Flügel drehen sie sich - egal, aus welcher Richtung der Wind gerade weht. Wegen ihrer geringen Größe und eines durchaus akzeptablen Gewichts sind sie auf Dächern und auf Hochhäusern unschwer zu installieren und erzeugen bis zu 10 000 Kilowattstunden Strom pro Jahr.
Das reicht aus, um zwei Niedrigenergiehäuser oder ein 20-Mann-Büro mit Strom zu versorgen. Produziert werden die Rotoren in geringer Stückzahl von einer jungen Firma in Großbritannien, an der sich der deutsche Stromriese RWE mit einem vorerst kleinen Anteil beteiligt hat.
Obwohl das Unternehmen namens Quietrevolution (zu Deutsch: stille Revolution) erst im Jahr 2005 gegründet wurde und erste Turbinen erst Ende vergangenen Jahres fertiggestellt wurden, können die Jungunternehmer bereits achtbare Erfolge vorweisen. So wurde ihr Windrad mit Design- und Technikpreisen dekoriert. Und auch im praktischen Betrieb ist der QR5, wie das erste Modell getauft wurde, mittlerweile in England zu sehen.
An der Kings College School in Wimbledon etwa wurde eine Anlage aufgestellt. Kommerziell werden die Turbinen inzwischen auf einigen Hochhäusern und bei einer größeren Pub-Kette betrieben.
So wurde auf das Projekt auch der Energieriese RWE aufmerksam. Denn dort ist für den Ausbau des Geschäfts mit erneuerbaren Energien seit einigen Monaten Fritz Vahrenholt zuständig, der sich in der Branche auskennt wie kaum ein anderer.
Der Ex-Chef des Windanlagenbauers Repower hat bei RWE bereits viel bewegt. Vahrenholt setzte Milliardeninvestitionen in Offshore-Windparks durch und baut Biogasanlagen. Außerdem legte er ein Projekt auf, um innovative Jungfirmen zu suchen. "Bei Quietrevolution war mir sofort klar, dass mit dieser Windturbine der Traum vieler Menschen nach einer eigenen, dezentralen Stromversorgung erfüllt werden könnte - selbst da, wo keine Sonne scheint und kein Stromnetz vorhanden ist", sagt der RWE-Vorstand.
Trotzdem warnt er vor zu großer Euphorie. "Den Energiemix werden wir auch mit dieser Turbine nicht ändern." Dazu ist die Leistung noch zu gering und der Preis der Anlagen viel zu hoch. So schlägt allein die Turbine bisher mit rund 30 000 Euro zu Buche. Dazu kommen Kosten für Installation und Wartung. Damit wären die Anlagen zumindest in Deutschland aktuell eher ein Prestige- oder Werbeobjekt für ökologisch bewusste Besserverdiener.
Doch genau das könnte sich mit den RWE-Millionen ändern. Schon gibt es Überlegungen, die teuren Carbon-Fasern durch billigere Materialien zu ersetzen. Auch die Leistung der Turbinen könnte noch erheblich gesteigert werden. Sollten sich die Turbinen bewähren, wäre eine Massenproduktion in einem Billiglohnland wie China möglich. Die Kosten, so das Kalkül, dürften dann dramatisch fallen - vorausgesetzt, die Nachfrage stimmt. Doch daran besteht kaum Zweifel.
Vor einigen Tagen hat etwa New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg einen Vorstoß gemacht, den man bei RWE aufmerksam registrierte. "Wir haben eine Menge Wind und sehr hohe Gebäude - daraus werden wir Energie gewinnen", kündigte er an. RWE hofft nun auf stürmische Zeiten. FRANK DOHMEN
Von Frank Dohmen

DER SPIEGEL 36/2008
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