01.09.2008

VERBÄNDEMann mit Vergangenheit

Zu ihrem neuen Präsidenten küren die Industriebosse des BDI ausgerechnet Hans-Peter Keitel. Der war lange Chef des affärengeschüttelten Baukonzerns Hochtief.
Hans-Olaf Henkel kennt sich aus mit den Präsidenten des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) und deren Anforderungsprofil. Er hatte den Posten ja selbst bereits inne.
"Es gibt viele, die den Job wollen", sagt Henkel. "Und es gibt viele, die den Job können. Nur sind das selten die Gleichen."
Jürgen Thumann beispielsweise, der seit 2005 an der Spitze des einst mächtigsten deutschen Industrieverbands steht, ist einer, der den Job unbedingt wollte. Bis zuletzt spielte der 67-Jährige mit dem Gedanken, erneut für eine zweijährige Amtszeit zu kandidieren. Doch angesichts der vielen Pannen und des glücklosen, bisweilen naiven Agierens des Lobbychefs stieß Thumanns Wunsch bei seinen acht Vizepräsidenten auf wenig Gegenliebe.
Was der Mann anpackte, missriet meist. Egal, ob es um die Ernennung des Parlamentarischen Geschäftsführers der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Norbert Röttgen, zum Hauptgeschäftsführer ging, um die geplante Fusion mit der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) oder um den Versuch, den internen Streit zwischen Energieversorgern und ihren industriellen Abnehmern zu schlichten.
In Thumanns Ära sackte unter Wirtschaftsführern, Politikern, aber auch Journalisten die BDI-Außenwahrnehmung, die der Verband regelmäßig in Umfragen messen lässt, immer weiter ab.
"Letztendlich haben wir gute Leute, die Herrn Thumann überzeugen konnten, dass es Zeit für einen Neuanfang ist", sagt ein BDI-Insider.
Am Donnerstag vergangener Woche gab er dann mit den üblichen Worthülsen seinen freiwilligen Rückzug zum Jahresende bekannt: Als designierten Nachfolger präsentierte Thumann zugleich den früheren Hochtief-Chef Hans-Peter Keitel. Seine Kollegen zeigten sich artig überrascht und lobten die Entscheidung, wie sich das in solchen Fällen gehört.
Der Neue soll dem Verband seinen einstigen Stolz wiedergeben - und seine Bedeutung. Sein Auftrag lautet, den BDI, der 100 000 Unternehmen mit acht Millionen Beschäftigten vertritt, wieder zu einem Machtfaktor zu machen.
Keine leichte Aufgabe in einer Republik, in der die Interessen der Industrie immer schwerer durchsetzbar sind. Doch vor allem: Die Mission wird durch Keitels Vergangenheit nicht leichter. Denn Hochtief selbst ist schon seit vielen Jahren ein affärengeplagter Konzern, der sich immer wieder Korruptionsvorwürfen erwehren musste. Und Keitel führte das Unternehmen von 1992 bis 2007 sogar als Vorstandschef.
Angesichts der jüngsten Wirtschaftsskandale von Lidl bis Telekom, angesichts des ramponierten Images deutscher Top-Manager, angesichts des tiefen Falls einstiger Ikonen wie etwa Heinrich von Pierer (Siemens) oder Klaus Zumwinkel (Deutsche Post) braucht gerade der BDI einen über jeden Zweifel erhabenen Top-Mann an seiner Spitze.
Einen, der moralische Integrität ausstrahlt und, wenn nötig, auch mit der eigenen Zunft hart ins Gericht ginge - schon aus Gründen von Glaubwürdigkeit und Hygiene. Ist Keitel dafür der Richtige?
Immerhin kommt er aus einem Unternehmen, das jahrzehntelang in der alten Deutschland AG verwurzelt war. Und in kaum einer anderen Branche wird zudem schon fast traditionell so viel gemauschelt und gefingert, getrickst und zugleich gejammert wie auf dem Bau. Heute wie früher.
Immer wieder war Hochtief mit dabei. Beim Berliner Großflughafen Schönefeld zum Beispiel erhielt die Firma 1999 zwar den Zuschlag für den Bau. Doch die Ausschreibung wurde wegen schwerer Fehler bei der Vergabe für nichtig erklärt, Hochtief dann sogar vom Bieterverfahren ausgeschlossen, später aber wieder zugelassen.
Beim zweiten Anlauf wurde das Airport-Projekt dann so ausgeschrieben, dass nur Hochtief eine Chance hatte, sich zu bewerben. Der technische Leiter der Flughafengesellschaft kam zufälligerweise von Hochtief. Die Baufirma gab prompt das einzige Gebot ab, die Ausschreibung musste erneut wiederholt werden.
Im Zuge der Ermittlungen um den Kölner Müllskandal war Hochtief dadurch aufgefallen, dass ein Top-Manager des Konzerns Mitarbeiter des Öffentlichen Dienstes, aber auch private Bauherren schon mal zu Segeltörns in die Karibik einlud, zur Fußball-WM in die USA oder zu den Salzburger Festspielen. Zudem baute der Konzern für den damaligen Thyssen-Manager Hans Jakob Zimmermann eine Privatvilla um - und machte dabei laut Gutachtern mindestens 200 000 Euro Verlust.
Selbst in Tschechien stand Hochtief im Visier der Korruptionsermittler. Zwei Mitarbeiter hatten laut Polizeiangaben 2001 mit Schmiergeldern den Bau eines Altenheims in Böhmen an Land gezogen.
Der jüngste Fall von Merkwürdigkeit: Beim Bau des prestigeträchtigen Jade-Weser-Ports in Wilhelmshaven ermittelt die Staatsanwaltschaft - wegen Vorteilsannahme. Auch hier hatte ein Gericht die Vergabe an Hochtief für nichtig erklärt. Der Baukonzern bestreitet jegliche Vorwürfe.
Einer wie Keitel jedenfalls, der in der ruppigen Branche zu Hause ist, kennt alle Tricks. Das ist einerseits gut. Der gelernte Ingenieur hat die rauen Sitten der hemdsärmeligen Branche überlebt, was man für Durchsetzungsstärke halten kann. Von so einem wird Klartext erwartet.
Ob er den BDI-Job wirklich wollte, ist nicht bekannt. WOLFGANG REUTER
Von Wolfgang Reuter

DER SPIEGEL 36/2008
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