01.09.2008

VERLAGEAnonyme Anklagen

Bei Springer wächst der Unmut über mangelnde Führungskultur. Top-Manager verlassen den Konzern. Vorstandschef Mathias Döpfner geht in die Offensive.
Normalerweise hat Mathias Döpfner euphorisierende Botschaften parat, wenn er einmal im Jahr seine Manager um sich sammelt. Doch als der Chef der Axel Springer AG am Donnerstag vergangener Woche in Berlin ans Rednerpult schritt, zeigte er sich reichlich zerknirscht. Die Führungskultur des Verlags, berichtete Döpfner seinen rund 500 Managern, lasse zu wünschen übrig. In einer internen Umfrage, von einer eigenen Arbeitsgruppe initiiert, seien Worte wie "hierarchisch", ja "diktatorisch" gefallen. Döpfner zeigte sich über den Befund "erschrocken".
Für die anwesenden Spitzenkräfte kam die Diagnose weniger überraschend. Zum Führungsstil im Konzern waren nämlich nicht einfache Mitarbeiter bei "Bild", "Welt" oder "Hörzu" befragt worden, sondern die 500 Führungskräfte selbst, anonym und im Intranet.
Vor allem für Döpfner ist das Ergebnis ärgerlich: Noch vor seinem Antritt als Vorstandschef vor sieben Jahren hatte er versprochen, in dem bis dahin von einem intriganten Altherren-Club geleiteten Verlag ein "Milieu zu schaffen, in dem die Besten sich wohl fühlen und entfalten. Eine Art United Artists", so Döpfner.
Stattdessen dünnt sich derzeit die Riege hochrangiger Manager aus. Einzelfälle, sagen die einen. Zeichen einer Führungskrise, orakeln die anderen. Döpfner spiele "mit seinen Managern Menschenschach und verliert dabei wichtige Figuren", so ein Top-Mann.
Den Anfang machte im Dezember "Bild"-Geschäftsführer Christian Nienhaus, der frustriert zur Konkurrenz abzog. Der 48-Jährige hatte bis dahin für Traumrenditen bei dem Massenblatt gesorgt und wähnte sich damit qualifiziert für einen Vorstandsposten als oberster "Bild"-Boss. Doch Döpfner, der wohl ohnehin lieber ein auf drei Mann reduziertes Gremium nach US-Vorbild hätte, schlug die Verantwortung für die "Bild"-Gruppe seinem Super-Vorstand Andreas Wiele zu.
Der zentralisierte die Vermarktung aller "Bild"-Titel und Zeitschriften und delegierte die heikle Mission an den früheren Burda-Mann Philipp Welte. Doch auch der verlässt nun zum Jahresende das Haus. Offiziell bestätigen mag das freilich niemand.
Die Situation ist unschön: Der Werbemarkt leidet unter der schwachen Konjunktur, und ein Nachfolger steht noch nicht fest. Der aussichtsreichste Kandidat, Peter Würtenberger, Chef der "Welt"-Gruppe und als solcher direkt Döpfner unterstellt, würde den Job wohl gern machen, aber dem Vernehmen nach lieber dem Gesamtvorstand als Wiele allein unterstehen.
Einen Beleg, wie es um die Kultur bei Döpfners Vereinten Artisten bestellt ist, witterten einzelne Mitarbeiter vorvergangene Woche: Da prangte in der Berliner "Bild"-Ausgabe ein Partyfoto von Würtenberger: in quietschgelbem Hemd mit aufgedruckten Kiwis, den Oberschenkel der Gastgeberin umschlungen. Die Lesart im Haus: "Bild", der "Welt"-Gruppe in inniger Feindschaft verbunden, wolle schon mal zeigen, was man von Würtenberger hält. Völliger Quatsch, versichern Beteiligte.
Würtenberger hatte sich zuvor schon mal andere Jobs angesehen. Und auch Ex- "Welt am Sonntag"-Chef Christoph Keese, in die Rolle des Chef-Lobbyisten weggelobt, dürfte bei guter Gelegenheit gehen.
Döpfner, so scheint es, hat das Problem erkannt: Auf der Party nach dem Management-Treff vergangene Woche schwärmten der Chef und seine drei Vorstände mit Videokameras umher. Für das Projekt "V-TV", abgekürzt für Vorstandsfernsehen, wollten sie von ihren Managern wissen, was an der Führungsleistung der Top-Riege zu verbessern sei. Auch ein "Führungsleitbild" wurde verabschiedet. Künftig sollen alle Manager inklusive Vorstand von ihren Mitarbeitern bewertet werden.
Am Ende bekam jeder noch ein iPhone geschenkt. Das verbessert vielleicht noch nicht das Klima, aber womöglich die Kommunikationsfreude. ISABELL HÜLSEN
Von Isabell Hülsen

DER SPIEGEL 36/2008
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