01.09.2008

SOMALIALand in Auflösung

Knapp vier Monate vor dem vereinbarten Abzug der äthiopischen Truppen ist das Land am Horn von Afrika von geordneten Verhältnissen weiter entfernt als je zuvor. Die Übergangsregierung hält nicht eine Region unter Kontrolle. Der Präsident und der Premierminister mussten nach Äthiopien ausfliegen, um in einem Schlichtungsgespräch ihre Differenzen beizulegen. Im Süden des Landes haben die islamistischen Schabab-Rebellen die Kontrolle über die Hafenstadt Kismaju übernommen; rund 1,5 Millionen Menschen sind auf der Flucht.
Präsident Abdullah Jussuf Ahmed und Premier Nur Hassan Hussein sind heillos zerstritten, seit der Premier den Bürgermeister von Mogadischu absetzte - einen Gefolgsmann des Präsidenten -, dem Veruntreuung und Beteiligung an einem Erpresserring vorgeworfen werden.
Außer Kontrolle ist auch die Piraterie längs der Küste Somalias. Nachdem vor kurzem innerhalb von nur 48 Stunden vier Schiffe entführt worden sind, darunter zwei Tanker, ist die Ölroute durch den Golf von Aden zu einer der riskantesten Passagen weltweit geworden. Der Bürgermeister von Eyl im Nordosten des Landes sagt unumwunden: "Die Piraten sind stärker als wir." Bei den Lösegeldforderungen geht es mittlerweile um Millionen Dollar. Nach Dutzenden Entführungen haben die Piraten ihre Ausrüstung deutlich verbessert. In den Häfen liegen ihre Schnellboote, hochmotorisiert und schwerbewaffnet. Ganze Dörfer leben von der Piraterie. Einzelne Anführer sind zu lokalen Größen aufgestiegen und haben ihren Reichtum in Villen und westliche Autos investiert.
In Somalia herrscht seit dem Sturz des Diktators Siad Barre im Jahr 1991 Anarchie. Ein von den USA geführter Blauhelm-Einsatz endete 1994 im Debakel; ein Mob schleifte einen toten amerikanischen Soldaten triumphierend durch die Straßen der Hauptstadt. Bis heute sind mehrere Übergangsregierungen daran gescheitert, die Kontrolle über Mogadischu wiederzugewinnen. Im Jahr 2006 eroberten dann die fundamentalistischen Milizen des "Rates der islamischen Gerichte" weite Teile des Landes. Mit Einverständnis der USA marschierten daraufhin äthiopische Truppen in Somalia ein, vertrieben die Islamisten, konnten aber nicht den Frieden sichern. Seit Monaten kämpfen Soldaten der Übergangsregierung, unterstützt von der äthiopischen Armee, wieder gegen die Islamisten. Eine gut 2000 Mann starke, aber miserabel ausgerüstete Friedenstruppe der Afrikanischen Union kann nur machtlos dem Treiben zuschauen.

DER SPIEGEL 36/2008
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SOMALIA:
Land in Auflösung

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