01.09.2008

SUDAN„Wir sind überfallen worden“

Johan van der Kamp, 46, Regionalkoordinator der Deutschen Welthungerhilfe in Khartum, über die Einstellung der Lebensmitteltransporte nach Darfur
SPIEGEL: Am vergangenen Mittwoch haben Sie Ihre Lieferungen eingestellt. Warum?
Van der Kamp: Am 19. August wurde einer unserer Konvois zum zweiten Mal innerhalb eines Monats in Norddarfur überfallen. Eine Bande hatte unseren Leuten aufgelauert: Acht vermummte Männer versteckten sich hinter einem Felsen, an einer Stelle, an der unser Konvoi langsamer fahren musste. Sie stoppten die vier Lastwagen, haben unsere Mitarbeiter herausgezerrt, auf den Boden geworfen und bedroht. Sie mussten alles abgeben, Geld, Mobiltelefone, persönliche Habe, sie mussten sich sogar ausziehen. Dann sind die Männer mit den Lkw abgehauen. Am 17. Juli waren wir schon einmal überfallen worden, damals wurden sogar unsere Fahrer entführt.
SPIEGEL: Für wen arbeiten diese Banden?
Van der Kamp: Wir wissen es nicht. Sie tragen Kampfanzüge, manche auch Turbane. Es könnten gewöhnliche Kriminelle sein oder auch Angehörige von Rebellengruppen. Die finanzielle Versorgung der Rebellen scheint nicht mehr gesichert zu sein, seit sie in rivalisierende Fraktionen auseinandergefallen sind. Jede Gruppe muss für ihre Finanzen selbst sorgen, auch durch Überfälle.
SPIEGEL: Hatten es die Wegelagerer auf Ihre Hilfsorganisation abgesehen?
Van der Kamp: Am 19. August sind wir nicht zufällig überfallen worden. Wir glauben sogar, dass die Banditen über unseren Transport informiert worden waren. Das Gebiet, das wir durchfahren, ist 200 mal 300 Kilometer groß, dort operieren mindestens 20 lokale Commander, die wir einen Tag vorher anrufen müssen, wenn ein Transport ansteht. Sie sagen uns dann, wir könnten durchfahren, sie hätten die Gebiete unter Kontrolle, aber das stimmt nicht mehr. Wir befürchten, dass sie die Informationen an Leute weitergeben, die uns als Zielscheibe sehen.
SPIEGEL: Was werden Sie jetzt tun?
Van der Kamp: Solange die Situation für unsere Mitarbeiter lebensbedrohlich ist, wird es keine Transporte geben. Diese Entscheidung fällt im denkbar schlechtesten Moment, denn die nächste Ernte kann erst ab Ende Oktober eingefahren werden. Wir haben eine Liste aller wichtigen Leute in Norddarfur, von Rebellenkommandanten und lokalen Führern. Wir werden sie fragen, ob sie uns Lösungen anbieten können. Wenn sie keine haben, dann ist es aus - und das wäre eine Katastrophe für die Menschen in Darfur.

DER SPIEGEL 36/2008
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