01.09.2008

KRIEGSVERBRECHERKaradzic schweigt

Elf Punkte umfasst die Anklageschrift gegen Radovan Karadzic vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Dem ehemaligen Führer der bosnischen Serben wird Völkermord und Vertreibung vorgeworfen, darunter die Belagerung von Sarajevo mit etwa 10 000 Toten und das Massaker in Srebrenica an 8000 Menschen. Bei seinem zweiten Auftritt vor Gericht am vergangenen Freitag schwieg Karadzic zu den Vorwürfen. Ihm sei von dem ehemaligen US-Unterhändler Richard Holbrooke 1996 Straffreiheit versprochen worden, behauptete er. Das von der Uno ins Leben gerufene Tribunal sei ein "Gericht der Nato" und mit seiner "Liquidierung" betraut, fügte er hinzu. Karadzic war am 21. Juli in Belgrad nach jahrelanger Flucht verhaftet und an Den Haag ausgeliefert worden. In Serbien und Bosnien nahm die Öffentlichkeit kaum Notiz von seinem Auftritt vor Gericht. Dagegen berichteten die Zeitungen ausführlich darüber, dass sich in den vergangenen Wochen Geheimdienstler beider Länder zu einer Besprechung getroffen hätten. Dabei sei es um Ratko Mladic gegangen, den mit Haftbefehl gesuchten General der bosnischen Serben, der ebenfalls für das Massaker in Srebrenica verantwortlich gemacht wird. Er soll sich abwechselnd in Serbien und der Bunkeranlage Han Pijesak in Bosnien verstecken. Dort gibt es ein unterirdisches Labyrinth, das schon Tito als Waffenlager gedient hatte. Mladics noch immer zahlreiche Anhänger hoffen, dass ihr Idol nicht wie Karadzic und der frühere Staatschef Slobodan Milosevic vor dem Tribunal in Den Haag landet. Als Soldat habe er sich eine Kugel in den Kopf zu schießen, riet der serbische Radikalenführer Tomislav Nikolic.

DER SPIEGEL 36/2008
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