01.09.2008

USADie Furcht vor der Angst

Kann Barack Obama wirklich der erste schwarze Präsident in der Geschichte Amerikas werden? Auf ihrem Parteitag in Denver machten sich die Demokraten Mut für ihre historische Entscheidung - und zeigen großen Respekt vor McCains Wahlkampfmaschine.
Es wäre ganz einfach, wenn sie alle wie Bill Clinton wären, so schlau und so schnell im Kopf, so dreist vor allem und so drastisch, aber nichts ist mehr einfach in Amerika. Die Demokraten sind nun mal die Lieben und Netten, so verstehen sie sich selbst, sie wollen nicht sein wie Clinton. Es würde bloß helfen, wenn sie wenigstens einen hätten, der das kann, was Clinton kann, vielleicht sogar einen, der so ist, wie Clinton damals war, als er kandidierte, 1992.
So jung, so neugierig, so machtbewusst, so entschlossen.
Es ist Mittwochabend in Denver, blau schimmert die Halle namens Pepsi Center, und Clinton sagt, genau so einen hätten sie doch, einen wie er selbst einer war, "den Mann für diesen Job", der "eine bemerkenswerte Fähigkeit hat, Menschen zu inspirieren", einen mit "Intelligenz und Neugierde", "klarem Verständnis von Außenpolitik", gestählt durch die langen Vorwahlen.
18 Monate lang konnte Bill Clinton den Namen kaum aussprechen, ohne zu würgen, heute sagt er die fünf Silben 15-mal: Barack Obama. Er sagt sie nicht nur, er singt sie, und dann ruft er: Vor 16 Jahren haben die "Republikaner versucht, mich kleinzureden". Sie hätten gesagt, er sei zu jung und unerfahren. Jetzt würden sie das Gleiche wieder versuchen, mit Obama. Der aber sei "bereit" für das Amt, und dann singt Präsident Clinton diese sechs Silben: "Präsident Obama".
Der Schrei, der nun durch die Halle geht, hat etwas Orgiastisches. Es ist ein Schrei der Befreiung. "Yes, we can!", brüllen 20 000 Menschen, und es ist kein Ritual mehr, durch Wiederholung stumpf gewordener Slogan, es ist wieder ein Glaubensbekenntnis.
Vielleicht, das sagt der Schrei, können wir's wirklich. Es ist der Schrei dieser vier Tage von Denver, und vielleicht wird der Moment, in dem Bill Clinton den Kandidaten krönt, einmal jener Moment gewesen sein, der Barack Obama zum ersten schwarzen Präsidenten Amerikas machte.
Es steht dann ein wolkenloser Abendhimmel über dem Invesco-Stadion, einen Tag später, hell erleuchtet ragen 14 griechisch inspirierte Kunststoffsäulen aus dem Spielfeld. Als "Obama-Tempel" und "Barackopolis" haben die Republikaner das Bühnenbild verspottet, denn die Republikaner sind dreist und drastisch, eine ganze Partei wie Bill Clinton, und hier bei den Demokraten spürt man schon wieder die Furcht.
Davor, dass es schiefgehen wird. Wie so oft. Davor, dass sie selbst ihren Kandidaten zerreden könnten, wie 2000 Al Gore, wie 2004 John Kerry. Davor, dass sie am Ende recht gehabt haben werden mit ihrer Politik, aber im Weißen Haus sitzt wieder ein Republikaner.
Und diesmal?
Barack Obama tritt ans Podium, schaut beherrscht in die Menge, minutenlang lässt sie ihn nicht zu Wort kommen. Aber Obama will nicht Popstar sein, nicht Verführer der Massen, sondern solide, kompetent und stark. "Unser Land steht im Krieg, die Wirtschaft ist in Aufruhr", sagt er.
Zwei Monate ist die Wahl noch entfernt, Barack Obama ist der erste schwarze Präsidentschaftskandidat in der Geschichte der USA. Immer wieder hat ihn sein Gegner McCain als abgehoben kritisiert, als unerfahren, nun dreht Obama die Kritik um. "Senator McCain hat in mehr als 90 Prozent aller Fälle wie Bush abgestimmt. Er redet gern über das Urteilsvermögen anderer, aber was sagt es über sein eigenes Urteilsvermögen aus, wenn er denkt, Bush hat in 90 Prozent recht?"
Er wird dann konkret, konkreter als in seinen lyrischen Reden. Über Steuerpolitik spricht er, über Umwelt und Bildung, er kämpft, und endlich wirkt es, als kämpfe dieser Mann den Kampf seines Lebens.
Die amerikanischen Demokraten haben etwas Verzagtes. In den vergangenen 40 Jahren waren sie nur 12 Jahre lang an der Macht, aber immer der Meinung, dass sie eigentlich dran wären. Weil sie die bessere Außenpolitik, die besseren Kandidaten, die bessere Steuerpolitik hätten, von Bildung, Infrastruktur, Gesundheit nicht zu reden, und die besseren, die guten Menschen seien sie sowieso. So denken sie.
So dachten sie auch hier wieder, in den ersten Stunden des Parteitags von Denver. Und staunten, ganz starr, darüber, wie die republikanische Wahlkampfmaschine gegen Obama arbeitete. Und flehten, dass die Clintons sich hinter die Obamas stellen würden. Eine wunde Partei, kein Aufbruch nirgends.
Leider gewinnen auch weniger nette Menschen amerikanische Wahlen.
"Ihr seid Steuererhöher, wir sind Patrioten", das riefen ihnen die Republikaner entgegen, und die Demokraten sagten verhuscht: "Ist ja gar nicht wahr." Das Seltsamste an diesem Schauspiel ist, dass die Demokraten alle vier Jahre davon überrascht werden und keinen Ausweg finden.
Vor diesem Parteitag hatten sie dabei zugesehen, wie ihr Kandidat Obama als Berühmtheit ohne Substanz gezeichnet wurde. Es war ein Wahlkampf der Images geworden: Dass Obama noch vor Wochen als Ausnahmebegabung und als Manager der modernsten Wahlkampagne seit langem gerühmt worden war, spielte keine Rolle mehr, so wenig wie die Tatsache, dass sein Gegner, John McCain, 72 Jahre alt und manchmal ein bisschen fahrig, zu jener Partei gehört, die das Land in den Irak-Krieg geführt hat.
Es war um Werbung gegangen vor Denver. Weichei und Snob gegen Offizier und Weltmann - das war die Alternative, die die Republikaner zeichneten, und das wirkte sich aus, denn vor Denver lag McCain nach Monaten wieder fast gleichauf und in manchen Umfragen sogar in Führung. Der Republikaner hat erheblich bessere Werte als seine eigene Partei, Obama inzwischen deutlich schlechtere als die Demokraten.
Ist Obama also wirklich der richtige Kandidat?
Eigentlich sind die Demokraten ja ziemlich stolz auf die eigene Courage, schon Obamas Nominierung wird ja in die Geschichte eingehen, aber wäre nicht doch Hillary Clinton die bessere Kandidatin gewesen?
Hillary Clinton hält eine große Rede. Es ist Dienstag in Denver, Hillary sagt, sie sei "stolze Unterstützerin Obamas". Die Frauen im Saal weinen, und die Männer begreifen, was für eine Symbolfigur ja auch Hillary ist. Müsste sie nicht eigentlich die Nummer zwei sein, mindestens? Sollte Obama ihr nicht zumindest ein Ministerium geben, jetzt schon, und ein wichtiges?
Nur eine Meile von Obamas Parteitagsarena entfernt haben die Republikaner ih-re Kommandozentrale zur Feindaufklärung eingerichtet.
Der "War Room", in einem Hinterhof versteckt, sieht aus wie eine verdeckte Operationseinheit des FBI: fensterlose Büros, Unmengen von Laptops, Flachbildschirmen und Telefonen. Über 20 Parteisoldaten beobachten jede Bewegung der Demokraten und schlagen in Sekundenschnelle zurück.
"Message control" - Aufpassen auf die Botschaft - lautet ihr Auftrag, sie tun alles, um jeder Nachricht, jeder Rede aus dem Obama-Lager den passenden "spin", den eigenen Dreh, zu geben. "Wir schauen, wo McCains Leistungen verzerrt und die von Obama übertrieben wurden", sagt Bill Riggs, einer der jungen Menschen hier. Und dann wird auf allen Kanälen zurückgefeuert, per E-Mails, Blogs, Web-Videos und Interviews.
Unsicherheiten aufgreifen, Ängste beschwören, die Selbstzweifel der Demokraten verstärken: Das ist die Taktik McCains - und das wird die Mission auch für Sarah Palin sein, die Gouverneurin von Alaska, seine Überraschungskandidatin für die Vizepräsidentschaft.
Auf den Straßen Denvers entfaltet sich wieder jener Kulturkrieg, der sonst täglich durch Amerikas Blogs, Radiosendungen und TV-Talkshows schwappt. Es gibt Demonstrationen gegen Schwule ("Homo-Sex ist Sünde") und gegen Guantanamo. Vier Männer sind in Haft, weil sie angeblich Obama umbringen wollten. Die "Grandparents for Obama" essen Eis am Stiel, andere erwarten, dass Gott Obama in die Hölle verbannen wird. Die Polizei rückt mit Tränengas und Schlagstöcken an, es kommt nicht oft vor, dass eine Stadt wie Denver so aussieht wie Kreuzberg am 1. Mai.
Weil Amerika so gespalten ist in Schwarz und Weiß, Arm und Reich, Linke und Rechte, so wenig tolerant, so unschlüssig auch, wenn es um seinen neuen Platz in der Welt geht: Aus all diesen Gründen gilt es, den Ruf der beiden Kandidaten zu zementieren.
Gesucht wird die Zauberformel, die sich festsetzt in den Köpfen und Herzen der Amerikaner, die ihr Bild von Barack Obama und John McCain nachhaltig prägt. McCain weiß nicht, wie viele Häuser er besitzt? Nicht schlecht, aber das reicht noch nicht. Russland greift Georgien an, während Obama Ferien auf Hawaii macht? Sehr gut, mehr davon!
Die Zauberformel wird entscheiden, wer am 4. November gewinnt. Im Kern sind die Präsidentschaftswahlen nichts anderes als eine Charakterfrage, ein großer, epischer Test in Sachen Führungsstärke und Vertrauenswürdigkeit. Vier Tage Parteitag lassen sich für Obama auf eine Frage reduzieren: Ist er zu jung fürs Weiße Haus, oder ist er reif dafür?
Ein paar hundert Meter vom Pepsi Center entfernt sitzt ein Delegierter aus Michigan in einem "Starbucks", ein Menschenrechtsanwalt mit deutschen Vorfahren. "Ick heißen Herr Nacht", sagt er. Und Herr Nacht erzählt dann, was keiner sonst ausspricht in den Tagen von Denver, Herr Nacht spricht von Rasse. Er sagt, jeder weiße Kandidat mit Obamas Fähigkeiten läge 20 Prozentpunkte vorn: "Was glaubst du, warum McCain mithalten kann?"
Herr Nacht ist weiß, er hat Hillary Clinton unterstützt, aber in Denver stimmt er für Obama, er sagt: "Es gibt in diesem Land eine weiße Unterschicht, Menschen, die wir mit Zeitungen, Reden, Internet nicht erreichen. Arbeiter, Arbeitslose, jedenfalls weiße Männer. Denen ging es bei allen Wahlen der vergangenen 40 Jahre darum, dass ihr Geld nicht in Sozialprogrammen für Schwarze verschwand, das hier ist ein rassistisches Land. Ich rede nicht von einem, nicht von Hunderten, das sind Millionen. Und diese Leute müssen wir dazu bringen, dass sie einen Schwarzen zum Präsidenten wählen. Wie machen wir das?"
Herr Nacht sagt, dass die Republikaner mit ihren Angriffen auf den angeblich so elitären Obama letztlich genau dies sagen wollen: "Er hat einen komischen Namen. Er ist auf Hawaii geboren. Er war in Indonesien, wo zum Teufel liegt Indonesien? Er ist keiner von uns, er ist schwarz. Und dem wollt ihr unser Land anvertrauen?"
Ein verlorenes Spiel also, der ganze Parteitag ein weiterer vergebener Matchball?
Aber dann drehen die Demokraten das Spiel doch noch, nach und nach. Es sind die Reden, die großen Auftritte, die den Demokraten Hoffnung für den 4. November geben.
Edward Kennedy: Gezeichnet vom Hirntumor, gequält nun auch noch von Nierensteinen, schleppte der Alte sich ans Podium, wankte ein bisschen, rief: "Yes, we can, and finally, yes we will" - Ja, wir können es und ja, wir werden es auch schaffen."
Danach Michelle Obama: Im türkisfarbenen Kleid, brav frisiert, zeigte sie Amerika ihre sanfte Seite. Sie sagte: "Ich liebe meinen Mann und bin ein normales Mädchen aus dem Süden Chicagos, das den amerikanischen Traum lebt." Und natürlich ist das grotesk, dass eine Frau, so stark und schlagfertig und sarkastisch wie sie, sich ducken muss, damit die weißen Millionen ihren Mann wählen können, aber sie spielt auch diese Rolle mit Leichtigkeit, es scheint kein großes Opfer zu sein.
Es kommt John Kerry, gescheiterter Kandidat von 2004, und Kerry sagt es. Er sagt, dass John McCain, abgeschossen über Hanoi im Herbst 1967, fünf Jahre Gefangener, ein verdienter Soldat sei, aber was habe das mit der Wahl von heute zu tun, vier Jahrzehnte später?
Es kommt Joseph Biden, 65, Obamas Kandidat als Vizepräsident, und seine Vorstellung wird zum rührendsten Moment des Parteitags. Bidens Sohn Beau, 39, betritt die Bühne, Justizminister in Delaware, bald wird der Reservist in den Irak gehen. Der Sohn berichtet in wenigen Worten, wie das Schicksal ein Loch in das Leben des jungen Joseph Biden riss, damals gerade zum Senator gewählt. Ein Lastwagenfahrer rammte das Auto mit dessen Frau und den drei kleinen Kindern; nur die zwei Söhne, drei und vier Jahre alt, überlebten schwer verletzt.
Diese Geschichte erzählt der Sohn, und Tausende im Publikum haben feuchte Augen. Der Sohn erzählt, wie der Vater jeden Abend mit dem Zug anderthalb Stunden nach Hause pendelte, um bei seinen Kindern zu sein. Und dass er das heute noch mache.
Mit der Nominierung Bidens, so sagt es Bill Clinton, "hat Barack Obama den Ball aus dem Stadion gehämmert". Das ist die klassische amerikanische Metapher: der Home Run im Baseball, der finale Schlag, der schönste aller Punkte.
In der Nacht auf Freitag haben die Demokraten das Selbstvertrauen zurückgewonnen. Eine Aufbruchstimmung scheint zu entstehen wie damals, in den frühen Jahren der Clinton-Regierung.
Am Ende seiner 44 Minuten auf der Bühne des Stadions von Denver ist auch Barack Obama wieder bei sich selbst. Er zitiert Martin Luther King, der vor genau 45 Jahren seine größte Rede gehalten hat, "I have a dream". "Amerika, wir können nicht umkehren", ruft Obama ins Flaggenmeer, "wir müssen wieder geloben, in die Zukunft zu marschieren." Denn schließlich, das vor allem: "Wir sind ein besseres Land als dieses hier."
In Minneapolis-St. Paul werden in dieser Woche John McCain und Sarah Palin versuchen, diese Bilder zu kontern. Die Republikaner werden versuchen, sich selbst als Hort der Werte Amerikas darzustellen, und sie werden Obama verspotten als Mann der Show. Sarah Palin ist neu auf der großen Bühne, sehr konservativ, sie war Bürgermeisterin, ist seit Dezember 2006 Gouverneurin, 44 ist sie und fünffache Mutter.
Wird das alles zu klein sein für Obama? Oder gerade richtig, nämlich erdnah und populär, auch für all die enttäuschten Jüngerinnen Hillary Clintons?
In Denver, Colorado, fiel am Donnerstag Konfetti auf die Bühne, es gab ein Feuerwerk, es war wie neulich in Peking, und so sollte es sein: Wir können mithalten mit euch, das sollte das Signal von Denver sein.
Michelle Obama, die Töchter, Biden und seine Frau kamen auf die Bühne. Ted Kennedy fehlte, auch Bill Clinton war nicht mehr da. Obamas Parteitag endete im Familienfest, das neue Oberhaupt war er.
KLAUS BRINKBÄUMER, FRANK HORNIG,
MARC HUJER, CORDULA MEYER
Von Klaus Brinkbäumer, Frank Hornig, Marc Hujer und Cordula Meyer

DER SPIEGEL 36/2008
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