01.09.2008

KRIMINALITÄT„Alle waren scharf aufs Geld“

Der Brite Misha Glenny über die weltweite Ausbreitung des organisierten Verbrechens und sein Mafia-Buch
Glenny, 50, war BBC-Korrespondent in Wien und lebt heute in London.
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SPIEGEL: Mr. Glenny, warum haben Sie für Ihr Buch* einen Titel gewählt, der an eine bekannte Fast-Food-Kette erinnert?
Glenny: Das organisierte Verbrechen ist seit 1990 weltweit gewachsen und Bündnisse eingegangen. Und einige Gruppen wie die sehr gefürchteten Tschetschenen erlauben sogar, ihren Namen zu benutzen, um Gegner einzuschüchtern. Sie sind quasi Franchise-Geber wie die Burger-Brater.
SPIEGEL: Gibt es weltumspannende Verbrecher-Organisationen?
Glenny: Nicht im engeren Sinn. Aber im Kokainhandel gibt es durchaus einen hohen Organisationsgrad, der von der Herstellung bis ins Abnehmerland reicht. So trafen sich Ende 1992 kolumbianische Kokainkartelle und europäische Gangster auf der Karibikinsel Aruba, um den Kokainschmuggel nach Europa auszuweiten - übrigens auf Einladung italienischer Anwälte aus Brasilien.
SPIEGEL: Ist die italienische Mafia denn immer noch so mächtig?
Glenny: Auf jeden Fall hat die kalabrische 'Ndrangheta rechtzeitig ihre Gewinne aus den Entführungen in den Kokainhandel gesteckt und ist damit unermesslich reich geworden. Allerdings drängten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion un-
glaublich viele neue potente Gruppen auf den Markt, die anders funktionierten als die klassische italienische Mafia. Deren alter Clan-Loyalität stand purer Funktionalismus gegenüber. Diese neuen Gruppen wollen ausschließlich hohen Profit.
SPIEGEL: Haben sie die Mafia verdrängt?
Glenny: Nein, denn diese Gruppierungen waren zunächst im eigenen Land beschäftigt. Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus verschwand nicht nur eine Ideologie, sondern der ganze Staat löste sich auf. Allein Bulgarien hat 14 000 Mitarbeiter seiner Sicherheitsbehörden entlassen, die plötzlich arbeitslos waren und die nichts anderes konnten als schmuggeln, überwachen und Netzwerke aufbauen.
SPIEGEL: Und deshalb haben manche dieser Länder bis heute keine rechtsstaatlichen Strukturen aufgebaut?
Glenny: Der Anteil ist groß, aber man darf auch nicht vergessen, dass diese Banden den Aufbau des Kapitalismus überhaupt erst ermöglicht haben.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Glenny: Diese Gruppen waren in den Wirren jener Zeit die Geburtshelfer des neuen Wirtschaftssystems. Da es weder eine funktionierende Polizei noch Gerichte gab, haben die Kriminellen die Spielregeln festgelegt und dafür gesorgt, dass sie eingehalten wurden. So war es in Russland und auch in der Ukraine.
SPIEGEL: Im Westen herrschte damals die Angst, osteuropäische Banden könnten sich hier ausbreiten. War die Befürchtung unbegründet?
Glenny: Die sind doch nicht blöd. Sie wollen hier keinen Streit, sondern ihr Kapital sicher anlegen. Seit dem Ende des Kalten Krieges sind zwischen 200 und 300 Milliarden Dollar aus Russland abgeflossen und vorwiegend in westlichen Industrienationen angelegt worden.
SPIEGEL: Alles Mafia-Geld?
Glenny: In Teilen sicher, aber die Abgrenzung ist schwierig. Das Geld stammte vorwiegend aus dem Öl- und Gasgeschäft und wurde etwa über Israel, Zypern, Deutschland und Großbritannien gewaschen.
SPIEGEL: Hat also die Globalisierung dem organisierten Verbrechen geholfen?
Glenny: Auf jeden Fall. Mit der enormen Zunahme der internationalen Waren- und Kapitalflüsse stieg auch der Anteil der kriminellen Gelder, ohne dass es Möglichkeiten der Kontrolle gab.
SPIEGEL: Wieso hat der Westen tatenlos zugesehen?
Glenny: Alle waren scharf auf das Geld, und Russland war bis weit in die neunziger Jahre hinein ein weißer Fleck. Niemand wusste, was da los war. Gleichzeitig gelangten russische Mafiosi über Budapest und Prag problemlos in die EU.
SPIEGEL: Wie groß schätzen Sie den Einfluss Krimineller im ehemaligen Ostblock?
Glenny: Einige Staaten waren zumindest zeitweise in der Hand von Kriminellen. Unter dem Deckmantel der Kriege im ehemaligen Jugoslawien etwa bildete sich eine panbalkanische Mafia, die über alle konfessionellen Gegensätze hinweg Westeuropa mit Drogen, Prostituierten und billigen Zigaretten versorgt hat. Inzwischen scheinen in Serbien die Politiker wieder den Gang der Dinge zu beherrschen, wie die Festnahme von Radovan Karadzic zeigt. Bulgarien, das immerhin schon in der EU ist, steht hingegen auf der Kippe.
SPIEGEL: Andere Länder auch?
Glenny: Sierra Leone und Liberia laufen Gefahr, zum Handlanger kolumbianischer Drogenkartelle zu werden. Denn eines ist sicher: Der von den USA ausgerufene Krieg gegen Rauschgift hatte nur zur Folge, dass immer mehr Drogen produziert und die Bosse immer reicher wurden.
SPIEGEL: Wie belegen Sie diese These?
Glenny: Nie zuvor waren Drogen so billig und leicht verfügbar. London, Mailand und Berlin werden überschwemmt von Rauschgift. In Afghanistan werden unter den Augen der Nato Opium-Rekordernten eingefahren. Das kann doch nur bedeuten, dass dieser Krieg einstweilen verloren ist.
SPIEGEL: Wie könnte man ihn gewinnen?
Glenny: Vielleicht sollte man damit beginnen, Marihuana freizugeben und aus den Erfahrungen lernen. Denn schon bald werden chemische Drogen den Weltmarkt überschwemmen, die viel billiger und einfacher herzustellen sind.
SPIEGEL: Sie behaupten, der Anteil verbrecherischen Kapitals an der Weltwirtschaft betrage bis zu 20 Prozent ...
Glenny: ... das ist das Gesamtvolumen inklusive Korruption und Steuerhinterziehung. Klassische Verbrechen machen fünf bis sechs, Drogenschmuggel ein bis zwei Prozent des Weltbruttosozialproduktes aus. Fast alle Regionalkonflikte dieser Welt werden mit kriminellen Geldern finanziert.
SPIEGEL: Zum Beispiel?
Glenny: Am gravierendsten ist für mich der Kongo. Dort haben Russen und Ukrainer mit Hilfe von Israelis, Südafrikanern und Franzosen Waffen an die Milizen geliefert und sich mit Diamanten, Kupfer und Coltan bezahlen lassen. Diese Stoffe fließen dann irgendwo wieder in den legalen Markt. Ohne Coltan zum Beispiel könnte kein Handy, kein Laptop, keine Spielkonsole produziert werden.
SPIEGEL: Wie wird sich die Organisierte Kriminalität weiterentwickeln?
Glenny: Das Verbrechen wird sich geschmeidig neuen Herausforderungen anpassen. Es ist die flexibelste Kraft der Welt, noch dazu nicht gebunden an irgendwelche Regeln oder Gesetze. Es wird aber Gewalt nur noch als letztes Mittel anwenden. Die Bosse haben gelernt, dass Mord und Totschlag nur Aufmerksamkeit nach sich ziehen und die Geschäfte stören.
SPIEGEL: Wie können Regierungen solche Formen der Kriminalität eindämmen?
Glenny: Internationale Zusammenarbeit ist die einzige Chance. Man kann die Polizeibehörde Europol kritisieren, etwa für ihre bürokratischen Zwänge, aber in der Konsequenz ist sie das richtige Modell.
SPIEGEL: Seit dem 11. September 2001 hat der islamistische Terrorismus die übrige Kriminalität aus dem Blickpunkt der Öffentlichkeit verdrängt. Wie schätzen Sie die Gefahr ein?
Glenny: Der Kampf gegen Terror unterliegt denselben falschen Voraussetzungen wie der Kampf gegen Drogen. Wir sollten Ursache und Wirkung nicht verwechseln. Durch Organisierte Kriminalität sterben viel mehr Menschen als durch Terrorismus, sie zerfrisst Staaten, fördert Korruption, finanziert Kriege, zerstört Bürgerrechte. Sie treibt den Terrororganisationen den Nachwuchs zu. INTERVIEW: ANDREAS ULRICH
* Misha Glenny: "McMafia. Die grenzenlose Welt des organisierten Verbrechens". DVA, München; 528 Seiten; 24,95 Euro.
Von Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 36/2008
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