01.09.2008

PAKISTANEine Zeit der Rache

Wer wird Präsident in diesem Land, das die Taliban bedrohen? Wie in den neunziger Jahren liefern sich der Bhutto-Clan und Nawaz Sharif eine bittere Fehde.
Der Mann war am Ende, privat und beruflich. Fast elf Jahre hatte Asif Ali Zardari in pakistanischen Gefängnissen verbracht, und Psychiater attestierten ihm, er sei ein Nervenbündel, traumatisiert und emotional instabil, mit krankhaften Konzentrationsschwächen. Bei den Untersuchungen erinnerte sich der Patient mit dem nach hinten gegelten Haar nicht einmal an die Geburtsdaten seiner Frau und seiner Kinder. Die Ehe des Geschäftsmanns mit Benazir Bhutto, der Ikone der pakistanischen Politik auch im Londoner Exil, galt als zerrüttet.
Pakistanische und Schweizer Staatsanwälte jagten Zardari wegen des Verdachts auf Geldwäsche. Als Minister für Auslandsinvestitionen im Kabinett seiner Frau soll er Sorge getragen haben, dass ihm bei der Vergabe von Aufträgen ein Anteil zufiel.
Verächtlich nannten ihn die Pakistaner "Mr. zehn Prozent".
Das war im Sommer 2007, seither ist manches anders gekommen. Erst kehrten er und seine Frau nach Pakistan zurück. Dann, im Dezember, starb Benazir Bhutto, die beste Chancen auf ein Comeback gehabt hätte, bei einem Attentat. Ihr Erbe will nun der Witwer antreten in einem Land, das keine Schulpflicht kennt, aber mindestens 50, wenn nicht 100 Atomsprengköpfe besitzt.
Die Pakistan Peoples Party (PPP), die stärkste Partei im Land, liebte Benazir Bhutto, die wenig erfolgreiche Ministerpräsidentin zwischen 1988 und 1996. Zardari hingegen erfreut sich keiner besonderen Sympathien, er wurde nach dem Tod seiner Frau notgedrungen als Nachfolger akzeptiert. Die PPP verfügt nun über die meisten Stimmen im Parlament - Demokratie ist die beste Rache, lässt der trauernde Witwer auf die Parteibanner schreiben.
Überhaupt scheint Rache für ihn eine große Rolle zu spielen. So verhinderte Zardari die Wiedereinsetzung des Obersten Richters Iftikhar Chaudhry und 60 weiterer Juristen, die Pervez Musharraf abgesetzt hatte, um seine eigene Macht zu sichern. Damit brach Zardari sein wichtigstes Wahlversprechen, weshalb dann auch die Koalition mit dem ewigen Konkurrenten Nawaz Sharif platzte. Mit ihm hatte er nach der Wahl im Februar eine Koalitionsregierung gebildet, die nicht lange halten konnte und bei der ersten Krise zerbrach. Zu groß sind die Gegensätze zwischen diesen beiden Männern.
Zardari ist wieder so unglaubwürdig wie zuvor. Womöglich wird deshalb seine Schwester Faryal Talpur, die für die PPP im Parlament sitzt, an seiner Stelle für die Präsidentschaft kandidieren - der Job soll in der Familie bleiben.
An Zardaris Schlüsselrolle würde ein Verzicht wenig ändern. Als Witwer bleibt er der Marionettenspieler im Hintergrund, so lange, bis sein Sohn Bilawal, 19 Jahre alt und Student in England, die Führung übernehmen kann oder muss.
Dass die Regierung wegen der Frage der Rehabilitierung der Richter zerfiel, ist kein Zufall. Zardari mag sie nicht. Jahrelang musste er ohne rechtskräftiges Urteil im Gefängnis schmoren. Zudem stellt der Oberste Richter Chaudhry, dem seine Absetzung riesige Popularität einbrachte, eine Gefahr dar. Musharraf sorgte dafür, dass Verfahren wegen Korruption gegen fragwürdige Figuren wie Benazir Bhutto und ihren Mann fallen gelassen wurden. Chaudhry würde wohl, zurück im Amt, die Untersuchungen wieder aufnehmen. Dann wäre die gute Zeit für Zardari schnell vorbei.
Darauf hofft Nawaz Sharif, 58, der Parteiführer der Pakistan Muslim League mit dem Buddha-Gesicht und dem schütteren Haar. Auch er durfte im vorigen Herbst aus dem Exil zurück; sieben Jahre hatte er in Saudi-Arabien gelebt. Der Industrielle aus dem Punjab war ebenfalls Premierminister gewesen und berief 1998 Musharraf zum Armeechef, weil er ihn politisch für ungefährlich hielt. Ein Jahr später stürzte ihn Musharraf in einem dramatischen, aber unblutigen Coup.
Benazir Bhutto und Sharif waren erbitterte Konkurrenten. Sie wechselten einander als Premierminister ab, ihre Rivalität war durchaus persönlich geprägt. Sharif ist der politische Ziehsohn des Generals Zia ul-Haq, der Bhuttos Vater, einst ebenfalls Premier, im Jahr 1979 hinrichten ließ.
Vergangene Woche zog sich Sharif aus der Regierung zurück. Er sucht jetzt, genauso wie Zardari, unter den kleineren Parteien nach Verbündeten für die Wahl des Präsidenten. Er will nun einen pensionierten Richter unterstützen, Saeeduzzaman Siddiqui. Auch Sharif hat Lust auf Rache, an Zardari.
Sharif war kein guter Ministerpräsident und vor allem alles andere als ein guter Demokrat. Er paktierte mit den frommen Muslimen und wollte sogar die Scharia einführen. Jetzt aber schwingt er sich auf zum leidenschaftlichen Verteidiger des Rechtsstaates. Und das kommt gut an. Viele Pakistaner haben offenbar vergessen, dass sie vor fast acht Jahren auf den Straßen tanzten, als er das von ihm heruntergewirtschaftete Land verlassen musste.
Und was macht Pervez Musharraf, der Bhutto und Sharif den Weg zurück ebnete? Er musste als Präsident zurücktreten, um einem peinlichen Amtsenthebungsverfahren zu entgehen. Er hat in Islamabad ein neues Haus gebaut und möchte gern als Privatmann in der Heimat bleiben. Allerdings geht schon das Gerücht um, er werde eine Pilgerreise nach Saudi-Arabien antreten oder in die Türkei fahren, um dann nicht zurückzukehren. Er hat genug Gegner, die sich an ihm rächen und ihn doch noch vor Gericht ziehen wollen. Das Exil wäre, so gesehen, das geringere Übel.
"Bye-bye Pakistan", sagte Musharraf am Ende seiner dramatischen Rücktrittsrede
Mitte August und erhob wie im Schmerz die geballten Fäuste.
Eigentlich erlebt Pakistan gerade eine Zeitreise in die Vergangenheit. Musharraf, der Bhutto-Clan, Sharif: Die handelnden Figuren sind dieselben wie in den neunziger Jahren, nur in anderen Rollen. Wer gestern oben war, ist heute unten und umgekehrt.
Indessen erstickt das Land fast an seinen Problemen: Die Lebensmittelpreise explodieren, etwa ein Drittel der Menschen lebt von weniger als einem Dollar am Tag. Die Talibanisierung greift vor allem im Nordwesten und in den Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan um sich. Fast täglich explodieren Bomben, gezündet von Selbstmordattentätern.
Aber wer wird künftig den Krieg gegen den Terror führen? Diese Frage stellt sich auch die amerikanische Regierung, die auf Musharraf gebaut hatte.
Die eigentliche Macht im Land ist nach wie vor die Armee. Ihr neuer Chef Ashfaq Parvez Kayani hat Verbindungen zu allen Seiten. Er absolvierte einen Teil seiner militärischen Ausbildung im US-Fort Leavenworth und war Benazir Bhuttos militärischer Berater. Musharraf vertraute ihm bis zuletzt, Kayani wurde erst Chef des mächtigen Geheimdienstes Inter-Services Intelligence (ISI) und dann Armeechef.
Der schweigsame Mann, der Zigaretten dreht und gut Golf spielt, zeigt noch keine Ambitionen, das politische Vakuum zu füllen, das da entstanden ist. In Hintergrundgesprächen ließ er wissen, das Militär müsse die Extremisten besiegen, das sei seine Aufgabe, es solle aber damit aufhören, sich in die Politik einzumischen. Er jedenfalls wolle den ehemals guten Ruf der Streitkräfte wiederherstellen. Der ist ziemlich angeschlagen.
CIA-Agenten legten unlängst Belege vor, wonach der ISI mit den Militanten zusammenarbeitet und in den Anschlag auf die indische Botschaft in Kabul verwickelt war, bei dem am 7. Juli 58 Menschen starben und über 140 verletzt wurden.
Die Sache sieht nicht gut für uns aus, sagt ein amerikanischer Offizier zur Lage diesseits und jenseits der Grenze. Zardari suche für seine Regierung auch nach Verbündeten unter den religiösen Gruppen und den Paschtunen-Parteien in dieser Region. Hat er Erfolg, wie soll er dann, als Präsident, effektive Militäraktionen gegen Extremisten starten, ohne als Marionette des Westens zu gelten, der den Krieg der Amerikaner führt - wie Musharraf?
Zardari und Sharif treiben ihr Spiel weiter. Beim letzten Mal griff der Armeechef ein und beendete den Spuk: mit einem Putsch. SUSANNE KOELBL
* Vor Fotos von Benazir Bhutto und ihrem Sohn Bilawal.
* Bei seinem Amtsabschied am 18. August.
Von Susanne Koelbl

DER SPIEGEL 36/2008
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