01.09.2008

CHINADer Mann in Wohnung 6

Bao Tong saß im Zentralkomitee der KP, fiel in Ungnade und kam ins Gefängnis. Seine alten Genossen halten ihn für eine Gefahr, weil er noch immer für mehr Demokratie eintritt.
Es ist nicht einfach in Peking, den alten Mann zu besuchen, der vor knapp 20 Jahren zu den einflussreichsten Politikern Chinas gehörte. Seine Freunde und Kollegen von damals versuchen zu verhindern, dass er sich mit Ausländern trifft. Sie wollen auch nicht, dass er mit chinesischen Journalisten und Historikern redet; nicht einmal sein Freund, der Philosoph Liu Xiaobo, darf vorbeikommen. Man sieht in ihm eine Gefahr.
Eine ganze Horde Agenten der Staatssicherheit bewegt sich sehr auffällig rund um das 24-stöckige Haus, in dem Bao Tong wohnt. Sie wollen die Ausweise sehen, ein Uniformierter schreibt die Namen der Besucher in eine Kladde. Er ist höflich und bittet, im Foyer Platz zu nehmen. Auf seinem Tisch sind elektronische Geräte montiert, an der Wand hängen Kameras, eine Frau im blau-weißen Polohemd drückt den Fahrstuhlknopf.
Im sechsten Stock, Wohnung 6, öffnet ein schmaler Mann mit großer Brille und blauem Hemd die Tür. Bao Tong ist 76 Jahre alt, er war Mitglied im Zentralkomitee, er leitete in den achtziger Jahren die tägliche Arbeit des Staatsrats, er war so etwas wie in Deutschland der Chef des Bundeskanzleramtes. Bao schrieb Reden für den damaligen Parteichef Zhao Ziyang, der ihm vertraute. Im Auftrag der KP-Führung dachte er zudem darüber nach, wie das politische System reformiert werden könnte. Die Partei, so lautete seine Grundidee, solle sich aus den Regierungsgeschäften zurückziehen, sie solle ihre allgegenwärtige Kontrolle aufgeben - das totalitäre kommunistische System hätte sich weiter geöffnet, wenn es nach Bao Tong gegangen wäre. Leider ging es nicht nach ihm.
Als im Frühjahr 1989 die Studenten solche Gedanken aufgriffen und auf den Straßen Pekings die Korruption anprangerten, als sie in Sit-ins und Kundgebungen mehr Demokratie verlangten, da beschwor Bao gemeinsam mit Zhao die grauen Eminenzen der Partei, sie sollten die Armee nicht gegen diese jungen Idealisten einsetzen.
Doch die Genossen um den Patriarchen Deng Xiaoping erinnerten sich an den Mao-Spruch, wonach die Macht aus den Gewehrläufen kommt. Unweit Bao Tongs heutiger Wohnung rollten die Panzer der Volksbefreiungsarmee, schossen die Soldaten in die Menge. Hunderte, wenn nicht Tausende Zivilisten, die meisten von ihnen Studenten, starben in diesen ersten Junitagen im Jahr 1989.
Zhao wurde für die "Konterrevolution" verantwortlich gemacht. Er verlor alle Ämter. Bis zu seinem Tod im Januar 2005 stand er unter Hausarrest.
Bao Tong verschwand für sieben Jahre in Einzelhaft im Qincheng-Gefängnis vor den Toren der Stadt: wegen "Verrats von Staatsgeheimnissen und konterrevolutionärer Propaganda". Nach seiner Entlassung stand auch er immer wieder unter Hausarrest und natürlich unter ständiger Beobachtung.
Zum Schweigen haben sie ihn aber nicht gebracht. Im August 2007 war er einer von 42 Intellektuellen, die in einem offenen Brief an die KP-Führung die Beachtung "universeller Menschenrechte" und eine öffentliche Kontrolle der Olympiafinanzen forderten.
Jetzt sitzt er in seiner hellen, aufgeräumten Wohnung. An der Wand hängen Aquarelle und ein Familienfoto mit Enkelin. Das alte Jingxi-Hotel, in dem das Zentralkomitee tagt, dem er damals angehörte, liegt um die Ecke.
"Ich wünsche mir, dass sich der olympische Geist des ,Fairplay' in der chinesischen Gesellschaft ausbreitet", sagt Bao blumig. Die Marktwirtschaft sei "nicht echt, weil sie nach wie vor von der Regierung kontrolliert wird". Und China nenne sich "Volksrepublik", obwohl es keine "demokratischen Wahlen und Meinungsfreiheit" gibt. Wenn aus dem Land eine "wahre Republik" und eine wirkliche "Marktwirtschaft" werde, so glaubt er, "dann wären die Olympischen Spiele in unserem Land nicht vergebens gewesen".
Sehr optimistisch ist der betagte Marxist allerdings nicht. Er hält den neuen Mittelstand im Land, der sich mit Eigentumswohnungen, Autos und Laptops zufriedengibt und nicht an der Einparteienherrschaft rütteln will, für "kurzsichtig". Denn die Stabilität, nach der diese Leute sich sehnten und die ihnen die KP garantieren wolle, könne nicht bewahrt werden, "wenn ständig die Rechte der normalen Bevölkerung verletzt werden", meint Bao. Sobald sich Menschen fänden, die ihre Rechte einklagten, schlage die Polizei auf sie ein. "Ich bin auch für Stabilität, aber es sollte eine Stabilität auf der Basis von Fairness und der Verfassung sein."
Bao spricht konzentriert, er zitiert Mao Zedong, Deng Xiaoping und Karl Marx. Aber war nicht auch er früher einer der KP-Funktionäre, die unschuldige Menschen ins Gefängnis warfen und von Meinungsfreiheit wenig hielten? Bao holt sich eine Teetasse und lächelt: "Zu unserer Zeit gab es wenige solcher Fälle. Wir haben versucht, die Fehler zu korrigieren." Zudem habe sein Mentor Zhao dafür plädiert, den Einfluss der Partei auf die Gerichte zu mindern und die Zensur abzuschwächen. "Dieser Kurs ist damals vom Zentralkomitee und vom Politbüro akzeptiert worden."
Ein Funktionär, mit dem Bao in jenen Tagen eng zusammenarbeitete und der mit Zhao kurz vor dem Massaker auf den Tiananmen-Platz gelaufen war, um die Studenten anzuflehen, nach Hause zu gehen, ehe die Panzer rollten, überlebte auf wundersame Weise das große Aufräumen in den Reihen der Partei: Wen Jiabao. Er ist heute Premierminister und im Politbüro die Nummer drei.
Bao erinnert sich an ihn als einen "Menschen, der sehr ernsthaft arbeitete". Seit den unruhigen Tagen im Juni vor 19 Jahren haben sich die beiden weder gesehen noch gesprochen. Kein Anruf, kein Geburtstagsgruß? "Nein, unmöglich", antwortet Bao.
Wen Jiabao gehört nun zu jenen Spitzenfunktionären, für die Pressefreiheit, Unabhängigkeit der Justiz und demokratische Wahlen bedeutungslos sind. Während der Olympischen Spiele sollten sie der Freiheit wenigstens eine kleine Schutzzone einräumen, in drei Parks. Daraus machten sie eine Falle: Zwei alte Frauen, die wie vorgeschrieben bei der Polizei ihre Demonstration anmeldeten, sollen offenbar für ein Jahr in ein Umerziehungslager geschickt werden. Sie wollten gegen die Vertreibung aus ihren Wohnungen protestieren.
Die Furcht der KP vor mehr Freiheit erklärt sich Bao so: "Manche Parteimitglieder sorgen sich, dass sie ihr Leben verlieren könnten, so wie einst der rumänische KP-Chef Ceausescu, als der Ostblock zusammenbrach." Diese Angst hält er für unbegründet: Mehr Freiheit werde auch mehr Vitalität für die KP bedeuten - und mehr Vertrauen der Menschen in sie.
Auf einem Regal steht eines der seltenen Fotos, das Zhao Ziyang, den verfemten KP-Chef, im Hausarrest zeigt. Sein Haar ist schlohweiß, er trägt ein Jeanshemd. Nach seinem Tod wollten Bao und seine Frau die Familie Zhao besuchen, um zu kondolieren. Sicherheitsbeamte stellten sich dem Paar in den Weg, stießen Bao in den Flur zurück und warfen seine Frau so heftig zu Boden, dass sie sich einen Wirbel brach. Noch heute leidet sie an Schmerzen.
"Ich lebe unter der Führung der Partei und der Verwaltung der Polizei", scherzt Bao. "Wenn ich meine Wohnung verlasse, sind sie immer hinter mir her, egal wohin ich gehe. Sie verfolgen mich zu Fuß, in Autos, auf Motorrädern." Er deutet auf seinen Computer auf einem Tisch im Wohnzimmer. "Ihn kann ich nur als Schreibmaschine benutzen. Zunächst hatten sie mir Internet-Zugang erlaubt, dann haben sie ihn mir wieder weggenommen."
Und wer verfügt das alles? Bao ist fest überzeugt, dass sein Alltag auf den höchsten Etagen der KP besprochen wird. Ob er seine Wohnung verlassen, wer zu ihm kommen darf - mit dem Leben des alten Mannes befassen sich die Mächtigen in ihrem Olymp, meint er. "Sie entschieden ja sogar darüber, welches Mädchen bei der Eröffnungsveranstaltung der Spiele nur den Mund aufgemacht und welches wirklich gesungen hat."
Das Beste wäre, findet er, wenn sich die Partei aus dem Alltag des Landes zurückzöge. Nur so, sagt der alte Herr, "kann es in China Fortschritt geben".
Unten auf der Straße stehen schwarze Limousinen mit dunklen Scheiben. Ein Mann filmt die Besucher mit einer in einer schwarzen Handtasche versteckten Kamera. Bao Tong, der alte Genosse, der sich damals ein anderes China vorstellen konnte und es sich noch heute vorstellen kann, macht sie immer noch nervös.
ANDREAS LORENZ
Von Andreas Lorenz

DER SPIEGEL 36/2008
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