01.09.2008

AFRIKASturm auf die Scholle

Westliche Firmen wollen riesige Farmen für Energiepflanzen betreiben, um Öl zu gewinnen. Die einheimischen Bauern und Regierungen werden mit zweifelhaften Versprechen geködert.
Alles wird gut, alles soll besser werden. Neue Straßen soll es geben, eine neue Schule, eine Apotheke, auch eine richtige Wasserversorgung. Und Jobs dürften entstehen, mindestens 5000. "Wenn es Arbeitsplätze für uns gibt, ist es eine gute Sache." Juma Njagu, 26, hofft, dass er bald schon sein karges Dasein als Pflanzer und Köhler hinter sich lassen kann.
Njagu lebt in Mtamba, vielleicht 1100 Einwohner groß, einem Dörfchen im tansanischen Niemandsland, im Bezirk Kisarawe, rund 70 Kilometer südwestlich der Metropole Daressalam. Der Flecken ist nur über Staubpisten zu erreichen, die Menschen leben von ein bisschen Landwirtschaft, vom Produzieren der Holzkohle, von ein bisschen Fischfang - viel mehr gibt es nicht in Mtamba.
Das könnte sich ändern, wenn die britische Firma Sun Biofuels damit anfängt, auf dem Farmland von Kisarawe die ölhaltige Energiepflanze "Jatropha curcas" anbauen zu lassen, um daraus Öl zu gewinnen.
9000 Hektar dünnbesiedeltes Farmland, gut 12 000 Fußballfelder groß, hat die tansanische Regierung den Briten überlassen, umsonst, auf 99 Jahre. Im Gegenzug will das Unternehmen rund 20 Millionen Dollar investieren, Straßen und Schulen bauen und für ein wenig Wohlstand sorgen.
Sun Biofuels ist nicht allein. Ein halbes Dutzend Firmen hat seine Späher in Tansania ausgeschickt. Sie kommen aus den Niederlanden, den USA, aus Schweden, Japan, Kanada, aber auch das deutsche Unternehmen Prokon, vor allem durch seine Windräder bekannt, hat damit begonnen, Jatropha curcas großflächig anbauen zu lassen. 200 000 Hektar im ganzen Land sollen in Kürze bepflanzt werden - eine Fläche, knapp so groß wie das Saarland.
Goldgräberstimmung hat nicht allein Ostafrika, sondern den ganzen Kontinent erfasst: In Ghana sicherte sich die norwegische Firma BioFuel Africa Anbaurechte für 38 000 Hektar, Sun Biofuels ist außer in Tansania in Äthiopien und Mosambik im Geschäft. Im Norden Namibias will das britische Unternehmen Kavango BioEnergy Millionen Euro investieren. Auch in Malawi und Sambia sprechen westliche Firmen vor, um aus der Jatropha curcas, aus Palmöl oder Zuckerrohr Diesel und Ethanol zu gewinnen. In Mosambik haben die Investoren aus Übersee elf Millionen Hektar für ihre Pflanzungen im Auge, das ist mehr als ein Siebtel der Gesamtfläche des Landes. In Äthiopien hat die Regierung sogar 24 Millionen Hektar zur Verfügung gestellt.
Die Konsequenzen dieser Offensive sind dramatisch. Der weltweit forcierte Anbau von Energiepflanzen, da sind sich die Experten inzwischen einig, hat die globale Preisexplosion für Lebensmittel maßgeblich mitverursacht. Laut einer Studie der Weltbank sollen 75 Prozent der Teuerung auf diesen Wechsel der Anbausorten zurückgehen. Viele Bauern in den industrialisierten Ländern nehmen die Subventionen für Mais oder Raps gern mit, der Anbau von Weizen, Kartoffeln oder Hülsenfrüchten bleibt dagegen auf der Strecke.
Noch konkurrieren die Ölpflanzungen in Afrika nicht mit intensiv bewirtschafteten Anbauflächen. Noch argumentieren die Investoren, es sei ja ohnehin nur schwach genutztes Land. Doch die steigenden Lebensmittelpreise und das Bevölkerungswachstum werden auch im Süden der Welt den Druck erhöhen, die Flächen eher landwirtschaftlich zu nutzen.
Für die Investoren hat der Sturm auf die Scholle einen einfachen Hintergrund: Das Geschäft ist hochprofitabel. Das Rohöl wird in absehbarer Zeit knapp, da kommt das leicht zu gewinnende Bio-Öl gerade recht. Mit jährlich 2500 Liter Öl pro Hektar rechnet etwa Sun Biofuels auf lange Sicht in Tansania. Die Produktion bringt Gewinn, sobald der Preis fürs Barrel Rohöl auf dem Weltmarkt 100 Dollar übersteigt. Derzeit kostet das Barrel 110 bis 120.
In Afrika finden die Ölfarmer für ihre Zwecke nahezu ideale Bedingungen vor: vielerorts nur extensiv genutztes Land, niedrige Bodenpreise, häufig unklare Eigentumsverhältnisse, vor allem aber beeinflussbare Regierungen.
Das Land sei unbrauchbar, sagt etwa in Addis Abeba der äthiopische Energie- und Bergbauminister. "Es geht doch nur um marginales Land", heißt es auch im Ministerium für Energie und Bodenschätze in Daressalam. "Das Ganze ist durch und durch positiv", verkündet der Bezirkschef von Kisarawe, der für das Sun-Biofuels-Projekt zuständig ist. "Wir haben die Leute davon überzeugt." In seinem schlichten Büro ohne Computer und Kopierer blättert er suchend durch die Planungsunterlagen. Es war wohl nicht besonders schwierig, ihn für die Plantagenwirtschaft einzunehmen.
Rücksicht auf die Bewohner wird dabei nirgendwo genommen. In Ghana trotzte BioFuel Africa die Rodungs- und Nutzungsrechte einem Dorfführer ab, der weder lesen noch schreiben konnte. Seine Zustimmung gab er per Daumenabdruck. Die Wochenzeitung "Public Agenda" fühlte sich "an die dunkelsten Zeiten des Kolonialismus" erinnert. Die ghanaische Umweltschutzbehörde stoppte schließlich den Kahlschlag der Wälder - nachdem 2600 Hektar Forst gefallen waren.
Auch in Tansania gibt es mittlerweile, neben aller Hoffnung, genügend Grund zur Skepsis, ob nun wirklich alles besser wird. Im April 2006 etwa behauptete Sun Biofuels, die Firma habe von zehn der elf Dörfer eine förmliche Genehmigung für den Anbau erhalten. Mehrere Gemeinden wussten zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts von den Plänen, andere hatten Bedingungen an ihre Zustimmung geknüpft. Ein Dorfchef beklagte sich schriftlich beim Bezirk, dass Sun Biofuels Land gerodet und markiert habe, ohne auch nur mit den Gemeindeoberen Kontakt aufgenommen zu haben.
In Daressalam sitzt der Sun-Biofuels-Statthalter Peter Auge in seinem Büro, er ist ein offener, hemdsärmeliger Südafrikaner: "Stimmt schon, wir waren mit unserer Informationspolitik ein bisschen zurückhaltend." Es gebe zu viele Unwägbarkeiten, er wolle nachher nicht in der Zeitung lesen, "das Projekt hat zwei Jahre Verspätung".
Auge verspricht soziale Investitionen, die aber bisher nicht Gegenstand der Verträge sind. Auch bei den Entschädigungen für die Landbewohner, worauf die Regierung besteht, kommen die Investoren billig weg: Umgerechnet rund 450 000 Euro haben sie angeboten - ein Spottpreis für die 9000 Hektar Land, das sie nun jahrzehntelang nutzen dürfen.
Auch 70 Kilometer weiter südlich, am Fluss Rufiji, werden Tausende Landbewohner umziehen müssen. Dort will die schwedische Firma Sekab auf mindestens 9000 Hektar wasserintensives Zuckerrohr anbauen, um es zu Ethanol zu veredeln. 5000 Hektar sind bereits bewilligt.
Insbesondere in der Trockenzeit ist der Fluss mit seiner angrenzenden Sumpflandschaft die einzige Trinkwasserquelle für Tausende Menschen. Dieses Reservoir will auch Sekab anzapfen, um seine Plantagen zu wässern. Transparenz? Gibt es nicht. Entschädigung? Fehlanzeige. Informationen? Mangelware. Als Anwohner bei einer Informationsveranstaltung nach Ausgleichszahlungen fragten, hieß es lapidar: "Ihr bekommt, was euch zusteht."
Umso wuchtiger rollt die PR-Maschine, selbst in armen Ländern wie Tansania. In Daressalam ebnet die Südafrikanerin Josephine Brennan im Sekab-Büro das Terrain, und sie sieht natürlich nur Gutes für die Zukunft Tansanias. Der Biosprit-Anbau ermögliche neue Schulen, neue Straßen und dadurch bessere Chancen, Märkte zu erreichen. Auch Kleinbauern könnten so in Zukunft einen Mehrwert erzielen und bis drei Millionen Menschen allein in Tansania der Armut entkommen. Tansania habe mit seinen zwei Millionen Hektar möglicher Anbaufläche Wachstumspotentiale "wie der keltische Tiger Irland". Und schließlich: "Die Welt braucht Tansania."
Das hat man in Ostafrika bisher so nicht gesehen. Eine Studie der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit über Energiepflanzen in Tansania führt ein ganzes Bündel negativer Nebeneffekte auf. Ohnehin ist es nicht das erste Mal, dass weiße Investoren den Tansaniern Wohlstand versprechen.
Mit ähnlich warmen Worten wurde den Kleinbauern vor einigen Jahrzehnten das Feld für die Kaffeeplantagen abgeschwatzt, mit solchen Verheißungen kamen in den neunziger Jahren ausländische Minengesellschaften ins Land, um Gold zu schürfen.
"Sie haben uns Arbeitsplätze versprochen, neue Straßen, neue Brunnen und Schulen", erinnert sich der Journalist Joseph Shayo. "Und was war? Keine Schulen, keine Brunnen und wenige Arbeitsplätze, die zudem schlecht bezahlt waren." Obendrein wurden die Schürfgebiete großräumig eingezäunt und waren für die ursprünglichen Bewohner fortan unpassierbar.
In einer kürzlich erschienenen Untersuchung über die "Biotreibstoffindustrie in Tansania" warnt der Jurist Khoti Kamanga von der Universität Daressalam vor den Begleiterscheinungen der Energieplantagen. Die Bevölkerung sei zumeist uninformiert, der Anbau der Pflanzen gehe in der Regel mit erzwungenen Umsiedlungen einher. Mit einiger Wahrscheinlichkeit werde die Ethanolproduktion auch Auswirkungen auf die Lebensmittelpreise in Tansania haben, die Importabhängigkeit des Landes bei Nahrungsmitteln werde wohl weiter zunehmen.
In Daressalam hat die Regierung inzwischen erkannt, dass der neue Boom auch Probleme mit sich bringt. "Die Energiepflanzen dürfen keine Alternative zur Nahrungsmittelproduktion sein", sagte Präsident Jakaya Kikwete, nachdem auch in seinem Land viel Unmut über die hohen Lebensmittelpreise laut wurde.
Die Energie-Pflanzer lässt das bisher unbeeindruckt. Sun Biofuels und Sekab wollen ihre Produktion auf jeweils 50 000 Hektar ausbauen. So schnell wie möglich.
HORAND KNAUP
Von Horand Knaup

DER SPIEGEL 36/2008
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