01.09.2008

AuslandEuropa, wir kommen

Global Village: Auf der Insel Patmos will man Touristen - keine Flüchtlinge.
Sie dürfen ihre Notunterkunft, dieses klotzige Haus, nicht verlassen. Der Polizist, der sie vor drei Tagen hergefahren hat und ihnen morgens ihre Ration bringt, Wasser, Brot, Käse, Fleisch, verriegelt jedes Mal die Tür, bevor er geht, na und? Sie haben ein paar Decken zerrissen, zusammengeknotet, daran hangeln sie sich jetzt hinab, aus dem ersten Stock. Der Ausbruch bleibt unbemerkt. Das Haus liegt abgelegen, an einer schmalen Straße, die zu einem stillen Fischerdorf führt. Dort, im Dorf, sind sie nicht gern gesehen; sie wollen ohnehin in die andere Richtung.
Ein Sommernachmittag auf Patmos, im Osten der Ägäis, einer Ferieninsel. Es ist windstill heute, die Luft schwer von Thymian, Rosmarin. Man hört das Schlagen der Brandung.
Jetzt ist der Letzte glücklich aus dem Fenster gesprungen, zehn oder zwölf sind es, jung, ausgezehrt, die sich nun auf den Weg machen, landeinwärts. Man hat sie notdürftig eingekleidet, Hemden, Hosen, T-Shirts aus Altkleiderbeständen. Einige sind Pakistaner, Muslime, sie tragen Häkelkappe und Vollbart, auch auf dem Schlauchboot hätten sie gen Mekka gebetet, erzählen sie. Andere sind von tiefdunkler Haut, schmal und schlank, sie kommen aus Somalia, angeblich. Einer ist Palästinenser aus Gaza. Aus dem Sudan stammt einer, aus Senegal, Simbabwe, dem Irak.
Was diese Männer über sich erzählen, muss im Detail nicht stimmen, um es vorsichtig auszudrücken. Die Schleuser haben sie mit Legenden ausgestattet - sowie mit einer Telefonnummer und Adressen, die sie kontaktieren sollen, sobald sie endlich in Athen sind. Die Flucht ist durchgeplant, doch man merkt den Männern die Strapazen an: Mal reagieren sie euphorisch, redselig, dann misstrauisch, verschlossen. Untereinander können sie sich nur abgerissen verständigen, aus Arabisch, Englisch, Urdu mischen sie ein Esperanto des Elends, die Weltsprache des globalen Flüchtlings.
Während die Flüchtlinge längst die Küstenstraße entlangmarschieren, rückt vor ihrer Notunterkunft eine Bürgerwehr an - die Einheimischen kommen zu spät, aber das wissen sie nicht. Theologos teilt die Wachen ein. Zwei Männer und ein Auto postieren sich auf der Straße oberhalb der Unterkunft, ein weiterer Posten Richtung Dorf. Sie verabreden drei Schichten, die erste bis Mitternacht. Die übrigen Männer können heim, sollen ihre Handys aber eingeschaltet lassen, sagt Theologos.
Er mag diese Rolle nicht, die zu spielen er sich gedrängt fühlt, eigentlich ist er ein freundlicher Kerl. Anfang vierzig, unlängst Vater geworden, führt ein kleines Hotel nebst Autovermietung. Aber so ging's nicht weiter, sagt er, wir können doch diese Leute nicht einfach herumlaufen lassen. Was, wenn sie Feuer legen, versehentlich, wie neulich? Was, wenn sie einbrechen? Eine Touristin belästigen? Oder Schlimmeres?
Wir müssen ein Auge auf sie haben, sagt er, wenigstens das.
Nach Patmos gelangten die Flüchtlinge vom türkischen Festland; zwischen den griechischen Inseln und der türkischen Küste liegen nur wenige Seemeilen. Sie kamen in Schlauchbooten, die miteinander vertäut waren, so wird es immer gemacht, ein hilflos schaukelnder Konvoi, in jedem Boot kauert einer mit einem Messer. Wenn das Schiff der griechischen Küstenwacht in Sicht ist, schlitzt er das Schlauchboot auf.
"Sie bringen sich in Lebensgefahr, erpressen uns mit ihrem Tod", sagt Theodoros Krapsitis, der Vizekommandant der Küstenwache von Patmos. "Also fischen wir sie heraus. Manchmal sind auch Frauen und Kinder dabei."
Nach offiziellen Angaben wurden 2007 112 364 illegale Zuwanderer in Griechenland aufgegriffen, doppelt so viele wie im Jahr zuvor.
Patmos, mit seinen etwa 3000 Einwohnern, ist eigentlich das perfekte Europa, so wie Europa gern wäre. Das ägäische Meer ist glasklar, die Touristen glücklich, und als Einheimischer lebt es sich behaglich vom Souflaki-Braten und vom Autoverleihen.
Flüchtlinge passen nicht ins Bild, sie kommen trotzdem.
"Wenn die See ruhig ist", sagt Krapsitis, der Vizekommandant, "fischen wir täglich 30, 40 Menschen aus dem Wasser, es werden immer mehr." Von Patmos aus werden die Flüchtlinge nach ein paar Tagen nach Athen abgeschoben - um Platz zu machen für die neuen. Die man, solange sie auf der Insel sind, am liebsten wegschließen würde, verstecken, aber das geht nicht.
So ist eine schattenhafte Parallelwelt entstanden, und die ungebetenen Gäste sind neugierig, wie dieses Europa riecht, schmeckt, aussieht. Aber genau das sollen sie nicht, sollen nicht über die Insel stromern, sollen nicht vor der Eisdiele herumlungern und die Touristen mit ihren hungrigen Gesichtern verschrecken - sie tun es natürlich trotzdem.
Dass die Einwohner sich also wehren, dass Leute wie Theologos, der Hotelier, eine Bürgerwehr gründen, kann Krapsitis verstehen. Auch wenn es nichts nützt. "Das wahre Problem sind die türkischen Behörden, die den Schleuserbanden freie Hand lassen, diese Menschen übers Meer zu schicken."
Es wird Abend. Während Theologos und seine Bürgerwehr tapfer eine leere Notunterkunft bewachen, ist die kleine Prozession fast am Ziel. Jetzt stehen sie auf dem letzten Hügel, blicken hinunter in die Bucht von Skala, dem Touristenort. Der Himmel erglüht in Rot- und Orangetönen, dunkel das tintenblaue Meer, in der Dämmerung glitzern die Lichter der Hafenrestaurants. Die Flüchtlinge, auf der Hügelkuppe stehend, starren hinab. Dort unten sitzen Familien, sie kommen aus sagenhaft reichen Ländern, reisen durch die Welt, nur so, sie sind blond, gepflegt, sitzen an reichgedeckten Tischen, und die Männer trinken Wein und Bier, so viel sie wollen, und die Frauen sind unwirklich schön und halbnackt: Das ist Europa. Und die Flüchtlinge, so kurz vorm Ziel, wollen nicht länger warten, sie wollen es sehen. Europa, wir kommen. RALF HOPPE
Von Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 36/2008
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