01.09.2008

MEDIZIN„Krebs ist ein Problem der armen Länder“

Franco Cavalli, 66, Onkologe an der Universität Bern und Präsident des gerade in Genf beendeten Weltkrebskongresses, über Krebs als globale Bedrohung und schlechte Behandlungsstandards in Deutschland
SPIEGEL: Herr Cavalli, wie gut ist die Krebsbehandlung in Deutschland?
Cavalli: Im Vergleich zu anderen Ländern arbeiten deutsche Ärzte zu wenig nach festgelegten Standards. Viel zu wenige Patienten werden von Spezialisten in den großen Kompetenzzentren behandelt. Auch fließt zu viel Geld in oftmals überflüssige diagnostische Verfahren. Allerdings ist die Betreuung im globalen Vergleich immer noch gut. Die wahren Probleme liegen in den Entwicklungsländern.
SPIEGEL: Wieso das?
Cavalli: 2007 wurden weltweit über zwölf Millionen neue Krebsfälle gemeldet, fast zwei Drittel davon aus den Schwellen- und Entwicklungsländern. Schon die Diagnostik bereitet dort Probleme. So ist zum Beispiel der Vaginalabstrich hierzulande Standard. Fast alle Frauen mit Gebärmutterhalskrebs überleben. In vielen Entwicklungsländern dagegen werden kaum Abstriche gemacht - zu komplex, zu wenige Spezialisten. Zudem wird Schwellenländern ihr Fortschritt zum Verhängnis: Die Menschen werden inzwischen älter. Durch die rasante Urbanisierung und die damit einhergehende Ernährungsumstellung kommen klassische Risikofaktoren wie Fettleibigkeit hinzu. Auch Diabetes und Bluthochdruck nehmen zu. Das alles treibt die Krebsrate nach oben.
SPIEGEL: Haben Gesundheitspolitiker das Problem erkannt?
Cavalli: Nein, dort beschäftigt man sich nur sehr am Rande mit dem Thema. Schon heute sterben weltweit mehr Menschen an Krebs als an Aids, Tuberkulose und Malaria zusammen. Wir haben versucht das Thema in die G 8 einzubringen, und sind gescheitert. Eine Umfrage in 29 Ländern hat gezeigt: Ein Großteil der Menschen denkt, dass Krebs ein Phänomen der reichen Länder sei. Es wird jedoch vor allem immer massiver zum Problem der armen Länder.

DER SPIEGEL 36/2008
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