01.09.2008

UMWELTGiftcocktail im Laugenloch

Das Bergwerk Asse ist das älteste Atommülllager der Republik, errichtet angeblich zu Forschungszwecken. Doch Unterlagen belegen, dass es von jeher wie ein Endlager genutzt wurde.
Es gibt sie noch, die Symbole, die den Stolz auf die Vergangenheit bezeugen. Das Ortswappen von Remlingen stammt aus der Zeit, als man froh war über die Schachtanlage im Höhenzug der Asse in Niedersachsen. Kalisalze und Steinsalz wurden hier einst abgebaut, sie brachten Arbeit und Geld. Der mit Hammer gekreuzte Schlegel im Wappen erinnert an diese Zeit.
Heute gibt es in der 2100-Seelen-Gemeinde neue Symbole für den Schacht Asse. Doch sie zeugen von Angst. Es sind große, gelbe "A" aus zusammengezimmerten, lackierten Latten, angenagelt an Zäune, angebracht an Häuserwänden. "A" steht für "Achtung", für "Asse", für "Atommüll". Das Erkennungszeichen ist so begehrt, dass die Bürgerinitiative "aufpASSEn" mit der Fertigung nicht mehr nachkommt.
Aktivist Udo Dettmann, 36, kann von einem dramatischen Sinneswandel in der Region berichten. Viele Jahre lang hätten auch er und seine Familie gar nichts gegen "die Asse" gehabt: Warum auch? Sie mehrte den Wohlstand in der Gegend, "Asse II" war ausgewiesen als "Forschungsbergwerk", ein angeblich sicheres zudem, betrieben vom seriösen Münchner Helmholtzzentrum. Heute aber, sagt Dettmann, "verteilen selbst meine Eltern fleißig Flugblätter". Sie vertrauen keinem Politiker mehr, keinem Wissenschaftler, keinem Energiekonzern. Sie haben eine eigentlich simple Forderung: "Wir wollen endlich wissen, was da unten liegt und wie gefährlich das ist."
Wissen müsste dies eigentlich Sigmar Gabriel (SPD). Er ist Minister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Aber Gabriel wusste lange nicht viel mehr als die Menschen in Remlingen. Und auch das ist Teil des Asse-Skandals, der die Gesundheit der Ortsansässigen genauso gefährdet wie das Vertrauen in die Mächtigen. Denn offenbar wurde die Öffentlichkeit von Beginn an hinters Licht geführt. Statt eines Forschungslagers - dafür sprechen interne Dokumente - wurde Asse als Endlager für Atommüll behandelt. Inoffiziell.
So ist die Chronik des angeblichen Forschungsbergwerks eine Chronik der Unredlichkeit und der Ungewissheit. 44 Jahre dauert sie nun an, und sicher ist derzeit nur eines: Der Salzstock ist nicht dicht. Eine verseuchte Pfütze, im Juni öffentlich geworden, gab den Anlass für Nachforschungen. Der Betreiber, das Münchner Helmholtzzentrum, kann nicht mehr ausschließen, dass ein massiver Wassereinbruch radioaktive Suppe ins Grundwasser spült. Schon seit Jahren strömen täglich 12 000 Liter Salzlauge in die Stollen, die Grube gilt über kurz oder lang als einsturzgefährdet.
Das Ausmaß der schleichenden Katastrophe ist noch nicht absehbar - die politischen Folgen schon. Asse wird zum Störfall für alle, die auf ein Comeback der Atomenergie hoffen. So sieht es jedenfalls Gabriel, der hartnäckig darauf verweist, dass die Frage der Endlagerung von Atommüll noch immer nicht geklärt ist. Er warnt vor der "Hochrisikotechnologie", pocht auf den Koalitionsvertrag und den Ausstieg aus der Atomenergie und hält der Union Doppelzüngigkeit vor. Während Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) weiter für den Ausstieg aus dem Atomausstieg wirbt, würden die Unions-Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg die Erkundung möglicher Endlager auf ihrem Terrain verweigern. "Die große Begeisterung für die Atomkraft endet stets bei einem Endlager im eigenen Bundesland", zürnt Gabriel.
Diese Woche will der Minister mit der niedersächsischen Landesregierung einen Statusbericht über die Lage in der Asse vorlegen. Eine Expertenkommission befragte deshalb Ex-Mitarbeiter der Grube, arbeitete sich durch alle vorhandenen Unterlagen und inspizierte vor Ort den Salzstock, um einen Überblick über das Desaster zu bekommen - und das ist offensichtlich noch größer als bisher bekannt.
Die Dokumente, die der Prüftrupp sichtet, ergeben ein erschreckendes Bild: Die Risiken des Standorts waren offenbar früh bekannt - ohne dass Konsequenzen gezogen wurden. Über Qualität und Quantität des eingelagerten Strahlenmülls wurde nicht korrekt Buch geführt. Der vermeintliche Forschungsstandort wurde de facto als Endlager behandelt, in dem der lästige Müll schnell und billig für immer verschwinden sollte.
Die Geschichte des Endlagers "Asse II" begann mit dem Besuch von fünf Herren im Auftrag des Bundesforschungsministeriums Ende Januar 1964. Die Delegation nannte sich Aufzeichnungen zufolge Projektgruppe "Endlagerung radioaktiver Abfälle". Die Besucher waren begeistert von den alten Bergbauanlagen: Das Bürogebäude sei ja erst wenige Jahre alt, notierten sie, die Förderanlage noch brauchbar, und auch das Streckennetz tief unten im Berg - alles tipptopp. Zudem sollte das alte Salzbergwerk gerade mal 600 000 Mark kosten, und so wähnten sich die Kundschafter am Ziel: Der Platz für das erste unterirdische Atommülllager schien gefunden. Für den Kauf der Grube durch den Bund spreche neben dem niedrigen Preis, vermerkten sie am 28. Februar 1964, dass sie sofort zur Verfügung stehe. Es könnten damit "bereits ab 1965 sämtliche Einlagerungswünsche" von Atomforschung und Nuklearindustrie erfüllt werden.
Als die bundeseigene Gesellschaft für Strahlenforschung (GSF) 1965 im Auftrag des Bonner Forschungsministeriums das stillgelegte Bergwerk übernahm, lautete der Auftrag, lediglich "versuchsweise" zu erkunden, ob das Salz für die Endlagerung strahlender Abfälle tauge. Doch bald darauf begann die hohe Zeit der deutschen Atomwirtschaft. Mehrere Meiler gingen in Betrieb, die Menge an radioaktivem Müll vervielfachte sich. Innerhalb weniger Jahre entstand so ein unterirdisches Lager, in dem sich der Abfall in den 15 Meter hohen Kammern stapelte.
Mit einer Forschungsstätte hatte der Salzstock entsprechend wenig zu tun. 1971 schrieben die Asse-Betreiber in einem Brief an die Physikalisch-Technische Bundesanstalt: "Wie Ihnen bekannt ist, handelt es sich bei der Einlagerung von Kernbrennstoffen und von radioaktiven Stoffen um die endgültige Beseitigung dieser Stoffe. Die Einlagerungsmethoden erlauben es nicht, diese Stoffe wieder auszulagern. Wir bitten daher um Aufhebung der Befristungen." Als Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) erkannte, dass praktisch sämtliche schwach- und mittelradioaktiven Abfälle der Bundesrepublik - 1978 allein 30 000 Fässer - in der Asse deponiert wurden, stoppte er das Projekt. Irritiert erklärte er, von Forschung könne hier wohl kaum die Rede sein.
Zu forschen gibt es dafür heute umso mehr - und dabei stoßen die Ermittler auf immer erschreckendere Vorgänge. Denn Gewissheit gibt es nicht mal darüber, was und wie viel eingelagert wurde. Einer ersten Bestandsaufnahme zufolge verrotten in 13 unterirdischen Kammern mindestens 126 000 Blechfässer. Sie enthalten schwach- und mittelradioaktiven Müll aus deutschen Versuchsreaktoren und Kernkraftwerken, das supergiftige Plutonium, Strontium und strahlendes Uran, etliche chemische Exoten, aber auch 87 Tonnen strahlenden Thoriums.
Frühere Asse-Mitarbeiter berichteten Gabriels Kontrolleuren, "dass in den ersten Jahren Fässer angeliefert wurden, die zum Teil bereits durchkorrodiert waren und Flüssigkeiten verloren. Andere Fässer rissen beim Greifen mit der Fassklammer des Gabelstaplers auf und verloren ebenfalls Flüssigkeiten". Andere Zeugen gaben zu Protokoll, dass "einige Fässer im Verlauf der Stapelung auch zerdrückt wurden". Tropften strahlende Flüssigkeiten auf die Holzplanken der Lieferwagen, wurden die schnell abgehobelt und "die kontaminierten Materialen anschließend in Plastiksäcke abgepackt und den angelieferten Abfällen beigefügt". Giftgebinde wurden zeitweise einfach Böschungen im Berg hinuntergekippt und anschließend mit Salz überdeckt - flapsig wurde die Methode "Einpökeln" genannt.
Zahlreiche Fässer sollen dabei beschädigt worden sein.
Eingelagert wurde auch dann, wenn die Betreiber nicht wussten, was genau in den angelieferten Fässern steckte. Mal hieß es in den Antragspapieren lapidar, "da es sich um gemischte Abfälle handelt, muss praktisch mit allen längerlebigen Radionukliden gerechnet werden", dann wieder ging aus den Unterlagen hervor, dass "sowohl die Art der Aktivität als auch deren Größe nicht genau festgestellt werden kann".
Dabei waren die Risiken des Atommülldepots früh bekannt. Bereits 1967 wussten die Betreiber, "dass für die Asse als möglicher maximaler Unfall nur das Ersaufen der Grube in Betracht kommt". Bei allen Sicherheitsbetrachtungen werde "angenommen, dass kein Raum der Grube trocken bleibt". Doch willfährige Wissenschaftler waren zur Stelle - und wischten Bedenken weg.
Als Gutachter empfahl die Gesellschaft für Strahlenforschung ihrem Auftraggeber, dem Forschungsministerium, im November 1965 "Herrn Bergassessor a. D. Ebeling". Für 10 000 Mark plus Spesen stellte der Fachmann eine Art Persilschein in Aussicht: "Ich würde durch meine in diesem Sinne abgefassten Ausführungen ein wenig dazu beitragen, die Bedenken der Bergbehörde etwas zu zerstreuen und der GSF den Alpdruck zu nehmen, sie hätte mit der Asse ein Laugenloch übernommen, das jeden Augenblick absaufen könnte." Einen möglichen Wassereinbruch in die Schachtanlage hielt auch der Bergbauexperte Klaus Kühn für "höchst unwahrscheinlich". Der Wissenschaftler hat ein Berufsleben lang in dem alten Bergwerk geforscht - und auch Gutachten über die hervorragende Eignung des Salzstocks im benachbarten Gorleben als mögliches atomares Endlager verfasst. 1965 kam er zur Asse, zum neugegründeten Institut für Tieflagerung, dessen Direktor er 1973 wurde.
Seit fünf Jahren ist Kühn eigentlich im Ruhestand, doch noch immer arbeitet er an der Technischen Universität in Clausthal-Zellerfeld im Oberharz. Wesentliche Erkenntnisse für die Endlagerung seien in Asse gewonnen worden, schwärmt er, von den akuten Problemen unbeeindruckt: "Immerhin wissen wir heute, worauf wir achten müssen." Ob in der Asse auch Fehler gemacht worden sind? "Nein, wir haben immer nach Stand von Wissenschaft und Technik entschieden", verteidigt sich Kühn. Natürlich sehe man heute manches anders: "Aber würden Sie heute noch in ein Auto steigen mit der Sicherheitstechnik von vor 40 Jahren?"
Solche Gelassenheit legen die aktuellen Asse-Betreiber nicht mehr an den Tag. Sie mahnen zur Eile. Die Experten fürchten, dass nicht mehr viel Zeit zum Handeln bleibt: Das Deckgebirge der Asse ist instabil. Die Standfestigkeit der Grube könne man nur bis zum Jahr 2014 garantieren, die Bergung des eingelagerten Mülls würde schlicht zu lange dauern. Angesichts des Giftcocktails, der einem unter Tage entgegenschwappen könnte, würde die Bergung zu einer abenteuerlichen Atom-Archäologie, die bis zu 40 Jahre dauern könnte. Das Helmholtzzentrum erwägt eine kontrollierte Flutung mit einer Art Schutzfluid, der das giftige Erbe umschließen soll. Die Technik hat nur einen Nachteil: Langfristig würde sie auch die letzten intakten Fässer zersetzen.
Die Anwohner wehren sich gegen die Flutung. Sie klagen und verlangen eine unabhängige Prüfung aller Alternativen - und den Stopp aller Arbeiten, solange nicht geklärt ist, was unter der Erde tatsächlich los ist. Egal, welches Modell sich am Ende durchsetzt, Bergung, Stabilisierung oder Flutung - mehrere Milliarden wird die Asse-Rettung in jedem Fall kosten. Schon jetzt belastet das Lager den Steuerzahler mit rund hundert Millionen Euro jährlich. Kosten, die in Berechnungen für den angeblich so günstigen deutschen Atomstrom nicht auftauchen.
Rund 200 Kilometer vom Tatort Asse entfernt, sitzt Gabriel in seinem Berliner Büro. Er weiß, dass er politisch punkten kann mit dem Desaster von Asse. Vorläufig zumindest. Denn der Statusbericht wird seinen Anti-Atomkurs bestätigen. Doch was er dann gemeinsam mit der Landesregierung Niedersachsens unternehmen wird, ist noch unklar - personelle Konsequenzen für den Betreiber sind absehbar.
Gabriel hat nicht nur die große Atomdebatte vor Augen, sondern auch den Urnengang im kommenden Jahr. Asse liegt in seinem niedersächsischen Wahlkreis.
MARKUS DEGGERICH, MICHAEL FRÖHLINGSDORF
* Bei einer Besichtigung von Asse am 23. April 2007.
Von Markus Deggerich und Michael Fröhlingsdorf

DER SPIEGEL 36/2008
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