01.09.2008

HOLLYWOODDie Schlacht am kalten Buffet

Wahlkampf in den Villen von Beverly Hills: Auch viele Filmstars mischen beim Duell ums Weiße Haus mit. Für die liberale Elite Amerikas ist Barack Obama ein heißumworbener Traumkandidat. Doch die glamourösen Spenden-Galas geraten mitunter zu bizarren Spektakeln.
Der Maple Drive ist eine jener Straßen in Beverly Hills, die nach Oleander duften und vor Geld stinken. Manikürte Rasenflächen, große Villen, diskrete Sicherheitsdienste. Um die Ecke wohnt Tom Cruise.
Ein Anwesen fällt auf in dieser Straße, und zwar nicht durch einen in der Auffahrt geparkten Rolls-Royce oder einen besonders hässlichen Springbrunnen; so etwas sieht man hier oft. Nein, es ist ein kleines Werbeplakat im Vorgarten, aufgespannt an zwei dürren, schon leicht verbogenen Drähten. Auf dem Plakat steht, weiß auf blau: "Obama for President".
"Wir waren die ersten mit einem Obama-Schild in dieser Gegend", sagt Robert Siegel, der die efeubewachsene Villa gemeinsam mit seiner Ehefrau Theresa bewohnt. Siegel ist Herzchirurg am Cedars-Sinai Medical Center, der Promi-Klinik
von Los Angeles; seine Frau hat er während einer Operation kennengelernt, sie war Krankenschwester, "aber der Patient hat überlebt". Theresa Siegel, schwarze Bluse, lange Perlenkette, nickt feierlich.
Braucht man Mut, um in Beverly Hills für Barack Obama zu werben?
"Sagen wir mal so", meint Frau Siegel und lächelt sanft, "es ist eine gemischte Nachbarschaft."
Doktor Siegel betrachtet derweil besorgt seinen Rasen, der gerade von einem Dutzend Fotografen und Kameramännern zertrampelt wird. Die Medienmeute ist allerdings nicht wegen der Siegels gekommen, sondern wegen der Gäste, die an diesem Abend erwartet werden. Gerade fährt ein schwarzer Geländewagen vor. Es steigt aus: der Schauspieler Jamie Foxx, Oscar-gekrönt für seine Rolle als Soul-Legende Ray Charles. Als Begleitung hat Foxx seine Tochter Corrine, 13, mitgebracht. Er überreicht seinen Autoschlüssel einem Diener, der den Wagen ein paar Meter weiter in eine Parklücke steuern darf. Foxx verschwindet im Haus. Der nächste Gast kommt mit einer Stretchlimousine.
Die Siegels geben an diesem Abend Ende August eine "Black & White Gala for Barack Obama", eine Polit-Party mit Hollywood-Glamour, organisiert von einer PR-Firma. Die Veranstalter versprechen "ein Ereignis mit Star-Besetzung" und "eine Nacht voller Luxus". "Feiern wir das nächste Kapitel in Amerikas Geschichte", steht auf der Einladungskarte.
Die Einladung anzunehmen ist, wie alles in Beverly Hills, nicht ganz billig: 2300 Dollar pro Person kostet der Spaß, die ortsübliche Gabe für den Klingelbeutel. Das gesammelte Geld landet natürlich nicht bei den Gastgebern, sondern geht als Spende an Obamas Wahlkampfkomitee, das davon Fernsehwerbespots, Plakate und die Saalmiete in Denver für ihren Kandidaten bezahlt.
Mehr als 400 Millionen Dollar hat Barack Obama bisher für seine Kampagne gesammelt, so viel wie kein US-Präsidentschaftskandidat zuvor, einen beträchtlichen Prozentsatz davon in Hollywood. Obama begeistert Amerikas Film- und Fernsehbranche. Er habe "in Hollywood einen Eindruck hinterlassen wie niemand sonst, seit Scarlett O'Hara die Grillparty in ,Vom Winde verweht' gestürmt hat", kommentierte die "New York Times".
Stars sind eine wichtige Klientel für Amerikas Politiker: Sie spenden nicht nur viel Geld; ihr Glamour strahlt im Idealfall auf die Kandidaten ab. Anders als in Deutschland besitzen sie auch Unterhaltungswert. Deutschland hat Günter Grass und seine schnauzbärtigen Bekenntnisse zur "Es-Pe-De", Hollywood hat George Clooney und Fototermine in Darfur.
Die Erste, die in diesem US-Wahlkampf Hollywoods Macht zu spüren bekam, war Hillary Clinton. Im Februar 2007, Clinton galt noch als unschlagbare Favoritin der Demokraten, gab der Studio-Mogul David Geffen, ein langjähriger Clinton-Unterstützer, eine große Spendensammel-Party - für Obama. Unter den Gästen waren viele altgediente Sympathisanten der Demokraten wie der Regisseur Steven Spielberg. Erlös des Abends: 1,3 Millionen Dollar.
Bitterer für Hillary war jedoch, dass Geffen, zu Bill Clintons Zeiten regelmäßiger Gast im Weißen Haus, nun öffentlich über die beiden lästerte: "Jeder in der Politik lügt, aber die Clintons tun es mit solcher Leichtigkeit, dass es beängstigend ist."
In der Filmbranche, wo ein flexibler Umgang mit der Wahrheit zur Geschäftsgrundlage gehört, war das ein vernichtendes Urteil, von dem sich Hillary Clinton nicht mehr erholen sollte. Hollywoods Demokraten liefen zu Obama über.
Hillary wirkte auf einmal wie ein abgehalfterter Star, angestrengt und verbissen, eine Kämpferin, der man die Mühen der Realpolitik ansah. Das ist Gift in Hollywood, denn Glamour und Charisma müssen schwerelos wirken, nicht erarbeitet, sondern geschenkt.
Barack Obama verkörpert dagegen all jene Eigenschaften, die viele Menschen im Showgeschäft auch sich selbst zuschreiben: Er wirkt, als würde ihm alles zufliegen, das Talent genauso wie die Herzen, er ist vergleichsweise jung, er bietet eine Projektionsfläche für Sehnsüchte aller Art. Auch sein rasanter Aufstieg aus bescheidenen Verhältnissen erinnert viele Stars an ihre eigenen Karrieren.
Neben Superstar George Clooney, seit Jahren ein treuer Gefolgsmann Obamas, konnte der Senator aus Illinois etwa die Talkmasterin Oprah Winfrey für sich gewinnen, die von ihren Millionen Fans beinahe religiös verehrt wird. Winfrey trat mit ihm sogar bei mehreren Wahlkampfkundgebungen auf und jubelte: "Ich glaube daran, dass Barack Obama uns mit Stärke und Überzeugung, mit Ehre und Mitgefühl führen wird." Auch die Schauspieler Robert De Niro, Halle Berry, Forest Whitaker sowie Studiochef Jeffrey Katzenberg ("Shrek") schlugen sich auf Obamas Seite.
Das Sendungsbewusstsein vieler Showstars bei diesem Wahlkampf ist enorm. Gwyneth Paltrow, US-Aktrice mit Wohnsitz London, forderte alle im Ausland lebenden Amerikaner auf, für Obama zu votieren: "Jede Stimme zählt."
Auch Hollywoods Über-Blondine Scarlett Johansson, bisher nicht als Großdenkerin aufgefallen, schwärmte von Obama ("Mein Herz gehört Barack") und behauptete gar, der Senator und sie hätten regelmäßigen E-Mail-Verkehr. Tatsächlich hat Obama einmal persönlich auf eine Mail Johanssons geantwortet, allerdings eher unverbindlich: "Danke, Scarlett, dass Du tust, was Du tust."
Ebenso engagiert wie ihre junge Kollegin gab sich Barbra Streisand. Neben einem pathetischen Pro-Obama-Wahlkampfaufruf auf ihrer Homepage gewährte die Entertainerin, als notorisch pressescheu bekannt, ausgerechnet der Washington-Insider-Website "Politico" ein Interview. Dabei schien sie stellvertretend für alle Demokraten zu sprechen: "Wir müssen eine 60-Sitze-Mehrheit im Senat erreichen." Für alle Fälle stellte Streisand ein Benefizkonzert für Obama in Aussicht.
Es ist das wohlige Gefühl, etwas Gutes zu tun und gleichzeitig hip zu sein, verbunden mit der Hoffnung, diesmal am Ende zu den Siegern zu gehören, das die an Egozentrikern reiche Showbranche hinter Obama vereint. Beim bisher größten Promi-Auflauf versammelten sich Ende Juni rund 700 Obama-Anhänger im Dorothy Chandler Pavilion, einem Konzertsaal in Los Angeles, in dem früher die Oscars verliehen wurden. Darunter waren Schauspieler wie Samuel L. Jackson ("Pulp Fiction") und Don Cheadle ("Ocean's Eleven"), Regisseure wie Jay Roach ("Austin Powers") und J. J. Abrams ("Mission Impossible III"), Sony-Studiochefin Amy Pascal und der Rapstar Will.i.am, der seine Nike-Turnschuhe zur Feier des Abends mit Obama-Porträts verziert hatte.
Obama selbst war auch anwesend, was half, die Eintrittspreise zu rechtfertigen: 28 500 Dollar kostete die Teilnahme am Dinner, für zwei Personen. Obama redete dann vor allem über Umweltschutz, ein Thema, das den versammelten Privatjet-Nutzern besonders am Herzen liegt.
Die wohl exklusivste Spendensammel-Party aber, wenn auch ohne den Kandidaten, findet am Dienstag dieser Woche statt: George Clooney persönlich lädt ein - ausgerechnet in die Schweizer Finanzmetropole Genf. Kein großer Umweg für Clooney, denn er musste ohnehin gerade zum Filmfestival nach Venedig; zudem besitzt er eine Villa am Comer See in Norditalien.
1000 Dollar kostet die Teilnahme am Empfang, bei dem Clooney eine Rede halten wird. 10 000 Dollar muss löhnen, wer mit ihm zu Abend essen will. Das Dinner findet im Haus von Charles Adams statt, einem bekannten Rechtsanwalt. Zu seinen Mandanten gehört der Freizeitparkkonzern EuroDisney.
Und John McCain, der Republikaner? Hat er gar keine Freunde in Hollywood?
Doch, hat er. Zwar gingen bis Ende Juli mehr als 80 Prozent aller Spenden aus der Entertainment-Branche an die Demokraten. Doch auch zu McCains Förderern gehören Promis, etwa der Musikproduzent Quincy Jones und die Schauspieler Warren Beatty ("Wir sind enge Freunde", so McCain), Michael Douglas und Harrison Ford. Fords letzten "Indiana Jones"-Film "habe ich geliebt", sagte McCain Anfang Juli dem US-Klatschblatt "People", "weil der alte Mann gewinnt".
Als besonders eifriger McCain-Anhänger outete sich ein anderer alter Mann: Jon Voight, ehemals berühmt als Schauspieler ("Midnight Cowboy"), in letzter Zeit vor allem als Vater von Angelina Jolie. In einem Kommentar für die "Washington Times" polemisierte Voight gegen die Demokraten, die "eine gottgleiche Gestalt aus einem Mann machen, der in jeder Hinsicht hinter den Erwartungen zurückbleibt". Einmal in Fahrt, warnte Voight auch gleich noch vor einer kommunistischen Weltverschwörung.
McCains Strategen verlegen sich dagegen mittlerweile darauf, Obama selbst als "celebrity", als Berühmtheit zu denunzieren. In einem Werbespot verglichen sie Obama mit Persönlichkeiten wie der Popsängerin Britney Spears und der Hotelerbin Paris Hilton. Damit soll dem Wahlvolk suggeriert werden, dass Obama zu abgehoben sei, um die Sorgen und Nöte des hart arbeitenden Durchschnittsamerikaners zu verstehen.
Die Proteste ließen nicht lange auf sich warten, nicht nur aus dem Obama-Lager. Kathy Hilton, Paris' Mutter, ärgerte sich über "diese Geldverschwendung" für den Spot, schließlich hatte sie zuvor selbst für McCain gespendet. Paris Hilton wiederum kündigte in einem selbstironischen Videoclip ihren Einstieg in die Politik an. Und die "Los Angeles Times" belehrte McCain, dass "Obama keine Berühmheit ist, sondern ein Rockstar".
Außerdem scheinen McCains Leute verdrängt zu haben, dass zwei der erfolgreichsten republikanischen Politiker aus dem Showgeschäft kommen: Ronald Reagan, US-Präsident von 1981 bis 1989, und
Arnold Schwarzenegger, Kaliforniens derzeitiger Gouverneur.
Doch offenbar wirkt McCains Kampagne, seine Umfragewerte steigen. ",Prominenter' ist im Jahr 2008 ein schmutziges Wort geworden", sagt Darrell M. West, Wissenschaftler am renommierten Brookings Institut und Autor des Buchs "Celebrity Politics". "Weder McCain noch Obama wollen als Promis gesehen werden. Dabei sind sie es beide. Das Ganze ist scheinheilig und absurd."
Doch zum Glück gibt es in Hollywood genügend andere Menschen, die gern als Promis betrachtet werden wollen - viele Gäste bei der Obama-Gala des Ehepaars Siegel in Beverly Hills zum Beispiel.
Rund 200 Menschen sind am Ende gekommen, neben Jamie Foxx auch die Schauspielerinnen Lucy Liu ("Drei Engel für Charlie") und Shohreh Aghdashloo ("24"), Julia Roberts' Bruder Eric ("The Dark Knight"), das ehemalige Spice Girl Melanie Brown und der Bestsellerautor Khaled Hosseini ("Der Drachenläufer"). Auch Vincent Bugliosi ist da, der als Staatsanwalt einst den Hippie-Schlächter Charles Manson angeklagt hat und nun gern George W. Bush hinter Gitter bringen würde.
Sie alle schreiten an den Fotografen vorbei ins Wohnzimmer der Siegels, das man sich als einen mit impressionistischen Gemälden und Antiquitäten dekorierten Schauraum vorstellen muss. Im Esszimmer, unter einer Grafik von Alexander Calder, ist ein kaltes Buffet aufgebaut. Es gibt Brot, Käsewürfel, Oliven, gefüllte Weinblätter und Muffins, sonst nichts. Die Teller und Gabeln sind aus Plastik, wie bei einem Kindergeburtstag. "Immerhin scheint das ganze Geld bei Obama zu landen", knurrt ein Gast.
Im Garten hinter dem Haus, mit Blick auf den 12-Meter-Pool, beginnt das Programm. Ein siebenköpfiger Gospelchor singt: "Obama '08, es ist Zeit zu feiern", auf Englisch reimt sich das. Dann hält ein halbes Dutzend demokratische Politiker Lobreden auf den Hoffnungsträger, quasi als Ersatz für Obama selbst, der gerade in der Provinz auf Wahlkampftour ist.
Hier habe Obama ohnehin schon gewonnen, ruft der Kongressabgeordnete Brad Sherman dem Publikum zu: "Das Rennen ist vorbei in Beverly Hills, aber es ist noch nicht vorbei in Dayton, Ohio."
Anerkennendes Gemurmel, schleppender Applaus. Einige besonders elegant gekleidete Damen haben Schwierigkeiten, das Gleichgewicht zu halten, denn ihre spitzen High Heels bohren sich in den weichen Rasen. Wahlkampf ist, wie das Erzeugen von Hollywood-Glamour, mitunter sehr harte Arbeit.
Frage an den Gastgeber: Doktor Siegel, wie viele der Leute hier auf Ihrer Gala kennen Sie eigentlich? "Och, nicht viele", sagt Siegel. Er wirkt nicht unglücklich dabei. MARTIN WOLF
* Mit Obama-Ehefrau Michelle.
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 36/2008
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