01.09.2008

LITERATURFrau mit Herz

Frankreichs Sex-Skandalautorin Catherine Millet hat ein neues Bekenntnisbuch geschrieben - diesmal über ihre krankhafte Eifersucht.
Eine Femme fatale sieht anders aus, denkt man. Nicht so klein, keine so lange Nase, vollere Lippen vielleicht. Und doch: Catherine Millet hat als Femme fatale Furore gemacht.
Vor sieben Jahren veröffentlichte die Französin ihre intimen Memoiren unter dem schlichten Titel "Das sexuelle Leben der Catherine M." - und verursachte damit in der Heimat des Marquis de Sade einen veritablen Skandal. Eine renommierte Kunstkritikerin, eine Intellektuelle, die nicht nur in besten Pariser Kreisen verkehrt, sondern auch in Swinger-Clubs!
Mit dem nahezu indifferenten Ton einer unbeteiligten Chronistin schilderte die damals 53-Jährige ihre sexuelle Unersättlichkeit, kalt, explizit, pornografisch, wie die geschockten Rezensenten festhielten. "Ein Klassiker der französischen erotischen Literatur", tönte Bernard Pivot, der Reich-Ranicki von der anderen Rheinseite - und ein literarischer Coup: zwei Millionen verkaufte Exemplare weltweit, übersetzt in 45 Sprachen.
Nun ist in Frankreich eine Fortsetzung der Milletschen Bekenntnisse erschienen, und die Ratlosigkeit über dieses sonderbarwidersprüchliche Weib dürfte ins Unermessliche wachsen. Denn in "Jour de souffrance" seziert Catherine Millet ihre ureigene Krankheit: die Eifersucht*. Das Thema, so viel ist klar, liegt bei einer Nymphomanin nicht eben auf der Hand, selbst wenn sie - wie Millet - seit mehr als 20 Jahren mit demselben Mann zusammenlebt.
Die Neugier ist dementsprechend groß. So ausführlich wie erstaunt besprechen die großen französischen Tageszeitungen das Zeugnis von Millets "anderem Leben", wie der Verlag ihr neues Werk bewirbt: Die Frau, die "von unzählig vielen Typen" nach eigenen Worten "beackert", "gespickt", "gestopft", "genagelt", "gebügelt", "durchpflügt" oder "durchbohrt" wurde, hat außerdem ein Herz. Sie liebt! Sie ist eifersüchtig!
Das Wochenblatt "Le Nouvel Observateur" widmete der Autorin ein fünfseitiges Dossier, das Cover zeigte sie als junge Frau - mit umflortem Blick und nackter Brust. Ihren autobiografischen Erstling hatte das
Blatt noch mit einem mokanten Wortspiel als "Baise-seller" tituliert. "Baiser" bedeutet so viel wie "ficken".
In der Tat, um nichts anderes ging es in "Das sexuelle Leben der Catherine M.": "Sie fickt, wie sie atmet", heißt es über Madame im Buch - und wer die fast 300 Seiten Kopulationscurriculum gelesen hat, weiß, dass das keine Übertreibung darstellt. Frau Millet, angezogen als Chefredakteurin und Mitbegründerin des Kunstmagazins "art press" tätig, trieb es in ihrer Freizeit überall, ob auf Tischen, Teppichen oder in Badezimmern, auf Parkplätzen, Lkw-Ladeflächen, hinterm Busch oder im Hauseingang.
Und jetzt das. Wie kann es sein, dass eine solche Frau vor Eifersucht lodert angesichts der recht gewöhnlich anmutenden Affären ihres Gatten, des Schriftstellers und Fotografen Jacques Henric? Wäre Catherine Millet nicht der hemmungslos exhibitionistische Freigeist, als der sie sich berühmt geschrieben hat, wäre die ganze Geschichte äußerst banal. So aber ist sie verwirrend - und pikant.
Als Millet entdeckt, dass ihr Gatte sich seinerseits auch nicht auf die traute eheliche Zweisamkeit beschränkt hat, erleidet sie einen Nervenzusammenbruch. In einer akribischen und schonungslosen Ausführlichkeit, die es mit der Beschreibung ihres Sexuallebens durchaus aufnehmen kann, schildert die betrogene Betrügerin in "Jour de souffrance" die psychischen und physischen Höllenqualen, die sie in ihrer Eifersucht durchlebt.
Mit Herzrasen und Angstschweißausbrüchen gräbt sich Millet "in Archäologenmanier" durch die Sachen ihres Mannes. Sie liest seine Notizbücher und Briefe, sammelt herumliegende Zettel mit Telefonnummern und versucht, Namen hinter Initialien zu entschlüsseln. Wenn es ganz schlimm wird, masturbiert sie zur Vorstellung von Jacques mit einer unbekannten Geliebten. 160 Seiten lang halluziniert sich Catherine Millet als treuliebendes Opfer. Es sind obszessive Szenen einer gekränkten Frau. Erst dann konfrontiert der entnervte, hilflose Mann sie mit ihrer eigenen seriellen Untreue.
Jacques Henric war vor allem dadurch bekannt worden, dass er parallel zum Erfolg seiner Frau ein eigenes Buch über sie veröffentlichte, "Die Legende der Catherine M.". Darin klärte er gleich zu Beginn seine Einstellung zu den Ausschweifungen der Gattin. "Eine freie, unbefangene Frau ohne Schuldgefühle", so schrieb Henric, "ist ein schönes Geschenk für einen Romancier." Diese Unbefangenheit demonstrierte Catherine Millet unter anderem auf mehr als zwei Dutzend Nacktaufnahmen, mit denen ihr Angetrauter seine recht verschwurbelten Ausführungen über Geistesgrößen von Georges Bataille bis Jacques Lacan garnierte. Eines seiner Fotos zeigte Millet hüllenlos neben dem Grab von Walter Benjamin - eine verquastere Intellektuellen-Erotik ist schwer vorstellbar.
In "Jour de souffrance" aber muss das Ehepaar nun durch die Krise des notorischen Fremdgehens hindurch: Erst Henrics Verweis auf ihre eigenen außerehelichen Hundertschaften reißt Millet aus ihrem Eifersuchtsdelirium und bewegt sie zum Aufarbeiten der Liaisons.
Neben dem Stirnrunzeln über die unerwartet konventionellen Leiden der sonst so unkonventionellen Catherine M. bleibt die Bewunderung für das fein geschriebene Psychogramm einer Liebesleidenden. Und, natürlich, das Mysterium Millet.
JULIA AMALIA HEYER
* Catherine Millet: "Jour de souffrance". Éditions Flammarion, Paris; 272 Seiten; 20 Euro (unverbindliche Preisempfehlung).
Von Julia Amalia Heyer

DER SPIEGEL 36/2008
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