01.09.2008

FESTSPIELE„Eine Katze im Sack“

Wagner-Urenkelin Nike, 63, über ihre Bewerbung um die Leitung des Bayreuther Opernfestivals und die Konkurrenz ihrer Cousinen
SPIEGEL: Frau Wagner, an diesem Montag berät der Stiftungsrat über die Nachfolge Ihres Onkels Wolfgang Wagner als Chef der Bayreuther Festspiele. Zur Wahl stehen zwei Tandem-Teams, einerseits Ihre Cousinen Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier und andererseits Sie und der Opernintendant Gerard Mortier. Rechnen Sie mit einer unvoreingenommenen Entscheidung?
Wagner: Wir werden es ja sehen. Für Katharina sind von manchen interessierten Seiten Fakten geschaffen worden, um Wolfgang Wagners dynastischen Wünschen zu entsprechen. Ein Teil des Hofstaats möchte gern noch länger beisammenbleiben. Aber der Stiftungsrat ist mit diesem Hofstaat nicht deckungsgleich. Sonst hätte ich, hätten wir unsere Kandidatur gar nicht erst angetreten. Mortier und ich glauben an Läuterung und Einsicht.
SPIEGEL: Es ist jetzt eine Vereinbarung zwischen Festivalchef Wolfgang Wagner und den relevanten Gruppen im Stiftungsrat aufgetaucht, die vorsieht, dass Wolfgangs Tochter Katharina seine Nachfolgerin wird. Obwohl das Papier vermutlich nicht unterzeichnet wurde, muss man wahrscheinlich von einer Absprache ausgehen, oder?
Wagner: Es ist ein von Wolfgang Wagners Rechtsberatern erstelltes Dokument, das eine Nachfolgelösung durch Umgehung der Stiftungssatzung plante. Erfreulicherweise ist es von politischer Seite abgelehnt worden, bevor es in den Stiftungsrat kam. Selbst dort soll vereinzelt mit der Stirn gerunzelt worden sein. Sie sehen, es gibt noch Gegenwehr.
SPIEGEL: Der bayerische Landtagswahlkampf spielt auch eine Rolle. In der Bevölkerung, so wird gemutmaßt, kommt die volkstümliche Katharina gut an.
Wagner: Ob das Publikum der Festspiele über die absolute Mehrheit der CSU entscheidet, muss ich bezweifeln. Aber wenn Sie das Public Viewing ansprechen, den Versuch, eine Aufführung vom Hügel einem breiteren Publikum zu öffnen, so ging dieser Versuch ziemlich grandios daneben. Die werbetechnisch ohnehin massiv unterstützte "Meistersinger"-Inszenierung änderte daran so wenig wie der missglückte Versuch, diese "Meistersinger" über die Laptops zu schicken.
SPIEGEL: Fühlen Sie sich in einen aussichtslosen Kampf verstrickt?
Wagner: Seit 1991 setze ich mich für ein anderes Bayreuth ein. Für ein Bayreuth, dessen künstlerische Maßstäbe ich - wie auch Gerard Mortier - dem Bayreuth Wieland Wagners verdanke. Jahrzehnte danach hat sich an solchen grundsätzlichen Maßstäben nichts geändert, sie sind aufzunehmen und weiterzuführen. Gerard Mortier und ich bieten dem Stiftungsrat eine Alternative zu dem Bayreuth der Wolfgang-Töchter. Aussichtslos ist das schon deshalb nicht, weil Argumente, haben sie erst einmal die Bühne der Öffentlichkeit betreten, schwer wieder davonzuscheuchen sind. Ohne die Bewerbung von Mortier und mir wäre vermutlich überhaupt kein Impuls zur Veränderung ausgegangen. Die altfränkische Kungelei hätte weiter Urständ gefeiert.
SPIEGEL: Würden Sie das Rennen machen, so müssten Sie mit einer Medien GmbH der Festspiele zurechtkommen, in der Katharina als Geschäftsführerin mit 30 Prozent der Anteile eine Sperrminorität hält. Wie wollen Sie sich damit arrangieren?
Wagner: Diese Medien GmbH ist nach Auskunft meiner Rechtsberater eine problematische Konstruktion und sollte besser aufgelöst werden.
SPIEGEL: Warum tun Sie sich die ganze Schlacht überhaupt an?
Wagner: Aus innerer Verpflichtung. Ich hänge an der Moderne. Das habe ich aus meiner Kinderstube. Das Wort von der Werkstatt Bayreuth hatte zur Zeit meiner Eltern nicht nur seine künstlerische, es hatte auch noch eine intellektuelle Bedeutung. Moderne bedeutet für mich die Verpflichtung, Kunst durch beständige Belebung zu bewahren und ihr dafür einen Raum der Freiheit zu schaffen. Deswegen darf Bayreuth weder zum Bieder-Musealen noch zum abenteuerlichen Marketing-Objekt verkommen. Ich würde auch die Verweildauer eines Gasts auf dem roten Teppich auf erhöhtes Schritttempo reduzieren. Mortier und ich liegen auf einer Linie: Wir plädieren für ein an dem Geist und den Ideen Wagners orientiertes Musiktheater, offen für zeitgenössische Strömungen im musikalischen, theatralischen und visuellen Bereich.
SPIEGEL: Das Publikum hat den Eindruck, es gehe bei der Nachfolge Wolfgang Wagners nicht um die beste Lösung für Bayreuth, sondern um einen Zickenkrieg.
Wagner: Mit Zickenkrieg hat all dies schon deswegen viel zu tun, weil es die Drahtzieher des "Kathi-Projekts" in der bunten Presse so haben wollen. Das muss gar nicht auf Katharina zurückgehen, Pressegeschichten entfalten ihre eigene Dynamik. Ich denke, es geht aber um einen weitaus ernsthafteren Konflikt. Wir stehen an einer Zäsur in der Geschichte Neu-Bayreuths, und die Konflikte, die durch die überzogene Herrschaft Wolfgang Wagners unter der Decke blieben, brechen jetzt auf. Den Festspielen droht ein gewaltiger Qualitätsverlust, wenn der nicht bereits eingetreten ist. Die Besten unserer Theaterwelt sind gerade gut genug, um das mit so viel Geschichte, Mythologie und mehr als fragwürdiger Ideologie - aber auch mit so viel grandioser Kunst - beladene Flaggschiff Bayreuth in die Zukunft zu steuern. Die Erlöser kommen immer von außen, denn sie haben naturgemäß den originelleren Blick. Deshalb halten Gerard Mortier und ich die Tür für ein gemeinsames Direktorium mit Eva Wagner-Pasquier offen.
SPIEGEL: Ihre Gegner spielen die Alterskarte: Sie sind 63, Mortier zwei Jahre älter. Katharina ist 30, ihre Halbschwester Eva 63. Ist es eine Entscheidung zwischen Jugend und Alter?
Wagner: Jaja, ich weiß. Süßer Vogel Jugend hier - die nimmersatten grauen Panther dort. Ein beliebtes Schreckbild. Aber ich darf erinnern: Bei der Eröffnung des Festspielhauses war Wagner genauso alt wie ich heute. Fontanes bedeutende Romane entstanden erst nach seinem 60. Lebensjahr. Wir sind ja nicht beim Sport, sondern haben es mit Kunst zu tun. Da zählen Erfahrung, Kenntnis, vergleichendes Können. Zumindest wissen die Wagner-Panther - im Unterschied zum jungen Blut -, wie man den "Tristan"-Akkord fehlerfrei schreibt.
SPIEGEL: Im Opernbetrieb wird langfristig geplant. Angeblich sind die meisten Künstlerverträge in Bayreuth bis 2015 schon geschlossen. Wo bleibt Ihr Spielraum?
Wagner: Wir dürfen keine Angst vor der Ewigkeit haben. Schließlich gibt es auch im Opernbetrieb die Faktoren: Zeitlichkeit, Absprachen, Stimmverlust, Konkurrenz, bessere Angebote. Was für die Festspiele schon beschlossen ist und welche Verträge unterschrieben wurden, hat man uns trotz wiederholter Anfrage nicht mitgeteilt. Bayreuth ist - außer für die privilegierten Wolfgang-Töchter - eine Katze im Sack. Man wird gewiss neu verhandeln müssen, schon um das gegenwärtige Niveau zu verbessern.
SPIEGEL: Sie sprechen in Ihrem Konzept von der Alternative "Weitermachen oder Neubeginn". Was wäre am Duo Katharina/ Eva so entsetzlich lähmend?
Wagner: Dass ihr Konzept, wenn ich es richtig gelesen habe, allenfalls sagt: Es bleibt alles, wie es ist, nur in der medialen Vermittlung versprechen wir Neues.
SPIEGEL: Immerhin will Katharina Bayreuth zugänglicher machen: Opern an anderen Spielorten als dem Festspielhaus, Wagner für Kinder, Open-Air-Übertragungen und sogar noch die Aufarbeitung der Nazi-Zeit. Das klingt doch verheißungsvoll.
Wagner: "Wagner für Kinder" finde ich eine schreckliche Idee. Ein Werk will verstanden, nicht erkrabbelt werden. Wenn Katharina die Nazi-Zeit Bayreuths noch nicht aufgearbeitet hat, so könnte das ihrer Jugend geschuldet sein. Doch sie kann ja immer noch die in großer Zahl vorhandenen Publikationen in Ruhe studieren.
SPIEGEL: Es würde nicht wundern, wenn ein Komponist den Zwist im Hause Wagner in einer Oper komprimieren würde. Welche Rolle sehen Sie darin für sich?
Wagner: Eine Mischung aus den Figuren Elsa: visionär, Sieglinde: inzestanfällig, Brünnhilde: vaterhörig, Kundry: meschugge - und meiner Tante Friedelind Wagner: hellsichtig "dagegen".
INTERVIEW: JOACHIM KRONSBEIN
Von Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 36/2008
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