01.09.2008

KulturSchottland vor!

Nahaufnahme: Hollywood-Legende Sean Connery präsentiert in seiner Heimatstadt Edinburgh seine Autobiografie.
Seine Fans stehen erwartungsfroh und bibbern. Auf dem Charlotte Square in Edinburgh warten sie an einem kühlen, windigen Vormittag zu Hunderten rund um das Denkmal von Prince Consort Albert, dem Ehemann von Queen Victoria. Geduldig reihen sie sich in eine Schlange ein, die immer länger wird, bis ihr Ende wieder an ihren Anfang stößt. Dann erscheint er. Zahllose Schulkinder, adrett in ihren Uniformen, jubeln ihm zu.
Sean Connery kehrt in seine Heimatstadt zurück, um sein Buch "Being a Scot" vorzustellen. Er lächelt, hebt den Arm und winkt, huldvoll wie sonst nur die Royals. "Von wegen!", grummelt eine Frau im Hintergrund. "Wenn er so ein überzeugter Schotte ist, warum zahlt er dann nicht bei uns seine Steuern?"
Connery, vor 78 Jahren im Edinburgher Arbeiterbezirk Fountainbridge geboren, wohnt seit Jahren auf den Bahamas. Dort ist die Sonnenscheindauer länger als in seiner Heimat und der Steuersatz niedriger. "Wenn er nur wegen des Wetters weggegangen wäre, könnte ich es ja verstehen", sagt ein 50-jähriger Edinburgher namens John und blickt zum düsteren Himmel hoch.
Connery, kein Patriot? Der Mann, der 007 war, ein geiziger Steuerflüchtling? Für den schottischen First Minister Alex Salmond, der den Star beim internationalen Bücherfestival von Edinburgh begrüßt, ist dieser Gedanke Hochverrat. Denn Connery hat Salmonds Scottish National Party, die für die Unabhängigkeit des Landes vom Vereinigten Königreich kämpft, mit großzügigen Spenden unterstützt. Dafür darf der ehemalige Sargpolierer Connery nun, so wird gemunkelt, im Wohnsitz des schottischen Ministerpräsidenten gleich gegenüber am Charlotte Square kostenfrei logieren.
Connery, begleitet von seiner Frau Micheline, hat heute Geburtstag. Zur Feier des Tages trägt er einen hellen Rolli unter einem dunklen Blazer und einen Schal in blau-grünen Schottenkaros. Er hat Wildlederslipper an. Das wirkt gewagt bei den hiesigen klimatischen Verhältnissen.
Doch Connery hat seine Jugend in Edinburgh weitgehend unter freiem Himmel verbracht, beim Fußballspielen und bei seinem ersten Job als Milchjunge. Er sieht einer Wolke an, wann es aus ihr regnen wird. Er kommt trocken ins Veranstaltungszelt.
Dort sitzt er mit dem Co-Autor seines Buchs, Murray Grigor, und redet über sein Leben. Seine Frau, sein Bruder Neil und der First Minister lauschen gebannt, zusammen mit 500 weiteren Zuhörern, vielen Edinburgher Bürgern und einigen handverlesenen Journalisten.
Connery erzählt, wie er ein Angebot von Manchester United ausschlug, um Schauspieler statt Profi-Kicker zu werden, wie er für die Bond-Filme lernen musste, elegante Anzüge zu tragen, und wie ihm Alfred Hitchcock beibrachte, beim Spielen nicht den Mund offen stehen zu lassen. Steven Spielberg habe ihn als einen der sieben größten Filmstars bezeichnet - sei ihm das wichtig? "Ich war mehr an der Höhe meiner Gage interessiert", erwidert Connery lakonisch. Nicht jeder im Zelt hört diese Sätze gern.
Denn vor einigen Jahren machte Connery Werbung für einen Whisky der japanischen Marke Suntory. Das löste in den heimischen Destillerien von Glenmorangie bis Glenlivet helle Empörung aus.
Andererseits hat sich Connery in seinen Filmen um die Verbreitung der Kultur seines Landes sehr verdient gemacht. Er ließ sogar einen Berberfürsten (in "Der Wind und der Löwe", 1975) und einen russischen U-Boot-Kapitän (in "Jagd auf Roter Oktober", 1990) mit schottischem Zungenschlag
sprechen. Darin wird jedes S zum Sch, der Scot also zum "Schcot".
Seine größte nationale Heldentat bestand freilich darin, die Rolle des britischen Schnobs, pardon: Snobs, James Bond zu erobern. Ian Fleming, der Autor der 007-Romane, der seinen Helden nur zur Strafe weg vom englischen Eton College auf das Fettes College nach Edinburgh geschickt hatte, war schockiert, als ihm die Filmproduzenten den ungehobelten Schotten als weltmännischen Superagenten andienten.
Sean Connery als James Bond - das war für die nationale Seele besser als zehn Siege der schottischen Fußballnationalmannschaft über die englische. Und weil Connery das weiß, fällt es ihm auch heute in Edinburgh leicht, allen Zweiflern zum Trotz ins nationale Horn zu stoßen. Gefragt, ob es eine eigene schottische Olympiamannschaft geben sollte, erwidert er: "Schottland sollte immer als eigene Nation auftreten." Großer Applaus.
In seinem Buch "Being a Scot" erzählt Connery denn auch weniger von sich als von den Errungenschaften der schottischen Kultur und ihrem weltweiten Einfluss. Sogar der brasilianische Fußballstar Pelé, so erfährt der verblüffte Leser, wäre ohne schottische Entwicklungshilfe wohl verkümmert.
Connery schwärmt mit Inbrunst von den Pionieren seines Landes - würde er behaupten, die Schotten hätten die Nudel, den Schraubenzieher oder den multiplen Orgasmus erfunden, man würde es ihm glauben.
Connerys immer noch jungenhafte Begeisterungsfähigkeit hat etwas Bezwingendes. Der neunjährige James, der heute auf dieselbe Schule geht wie einst Connery, will sowieso werden wie sein Idol. "Goldfinger" ist sein Lieblingsfilm. "Kommen Sie uns mal besuchen!", ruft James' Lehrerin dem Star zu. Connery wendet sich zu ihr um, winkt freundlich und geht weiter.
Marjorie, Maureen, Fiona und Bridget, vier Damen um die sechzig, sind sich nicht so sicher, was sie von ihm halten sollen. "Ein Nationalheld? Ich weiß nicht", zweifelt Marjorie. "Gestern war Salman Rushdie hier, der war auch sehr eindrucksvoll", meint Maureen. "Aber Connery sieht immer noch verdammt gut aus", sagt Bridget. "Wenn er nur bloß hier seine Steuern zahlen würde." LARS-OLAV BEIER
* Oben: in "Feuerball" (1965, mit Claudine Auger); unten: in Edinburgh.
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 36/2008
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