08.09.2008

KUNSTDer Sonnenkönig von Chelsea

Er galt als Meister des Kitsches, nach der Scheidung von einer Porno-Queen stürzte er ab. Der New Yorker Jeff Koons hat sich zurückgearbeitet, seine Werke zählen zu den teuersten der Welt. Muss er deshalb in Versailles ausstellen? Von Klaus Brinkbäumer
Es steht nirgendwo geschrieben, dass ein Künstler seine Kunst anfassen muss. Kein bürgerliches Kunstgesetz verlangt das, nicht mal in New York, aber üblich ist es doch. Ein Künstler denkt und entwirft, dann zeichnet er und formt, ein Künstler mauert, manscht und malt, er macht sich dreckig und leidet, so ist's meistens. "Darf ich Ihnen meine Räume zeigen?", fragt Jeff Koons, 53, Künstler.
Der erste Raum ist das Büro. Weiße Wände, weiße Tische, weiße junge New Yorker arbeiten hier, schreiben Mails, während sie Sushi essen und telefonieren und Caffè latte trinken. Sie schieben auf riesigen Bildschirmen Ausrisse aus Zeitschriften und bunte Pünktchen hin und her; Collagen entstehen. Es ist laut in der Kommandozentrale der Kunstfabrik.
Drucker rumpeln, der Chef ruft seine Befehle im Gehen.
Im zweiten Raum: Bilder, in unterschiedlichen Stadien. Weiß sind die Wände, aus Chrom und Holz die Gerüste, vorn stehen junge Künstler und mischen Farben und füllen die Farben in nummerierte Tuben; 136 Töne fertigen sie für Jeffs Malen nach Zahlen. Hinten hauen andere auf Leinwände ein, dort geht es um die Grundierung, und daneben kümmern sich die nächsten um Schattierungen und um diese Nuance oder jene. Popeye mit einem Gummihummer vor Lilien, der schreckliche Hulk in Rosa, Comic-Kunst. Koons entwirft noch immer mit kindischer Phantasie, kitschig, poppig, wenig ist logisch, komisch das meiste.
Nebenan Raum drei: Skulpturen. Es gibt auch hier weiße Wände, es gibt eine Luftfilteranlage, damit kein Staubkorn die Lackierung versaut. An einer Eisenbahn schrauben sie herum, sie hängt an einem Baukran und dampft und kreischt, kommt die Lokomotive zum Orgasmus? Ein Modell ist das hier, das Original wird in Los Angeles zu sehen sein. Und sie machen Schwäne in diesem dritten Raum, die aussehen wie aus Ballonwürsten geformt, phallisch natürlich, man kann sich den Rumpf jedes Schwans als Vagina und seinen Hals und Kopf als Penis vorstellen.
"Ist nicht alles sexuelle Energie?", fragt Koons und lächelt. Räume vier und fünf: mehr Skulpturen. Ein Pirat ohne Arme und Beine, "seine sexuelle Kraft steckt im Schwert", sagt Koons. Daneben ein Planschbecken in Hundeform. Ein Hummer macht Handstand auf einem Stuhl.
1500 Quadratmeter hat seine Fabrik, New York, 601 West 29th Street, Ecke 11th Avenue. 86 Menschen wirken unter Neonlicht nach Vorgaben des Meisters, Künstler die meisten, hier Arbeitsbienen. "Sie dürfen machen, was sie wollen - in ihrer Freizeit. Bei mir machen sie, was ich fühle, ich lehre sie, die Welt durch meine Augen zu sehen. Es existiert hier drinnen keine Freiheit der Interpretation. Ich kontrolliere jedes einzelne Werk."
Koons ist gefragt, ist oben, wieder einmal, er ist einer der teuersten Künstler der Welt. Über zwei Millionen Dollar bringt jedes seiner Werke in der Regel ein, egal ob zwei- oder dreidimensional. Seine Skulpturen euphorisieren die Kunstwelt, und auch seine Gemälde sind lustvoll, leidenschaftlich, zugleich präzise, scharf und mitunter eiskalt; "koonsianisch", das Adjektiv erfand die "New York Times".
In diesen Wochen zeigt das New Yorker Metropolitan Museum of Art im Dachgarten Skulpturen ("Jeff Koons on the Roof", bis 26. Oktober), und nun macht sich der Fabrikant aus Chelsea bereit für eine Reise über den Atlantik: Das Schloss Versailles wird Koons seine Räume öffnen.
"Rabbit", das Kaninchen aus Edelstahl, inzwischen auch schon 22 Jahre alt, wird auf einem Podest im Salon d'Abondance hocken. Der Kollege "Balloon Dog", aufgepumpt und magentafarben wie einst das gedopte Team Telekom, kommt in den Salon d'Hercule. Und das "Hängende Herz" soll sanft über der "Treppe der Königin" schwingen - sehr treffend, denn dort schritt Marie Antoinette herab, berühmt dafür, Schmuck niemals abzulehnen.
Dieses Herz, spätestens, ist der Beweis dafür, dass Koons zurück ist aus den Abgründen der Vergessenen; es wurde für 23,6 Millionen Dollar verkauft. Wieso nur?
Und was soll ausgerechnet Jeff Koons in Versailles?
Edouard de Royère, Präsident der für das französische Kulturerbe sich verantwortlich fühlenden Fondation du Patrimoine, ist dem Amte entsprechend empört: "Ich habe nichts gegen zeitgenössische Kunst, aber ich bin gegen ihr Eindringen in Versailles, diesen magischen, heiligen Ort. Jeder Tourist, der aus China oder Australien kommt, wird mit dem Bild eines seltsamen Frankreich nach Hause zurückkehren. Auch wenn es nur drei Monate sind - Koons in Versailles ist ein Fehler."
Vom 10. September bis zum 14. Dezember wird die Show im Schloss zu sehen sein. Eine Verschmelzung von Barock und Pop-Art?
Koons will Frankreich "neue Energie" bringen, er sei "kein Agent provocateur", und sowieso: "Moderne Kunst ist so gefangen in der Gegenwart, dass die Konfrontation neuer Werke mit alten uns gestatten wird, eine Verbindung zwischen der Geschichte und der Kunstgeschichte wiederzuentdecken."
So redet er, so redet Koons immer. Das ist nicht immer dadaistisch oder gaga, blöd ist der Kerl nicht, doch manchmal erreicht er mit seinen Worten die Grenzen der Verständlichkeit. Das sagt nichts über seine Kunst, vielleicht hat die mit seinen Worten ja nicht so viel zu tun. "Das Barocke" von Versailles sei der ideale Kontext für ihn, "um die philosophische Herkunft meiner Arbeit zu beleuchten", sagt Koons dann.
Er sitzt nun an seinem Tisch in Raum eins der Fabrik von Chelsea, die Beine übereinandergeschlagen, die Stimme leise, ganz weich, fast süßlich. Er isst ein Sandwich und trinkt eine Flasche Wasser leer, während er aus seinem ziemlich verwegenen Leben erzählt.
York in Pennsylvania muss eine langweilige Stadt sein. Koons wuchs dort auf, schmächtig und unsportlich, "eher ein Außenseiter", nur auf den Kunstunterricht wartete er in all den Mathe- und Sportstunden. Sein Vater war Raumausstatter, die Mutter Hausfrau, und Jeff malte, weil das das Einzige war, was er besser konnte als die große Schwester. Sein Vater zahlte ihm eine Lehrerin, über 80 Jahre alt, jeden Samstag zeichnete Jeff Koons die Kühe Pennsylvanias. Zu Hause kopierte er die Werke großer Maler, der Papa verkaufte die Kopien für 100 Dollar das Stück.
Jeff studierte am Maryland Institute College of Art in Baltimore. Seine Mama erzählte ihm, dass Salvador Dalí im Hotel St. Regis in New York übernachtete. Koons rief an, Dalí sagte, er könne vorbeikommen, sie redeten ein paar Minuten lang in der Lobby, dann lud der Meister den Schüler zu einer Ausstellung ein. Koons verließ New York mit "dem Gefühl, dass diese Sorte Leben erreichbar ist".
Er studierte immerhin schon in Chicago, als er das Patti-Smith-Album "Horses" hörte, und am nächsten Morgen brach er per Anhalter nach Manhattan auf. Dort spazierte er durch die Galerien der 14. Straße und arbeitete im Museum of Modern Art, verkaufte Eintrittskarten und denen, die nicht schnell genug drin waren, noch Mitgliedschaften dazu. "Der Trick ist, schrill, aber nicht schroff zu sein."
Sein historisches Vorbild war Marcel Duchamp. Koons begann mit aufblasbarem Spielzeug, Plastikblumen vor Spiegeln, dann kamen Küchengeräte, die er mit Lichtröhren kombinierte, dann Staubsauger, nagelneu, grell beleuchtet, in Plastikvitrinen. Marcia Tucker verhalf Koons ins Licht; sie war die Direktorin des New Museum of Contemporary Art und gab Koons ein Schaufenster zur Fifth Avenue.
Dass er an der Wall Street war, als Börsenmakler, ist wahr, aber die tausend Geschichten in den Archiven seien dennoch falsch. In diesen Geschichten heißt es, der Börsenmakler habe gerochen, wie er noch mehr Geld machen könne, und begonnen, moderne Kunst runterzuhauen, und so sei er tatsächlich noch reicher geworden. Welche Chuzpe! Koons sagt, er habe nie etwas anderes als Kunst machen und nur unabhängig von den Galerien und der Strippenzieherei der Branche sein wollen - darum der Umweg über die Geldwelt. "Danach konnte ich zu meinen Bedingungen Künstler sein."
Jedenfalls konnte er sich bald an teureren Installationen versuchen. Die Nächte verbrachte er in Fanelli's Café, dort traf er Julian Schnabel, so kommt man irgendwann an in der ersten Liga.
Dann die Ausstellungen. Die Abstürze. Die Rückkehr zu den Eltern. Die Rückkehr nach New York. Die Triumphe. Denn Koons war mutig. "Man muss den Ball greifen, wenn er geflogen kommt", so sagt er es, "ich hatte so viele Kommilitonen, die alle große Dinge hätten machen können, aber als ihre Gelegenheit kam, fanden sie Ausreden. Wenn ich den Ball bekomme, halte ich ihn fest, bis mich einer umrennt." Koons flog nach Germany, fuhr nach Oberammergau, arbeitete dort mit Holz. Er reiste nach Venedig und Florenz, suchte Materialien, arbeitete in jenen Jahren mit 13 Fabriken zusammen, die ihm Holz, Porzellan und Metall lieferten. Alles sei schon da, "es gibt nichts originär Neues, es geht darum, was man wie kombiniert. Was man findet. Ich bekomme meine Inspirationen aus dem Alltag und versuche, meinen Spieltrieb zu erhalten - alles ist Quelle, alles Spielmaterial. Manchmal trage ich Eindrücke, die ich irgendwo gesammelt habe, ein Jahr lang mit mir herum, ehe sie in eine Skulptur einfließen".
Es schienen sich dann tatsächlich alle Grenzen aufzulösen. Erfolg schafft Ruhm schafft Reichtum schafft mehr Erfolg schafft Jahre des Rauschs. Er wolle die Welt in die Kunst des 21. Jahrhunderts führen oder auch die Kunst in die Welt der Zukunft - er sagte schon damals eher unbescheidene Sachen. Und dann tauchte, natürlich, eine Frau auf, und alles ging kaputt.
Eine Frau? Ilona Staller!
Jeff Koons hatte in zwei Zeitschriften Fotostrecken von Porno-Star Staller, genannt "Cicciolina", das Schnuckelchen, betrachtet. Dann war er nach Rom geflogen und hatte die Dame erneut betrachtet, diesmal live. Hinter der Bühne fragte er das Schnuckelchen, ob es nicht mit ihm zusammen Kunst machen wolle.
Ein Film sollte es werden, zu dem kam es dann nicht. Aber es gab Fotos und Skulpturen aus Holz mit bunten Blumen, es ging um Sex und seine Darstellung, die Darsteller waren Jeff Koons und das Schnuckelchen. Koons sah aus wie der Adam von Michelangelo. "Made in Heaven" hieß die Serie, es war 1991. Er wolle die Betrachter erlösen und sie "das Herz Jesu" spüren lassen, denn "Sex mit Liebe ist ein höherer Zustand, in dem man die Ewigkeit betritt, und ich glaube, dass ich dies den Menschen gezeigt habe. Darum war es nicht pornografisch".
Heute sagt Koons, er habe geliebt. Aus der Liebe wurde eine Ehe, eher körperbetont; sie redeten nicht so viel, eine Dolmetscherin war meist dabei und musste gehen, weil die Dolmetscherin sich in Koons verliebt hatte. Und Frau Staller? Na ja, sie habe zwei Seiten, diese eine, also die erotische, abenteuerliche, das ist die, die er geliebt habe, und dann war da noch eine.
Es entstand auch eine Art Kunst damals. Ein Gemälde hieß "Ilona's Asshole" und zeigte ebendies inklusive Pickelchen, und Koons redete wieder: "Ich bin stolz darauf. Wenn Sie Ilonas Hintern betrachten, stellt sich solch ein Gefühl der Menschlichkeit ein, eine Einheit mit Welt und Natur."
Sein Sohn Ludwig wurde 1992 geboren, aber es ging damals schon bergab - mit seiner Kunst, mit der jungen Ehe, mit Koons. Und "gerade als es aussah, als seien die Achtziger endlich vorbei, hat Jeff Koons einen letzten, pathetischen Seufzer jenes sich selbst vermarktenden Hypes und jener Sensationsgier von sich gegeben, die das Übelste dieses Jahrzehnts charakterisierten". Das war ein Satz wie von Koons, aber er stand in der "New York Times".
Eine Hinrichtung. Doch nicht das Ende, erstaunlicherweise.
Es kam nur eine ironiefreie Zeit, bloß das Ende des Humors. Verstehen können das vermutlich alle Eltern, denen die Kinder genommen werden. Koons klagte in New York und gewann, er war zwar nun der Sorgeberechtigte, offiziell, aber Ilona Staller ging mit Ludwig nach Rom zurück. Koons klagte in Rom und gewann wieder, aber wenn er seinen Sohn sehen wollte, hatte entweder ein Zug Verspätung oder ein Flugzeug, oder eine Krankheit war ausgebrochen. Die Steuerbehörde wollte drei Millionen Dollar von Koons.
Es verging Jahr auf Jahr, und immer wieder urteilten Gerichte, er habe eigentlich recht, mindestens das Recht auf regelmäßigen Umgang, aber irgendwann wollte Ludwig den Vater nicht mehr sehen. Koons sagt, er habe sein Vermögen in diesen Prozessen verloren und den Verstand, "ich konnte nicht mehr arbeiten, nicht mehr an etwas anderes denken, und vorbei ist es auch heute noch nicht: Ich habe einen 15jährigen Sohn und kein Verhältnis zu ihm".
Stille in der Kunstfabrik. Jeff Koons wollte nicht so tief eintauchen in die privaten Geschichten, nun hat er sie doch erzählt. Nach und nach sind die Gespräche seiner Leute verstummt, die Schnitte von Messern auf Styropor, auch die Drucker. Der Chef blickt in die Runde, lächelt scheu und sagt, Freunde hätten ihn damals gerettet, ihm gesagt, er müsse arbeiten, zurückkehren ins Leben.
Koons hatte alle Angestellten entlassen und fing neu an, suchte Galerien, die ihn ausstellen wollten, suchte Mitarbeiter und fand Justine, die er einstellte, liebte, heiratete, die ihm vier Söhne schenkte; die Familie wohnt oben am Central Park, und in Red Lion, Pennsylvania, auf der Farm seiner Großeltern. Er sagt jetzt einen schönen Satz: "Vielleicht war der ganze Sinn meiner Reisen ja, meine Ängste zu überwinden."
Die Kunst des Jeff Koons, das sind zum Beispiel Basketbälle in einem Wasserbassin. Ginge es banaler? Ja, denn diese Basketbälle sind zur Hälfte oder zu einem Drittel oder zu 24 Prozent versunken, wie betoniert, es geht um die exakt korrekte Mischung aus destilliertem Wasser und Salzwasser, der Physik-Nobelpreisträger Richard Feynman beriet Koons. Der erschaffe heute "Werke von einer seltenen, entkörperlichten Schönheit, die unser Verständnis dessen erweitern, was Skulpturen sind", meint Roberta Smith, eine der meistgeachteten Kritikerinnen Amerikas. Er sei über die Jahre "von einer verbalen zu einer physischen Ausdrucksform gelangt", so sagt es Koons. Oder, in einem geraden Satz: "Heute vertraue ich mir."
Vielleicht ist das also ganz richtig so: New York hat sich ziemlich verändert seit Andy Warhol, es passt darum schon, dass die Factory des Jahres 2008 diese weiße Fertigungsstätte am Hudson mit ihren festen Bürozeiten ist: Von acht bis fünf arbeiten seine Leute, dann fährt der Boss zu Frau und Kindern.
Und die Berührung, das ist nach Jeff Koons eher etwas Spirituelles. Jedes Bild, jede Skulptur sei seinem Hirn entsprungen, in seiner Phantasie gereift, von ihm begleitend geprüft. Was nicht ist, wie er es wollte, wirft er weg, denn Kunst hat radikal zu sein, diese Regel gilt noch.
Und dann, am Ende, fasst er seine Kunst an. Und signiert sie.
Von Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 37/2008
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