08.09.2008

FILMManikürte Leichen

Matteo Garrones preisgekrönter Mafiafilm „Gomorrha“ ist ein Spiel zwischen Fiktion und Dokumentation, so nah am Geschehen, dass mancher Schauspieler im Gefängnis sitzt.
Es lebt sich nicht schlecht in der Hölle. Lorenzo Liparulo ist ganz zufrieden. Danke schön. Er hat sich hier eingerichtet, mit seiner Frau Rita, seinen Töchtern, alle genauso rund wie er, mit seinen FC-Napoli-Fahnen und einem trüben Aquarium, in dem elegisch eine Schildkröte paddelt.
Das Junkiepaar vor der Tür stört ihn nicht. Auch nicht das Knirschen der Glassplitter, die herumliegenden Spritzen, die dunklen Höhlen der Fahrstuhlschächte. "Hier, schau dir das an ..." Das Rauschen aus den geborstenen Rohren, die Warnrufe der Dealer-Posten hört er gar nicht mehr. "Sieh nur, da verstecken sie sich", sagt Liparulo gut gelaunt und tippt mit seinem Wurstfinger auf den Bildschirm des PC.
Da läuft "Gomorrha". Eine lausige, in einem Kino aufgenommene Raubkopie des Mafiafilms des italienischen Regisseurs Matteo Garrone, der am Donnerstag auch in Deutschland startet. Untertitel: "Reise in das Reich der Camorra". Eine Höllenfahrt. Lorenzo lebt in Gomorrha. Für ihn ist das Heimatfilm: "Erkennst du meine Tochter? Und gleich komm ich."
Auf dem Schirm flirren Bilder von Süchtigen, denen der Stoff wie bei einer Fütterung zugesteckt wird. Man sieht, wie eine Mutter von einem Killerkommando erschossen wird. Familien, die über Nacht ihre Wohnung räumen, weil ihr Sprössling zur falschen Fraktion gehört. Lorenzo, stolz und strahlend wie beim Herumzeigen von Urlaubsbildern, sagt: "Wir haben auch einen Preis bekommen." Den Großen Preis der Jury in Cannes.
1,7 Millionen Italiener haben "Gomorrha" seit Mitte Mai gesehen. Der Film stehe für eine Wiedergeburt des realistischen Kinos in Italien: Bilder aus einer Welt der Angst, der Gier und der Vergeblichkeit von Widerstand. Wer den Film sieht, wünscht sich, es wäre nur ein Film.
"Gomorrha" wurde hier gedreht, bei Lorenzo Liparulo vor der Haustür, im "Gelben Segel", einem von drei düster aufragenden Neubauriegeln im Norden von Neapel, im Viertel Scampia.
Was aussieht wie die Endzeitvision eines depressiven Set-Designers, dieses Gewirr von Geschossen und Gängen, diese Wände, deren Beton überall von den rostenden Armierungen aufgesprengt ist, ist Lorenzos Zuhause. Er lebt hier, auch wenn der Abspann schon gelaufen ist.
In den Sechzigern war das Reformarchitektur. Dicht aneinandergesetzte Wohnblöcke in Form von Segeln, 140 Meter lang, 14 Stockwerke hoch, untereinander verbunden durch ein Netz von Metallstiegen und Umläufen. Man hat die Sozialfälle, die Erdbebenopfer, die Armen hineingesetzt und sich selbst überlassen: Nun vertragt euch mal schön.
Heute sind die Segel an der "Viale della Resistenza" ein Hypermarkt für Kokain, Crack, Heroin, geöffnet täglich von sieben Uhr morgens bis zwei Uhr nachts. Es ist eine von der neapolitanischen Mafia kontrollierte Welt, in die sich die Polizei nur per Hundertschaft wagt. Die größten Clans machen einen Umsatz von einer halben Million Euro. Täglich.
"Wenn du dich um deine Sachen kümmerst, passiert dir nichts. Die Dealer machen ihren Job und riskieren Gefängnis. Logisch, dass sie misstrauisch sind", sagt Lorenzo. Und seine übergewichtigen Töchter kichern. Miete bezahlt wird nicht, der Strom ist abgezapft, und weil die Lifte längst zugeschweißt sind, hievt man sich die Einkäufe über Seilwinden in den siebten Stock.
Viele Wohnungen sind ausgebrannt oder ausgeweidet, die Türen eingetreten, die Räume mit Müll gefüllt, es plätschert wie in einem Tarkowski-Film, nur nicht so romantisch. Ganze Familien sind mit dem Drehen von Heroin-Portionen beschäftigt. Man hört Kinderlachen und immer wieder die Rufe der Posten auf ihren Motorrädern: "Helle Hose, grünes Hemd, a posto!" Niemand betritt diese Zone unbemerkt.
Schon gar nicht ein Filmteam. Aber als der 39-jährige Regisseur Matteo Garrone sich im "Gelben Segel" für sechs Wochen einquartierte, war es, als sei der Zirkus in die Stadt gekommen. Die Kapos schickten ihre Frauen zum Casting, um sie später im Kino sehen zu können. "Jeder wollte mitspielen. Neapolitaner sind als Schauspieler geboren", sagt Lorenzo.
Mancher drängelte sich vor die Kamera, der es besser gelassen hätte. Einer wollte unbedingt einen Camorra-Boss spielen, er sei selbst Filmfreak. Der Mann bekam die Rolle. Er spielte in der Tat überzeugend, vor allem die Hinrichtungsszene am Ende.
Anfang Juli wurde der Typ festgenommen. Ehemalige Komplizen hatten ihn während einer Vorführung von "Gomorrha" im Gefängnis erkannt und wegen einer nie aufgeklärten Geschichte verpfiffen. Jetzt sitzt der Mann im Knast von Modena.
Garrone hat großteils mit Laien gearbeitet, Gestalten, wie man sie nur im Land Fellinis findet. Eine der phantastischsten ist der "Pirat", ein vom Krebs zerfressener Camorra-Pate, der nur durch ein Loch im Hals krächzen kann. Garrone hat ihn in einer Strandbar aufgestöbert. Allen Darstellern wurde ihre Sprache gelassen. Sie reden in den Dialekten von Nordneapel oder Caserta, weshalb "Gomorrha" auch in Italien nur untertitelt gezeigt wird.
In dieser Welt ist Wirklichkeit von Fiktion so wenig zu trennen wie Verbrechen und Alltag. Alles geht ineinander über. Ein Boss lässt sich seine Villa in Casal di Principe nach dem Vorbild von Brian De Palmas Thriller "Scarface" (1982) bauen. Eine Hinrichtungsszene aus "Gomorrha" landet schon während des Drehs bei YouTube. Ein Anwohner hatte vom Balkon aus mitgefilmt. Die Sequenz wirkte so real, dass die Polizei glaubte, etwas verpasst zu haben: "Ich musste aufs Kommissariat und erklären, dass es nur Film war", sagt Regisseur Garrone.
Nichts ist nur Film, schon gar nicht in den Armenvierteln von Neapel. Das Verbrechen hier ist "malavita", schlechtes Leben, und wird hingenommen wie schlechtes Wetter. Garrone zeigt eine Welt, die sich dem Bewusstsein ihrer Bewohner entzieht: "Ich habe ,Gomorrha' angelegt wie eine Reportage über Dschungeltiere."
Garrone hat sich aus der Fülle des gleichnamigen Reportage-Romans von Roberto Saviano bedient, eines Buchs, das sich allein in Italien 1,5 Millionen Mal verkauft hat und inzwischen in 42 Sprachen übersetzt wurde. Der Film erzählt fünf Geschichten aus dem Räderwerk der Camorra, oft mit Schulterkamera gefilmt, in blassen Farben, wie ständig überbelichtet.
"Gomorrha" beginnt in einem Schönheitssalon, wo die Killer sich bräunen und maniküren lassen. Der Körper wird Kultgegenstand. Die Leichname der Camorra haben manikürte Hände, im Film wie in der Wirklichkeit. Zum Erstaunen der Ermittler sahen die Toten in Scampia oft aus wie Profi-Fußballer der Seria A, behängt mit Ketten und in Edelmarken gekleidet.
Der zwölfjährige Totò will auch so sein. Er trägt für seine Mutter Lebensmittel aus im "Gelben Segel". Da sieht er die Kleingangster mit ihren teuren T-Shirts und den Pistolen im Bund: "Kann ich mitmachen?" In einer stillgelegten Tuffsteingrube bekommt er eine viel zu große Kugelweste übergestülpt. "Bist du stark?", fragt der Camorrist. Totò nickt. Nach dem Schuss fällt das Kind um, wie eine Marionette, deren Fäden zerschnitten wurden. Aber es gehört jetzt dazu.
Als zwischen dem Di-Lauro-Clan und den "Sezessionisten" eine Fehde ausbricht, muss jeder wissen, wo er steht. Freund oder Feind. Ein Trüppchen von Di-Lauro-Leuten hockt zusammen und kommt durch ratloses Vorsichhinreden zu dem Entschluss, jetzt "Punkte" zu machen und Leute zu erschießen. Mangels Alternative wird Maria ausgesucht, die Mutter eines Sezessionisten (gespielt von Maria Nazionale). Ohne langes Überlegen. Verbrechen geschieht einfach, als würde auch in der Realität nur ein Drehbuch abgearbeitet. "Funziona così - so läuft es." Damit ist alles gesagt, im Film wie im Leben.
Maria traut sich nicht mehr vor die Wohnung. Totò soll sie herauslocken. Totò, der ihr immer die Lebensmittel gebracht hat. "Bist du mit uns oder nicht?"
Totò geht und klingelt. So läuft es.
Eigentlich war ein anderer Junge aus Scampia für die Rolle vorgesehen. Aber der lehnte in letzter Minute ab, aus Angst. Er wolle keiner vom Di-Lauro-Clan sein, nicht einmal im Film. Er sei doch Sezessionist. Auch dieser Junge war gerade mal zwölf.
Es hat einen Totò gegeben, und "Maria" hieß in Wirklichkeit Carmela Attrice. Über den Mord an ihr wurde am 16. Januar 2005 in allen Zeitungen berichtet. In Italien sind diese Szenen Déjàvu. In Deutschland kann das Wissen nicht vorausgesetzt werden. "Gomorrha" liefert keinen Hintergrund. Man wünschte sich ein Fact-Sheet über die Polit-Ökonomie des Mülls, die zwielichtigen Verbindungen der Haute-Couture-Häuser, die Konfliktlinien der Camorra-Fehde. Sonst gerät der Realismus in Gefahr, zum Panoptikum zu werden.
Don Ciro (Gianfelice Imparato) geht als Samariter durch die Betongänge von Scampia und verteilt Geld an Hinterbliebene und Angehörige der Häftlinge. Als die Fehde ausbricht, ist es mit seiner buchhalterischen Ordnung vorbei. Plötzlich ohne den Schutz seines Clans, steht er zitternd zwischen den Fronten. Er habe, so Imparato, die Angst nicht spielen müssen: "Wenn man einem Laienschauspieler gegenübersteht, der zwölf Jahre gesessen hat, dann muss man sich nicht sehr anstrengen."
Pasquale (Salvatore Cantalupo) ist Schneider, er näht schwarz für die Firmen der Haute Couture. Um bei dem brutalen Preiskampf mithalten zu können, verkauft er sein Wissen an eine der illegalen chinesischen Nähfabriken in Neapel. Das schadet dem Geschäft der Markenfälscher von der Camorra. Pasquale entgeht knapp einem Anschlag, gibt seine Schneiderei auf und wird Lkw-Fahrer. Auf einer Raststätte sieht er eines Morgens eine Fernsehübertragung von der Oscar-Verleihung, Scarlett Johansson ist zu sehen. Sie trägt sein Kleid. Auch dies ist eine von Saviano recherchierte Geschichte.
Die Camorra hat das Land im Griff, bis in die Eingeweide hinein. Aus dem Norden wird Giftmüll ins Hinterland Neapels geschmuggelt, getarnt als humanitäre Hilfe. Der Abfallunternehmer Franco (Toni Servillo) durchwühlt das Land auf der Suche nach Hohlräumen, in die er seine Fässer vergraben kann.
Als ein Fahrer sich verätzt und seine Kollegen den Job verweigern, holt Franco einen Trupp frühreifer Roma-Jungs und setzt sie ans Steuer der Lastwagen - eine der vielen aberwitzigen Szenen des Films. Zumal Garrone es während der Dreharbeiten genauso gemacht hat: "Keiner der Jungs war versichert."
Er habe sich beim Casting Tiere vorgestellt, sagt Garrone: "Don Ciro, der Buchhalter, ist zugleich eine Ratte, die sich an den Wänden entlangdrückt, und ein verängstigter Vogel. Der Schneider Pasquale ist eine geschäftige Ameise." Und der Giftmüllunternehmer Franco gleicht einem Insekt, das sich auf der Suche nach Lagerstätten durch das Erdreich wühlt.
"Gomorrha" ist in seiner Düsternis nur zu ertragen durch die Gesichter seiner Akteure und ihre Vitalität. Ciro und Marco, zwei junge Hitzköpfe, wollen sein wie die Gangster in "Scarface". Sie geistern durch die beschlagnahmte Villa eines Camorra-Paten und brüllen sich die Dialoge von Al Pacino und den anderen zu. Ciro ist knochendürr, ein waffenverrückter Pinocchio, sein Kumpel Marco pflegt seine Robert-De-Niro-Stimme.
Das sind ihre richtigen Namen, Marco saß wegen Raubs schon im Gefängnis, Ciro kommt aus dem ärmsten Teil der Stadt, dem spanischen Viertel, und hat Neapel nur ein einziges Mal verlassen - für das Festival in Cannes.
Die beiden wollen selbst Chefs sein, kommen den Paten in die Quere, fetten alten Säcken in Shorts und mit Badelatschen, und werden am winterlichen Strand von Mondragone abgeknallt wie lästige Ratten. "Scarface" ist was fürs Kino, nichts für Anfänger. Ein Bulldozer karrt die Leichen der Jungen ab, im Hintergrund der Vesuv.
Es gab Unruhe, als diese Szene gedreht wurde, weil jeder auf dem Set abdrücken wollte. Schließlich fragte einer der beiden Jungs: "Wieso wollen die alle uns töten?"
Nichts ist hier nur Film. Einer der wenigen Lichtblicke ist Roberto, ein etwas naiver Geologe, der von Franco ins Giftmüllgeschäft eingearbeitet wird. Er sieht, wie die Bauern ihren Grund und Boden verseuchen lassen, mehr aus Gier denn aus Not. Er sieht, wie die Pfirsiche, die Büffel-Mozzarella, all die Schätze der Campania felix langsam verseucht werden. Und steigt aus: "Ich mache das nicht mehr."
Im Film wie in der Wirklichkeit. Nachdem er "Gomorrha" gesehen hatte, bekam ein örtlicher Giftmülltraffikant Gewissensbisse und stellte sich der Polizei.
ALEXANDER SMOLTCZYK
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 37/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 37/2008
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FILM:
Manikürte Leichen

  • Dokumentarfilm "Warsaw - A City Divided": Bisher unbekannte Filmaufnahmen aus dem Warschauer Ghetto
  • Digitale Forensik: Wie der SPIEGEL das Strache-Video überprüft hat
  • Webvideos der Woche: Einfach umgedreht
  • ESC-Sieg für die Niederlande: Der Piano-Man bezwingt die Windmacher