25.07.1977

„Was suchen all die Leute hier?“

Der römische Publizist und Schriftsteller Barzini, 69, hat dorn italienischen Parlament als Abgeordneter der Liberalen Partei angehört. Er schrieb den Bestseller "Die Italiener".
Dies Land hat die Ausländer stets fasziniert, nie haben die damit verbundenen Gefahren die Fremden abgeschreckt.
Einst, in weit zurückliegenden Zeiten, kamen ganze Germanenstämme mit Viehzeug, Kind und Kegel. Später kamen, in Waffen, die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, die Könige von Frankreich an der Spitze ihrer Meere, die Spanier und viele andere. Pilger machten sich auf die Reise, um in Rom Sündenablaß zu erlangen, aber auch Abenteurer, Gelehrte und Literaten, müßige Edelmänner. Nichts konnte sie bremsen.
Bis vor gut hundert Jahren verschwanden viele dieser Reisenden unterwegs spurlos. Die einen gerieten in den Alpen unter eine Lawine, andere stürzten in eine Schlucht, wieder andere kamen beim Streit in einer Weinschenke ums Leben, viele wurden von Straßenräubern ausgeraubt und umgelegt.
Später, im 20. Jahrhundert, mußten die Reisenden andere Plagen überstehen. Etwa Straßenkrawalle (berüchtigt waren die nach dem Ersten Weltkrieg), politische Aufstände, betrügerische Hoteliers, ewig verspätete Züge, Streiks, verseuchtes Wasser, Cholera, Thyphus - oder verführerische Frauen, die tödliche Krankheiten übertrugen.
Was ist es, das die Fremden trotz allem nach Italien zieht? Die unzähligen Erklärungen der Reisenden selbst sind nicht überzeugend, viele sogar widersprüchlich.
Die Überreste der Antike? In Griechenland und Ägypten gibt es genauso viele Ruinen. Die Heiligkeit Roms? Ein guter Christ kann das Himmelreich auch bei sich daheim erlangen. Ist es die Küche, ist der Wein so verlockend? Beide sind besser in Frankreich, wie selbst die Italiener zugeben.
Auch heute, da man die Ausländer wieder vor den schrecklichen Gefahren einer Italienfahrt warnt, reißt der Touristenstrom nicht ab.
Was suchen all diese Leute hier? Sicher: Was sie in Italien vorzufinden hoffen, finden sie auch tatsächlich: das gute Klima, die Museen, die Meisterwerke der Kunst, die Inseln, die gute Küche. Aber sie suchen im Grunde, ohne sich dessen ganz bewußt zu sein, noch andere, vielleicht wichtigere Dinge: die Faszination italienischen Lebens.
Italien scheint dem Touristen aus dem Norden ein anarchisches Land, in dem das Leben sorgenfrei verläuft und wo alles erlaubt ist. Das ist zum Teil Illusion.
Viele Bräuche und ungeschriebene Regeln sind bei uns genauso rigoros wie anderswo Gesetze. Gleichwohl ist diese Illusion stark genug, um jenen, die über die Grenze kommen, sogleich ein Gefühl der Erleichterung und der Befreiung zu vermitteln - eine Befreiung von den eigenen, oft genug langweiligen nationalen Tugenden.
Kein Zufall, daß sich gleich hinter dem Brennerpaß beiderseits der Straße die Gasthäuser aneinanderreihen, wo Deutsche und Österreicher, Skandinavier und Holländer scharenweise einkehren. Dort sitzen sie dann in einer Laube und widmen ihre erste italienische Stunde dem Wein und dem Spaß, der Kellnerin in den Hintern zu zwicken.
Merkwürdig genug: Auch Unordnung und Gefahren wirken verführerisch auf die Ausländer, Schon seit Jahrhunderten gehört es für sie zum Vergnügen einer Italienreise, sich selber effizienter, tüchtiger, sauberer, anständiger, besser regiert als die Einheimischen zu fühlen.
Mitleid und Verachtung für die Italiener, diese armen Teufel, hat stets zu den wahren Freuden des Reisenden aus dem Norden gehört.
Autor Barzini
"Gefahr wirkt verführerisch"

DER SPIEGEL 31/1977
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