22.09.2008

JOURNALISMUSGeneration YouTube

ARD und ZDF setzen verstärkt auf Reporter, die ihre Beiträge selbst filmen und schneiden. Das senkt die Kosten, oft aber auch die journalistische Qualität.
Vielleicht ist Gert Anhalt die Zukunft des Fernsehens. Der ZDF-Mann interviewte den Besitzer eines japanischen Schnellimbisses während eines Erdbebens, er bereist halbe Kontinente - immer allein, ohne Team. Seine Beiträge filmt er selbst und schneidet sie dann im Hotelzimmer. Wenn nötig, komponiert er auch noch die passende Filmmusik dazu.
Zurzeit denkt Anhalt darüber nach, sich eine neue Videokamera zu kaufen - auf eigene Kosten. "Der Mann ist ökonomisch", lobt ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender.
Vor allem für den Sender - und deshalb setzen ausgerechnet die öffentlich-rechtlichen Anstalten auf Videojournalisten, sogenannte VJs: Wurden vor ein paar Jahren mit Videokamera gefilmte Beiträge nur als "Heimvideos" bei "Pleiten, Pech und Pannen" ausgestrahlt, sind Videoreporter heute durchweg im Programm zu Hau- se. Ob "Mittagsmagazin", "Drehscheibe Deutschland" oder "Tagesthemen": Immer mehr Beiträge werden von einem einzigen Mitarbeiter aufgenommen, bearbeitet und sendefertig gemacht.
Das spart Geld. Eine Videokamera wiegt gerade mal gut zwei Kilogramm, professionelle Fernsehkameras mehr als doppelt so viel. Eine aufwendige Auslandsdokumentation, gedreht von einem kompletten Team über mehrere Wochen, kann schnell über 100 000 Euro kosten; bei Videoreportern sind es, selbst bei langen Drehzeiten, selten mehr als 20 000 Euro.
So wundert es kaum, dass sich gerade das ZDF auch an Formaten ausprobiert, die es so vorher nie gegeben hätte. Im Falle eines Scheiterns bleiben die Verluste überschaubar. Andererseits kommen oft packende Porträts oder Sozialreportagen heraus, die mit einem großen Team kaum zu realisieren gewesen wären.
Besonders in den dritten Programmen aber ist ein Großteil der von Videoreportern produzierten Beiträge weder investigativ noch neu erzählt oder stammt gar aus entlegenen Krisengebieten der Erde. Die ganz gewöhnlichen Nachrichtenschnipsel kommen schlicht aus Dresden, Berlin und Castrop-Rauxel.
Die journalistische Qualität erinnert allerdings gelegentlich an ein privates Urlaubsvideo, nur dass da nicht der Ehemann im Bild ist, sondern Franz Müntefering. Kein Wunder: Bei ARD-Anstalten wie dem MDR dauert die Grundausbildung zum VJ kaum eine Woche.
Nicht selten müssen die Digi-Ritter genannten Reporter bis zu fünf Filmchen am Tag für die Regionalnachrichten abliefern - Journalismus als Fließbandarbeit. Zeit für tiefgreifende Recherchen bleibt im Alltagsgeschäft nicht.
Und daran dürfte sich auch nichts ändern: Der Kostendruck auf ARD und ZDF wächst weiter. Neben den Hauptkanälen müssen sie auch digitale Nischenprogramme rund um die Uhr mit Inhalten füllen.
Zwar halten auch bei den Privatsendern die Billigreporter Einzug, angeblich aber mit Augenmaß: "Wir setzen auch weiterhin überwiegend auf klassische Teams. Journalisten können vieles, aber die meisten eben nicht alles. Unsere Autoren sollen primär beobachten, Fragen stellen, einen gewissen Abstand halten. VJs kommen nur in Ausnahmen zum Einsatz", sagt RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel.
Bei den Öffentlich-Rechtlichen dagegen sollen selbst Kameraleute oder Cutter wie Christian Hill, 27, Beiträge abliefern. Ein Volontariat hat er nicht, nur wenige Stunden nach seiner 24-tägigen Ausbildung wird er nach New York fliegen - zur Wahlkampfberichterstattung für die Kindersendung "Logo!". Im Gepäck: die Videokamera.
Ein Journalist, der hinterfragt, bewertet und auswählt, scheint weniger wichtig zu sein als der Technikexperte, der wackelfreie Bilder liefern kann. Qualitätsfernsehen für die Generation YouTube - die Ansprüche an den kritischen Journalisten sinken, solange alles authentisch wirkt. MARTIN U. MÜLLER
Von Martin U. Müller

DER SPIEGEL 39/2008
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