22.09.2008

ALBANIENDas Haus am Ende der Welt

Empört weist eine Familie Gerüchte zurück, in ihrem Keller seien serbischen Gefangenen Organe entnommen und für Transplantationen verkauft worden. Doch Zweifel bleiben.
Es scheint ein Fluch über Burrel zu liegen. Von den alten Karawansereien in den Bergen nördlich von Tirana, Haltepunkt auf dem Weg zur Adria, ist nichts mehr übrig geblieben. In heruntergekommenen Plattenbauten leben 18 000 Menschen, die früher ihr Geld meist in den Bergwerken der Umgebung verdienten.
Die Anfahrt, durch enge Serpentinen und kratertiefe Schlaglöcher, ist qualvoll, links und rechts der Straße hängen unzählige Gedenktafeln. Viele dieser Toten seien Gangster gewesen, klärt der albanische Fahrer Fatmir auf. Ende der neunziger Jahre sei Burrel die gefährlichste Stadt Albaniens gewesen. Drei konkurrierende Mafiaclans hätten die Einwohner in Angst und Schrecken versetzt - bis sich die Banden gegenseitig liquidiert hätten, was eben vorzugsweise an dieser nur wenig befahrenen Straße mit ihren steilen Abhängen geschehen sei.
Aber auch Albaniens berüchtigter Diktator Enver Hodscha, er starb 1985, hat sich von der Abgeschiedenheit der Stadt inspirieren lassen. In einem düsteren Gefängnis im Ortszentrum ließ er seine gefährlichsten politischen Gegner in nur 1,5 Quadratmeter kleinen Zellen verschwinden, meist fürs ganze Leben. Burrel galt als Synonym für die Hölle auf Erden, und daran hat sich nicht allzu viel geändert.
Nun stehen der Ort und seine Umgebung auch noch im Verdacht, eine Art Frankenstein-Labor beherbergt zu haben, in dem Menschen gleichsam geschlachtet und ausgeweidet worden sein sollen - zum lukrativen Organexport. Dies behauptet die ehemalige Chefanklägerin des Haager Kriegsverbrechertribunals, die Schweizerin Carla Del Ponte, nachzulesen in ihrem im April erschienenen Buch über die rechtliche Aufarbeitung der Kriege im sich auflösenden Jugoslawien.
Bis zu 300 Gefangene, überwiegend Serben, berichtet Del Ponte, seien "glaubwürdigen Informationen zufolge" von Rebellen der kosovarischen Albaner-Miliz UÇK nach dem Kosovo-Krieg im Juni 1999 in die nordalbanischen Städte Kukes und Tropoja verschleppt und in Lagerhäusern und Baracken eingesperrt worden. Von dort aus habe man die jüngsten und kräftigsten Männer in ein Dorf bei Burrel gebracht.
Acht angebliche Augenzeugen beschrieben unabhängig voneinander, jedoch übereinstimmend in den Details, ein gelbes Haus, in dem ein Raum im Erdgeschoss als provisorischer Operationssaal gedient habe. Ein Arzt, Kosovare aus Pec mit "auffälliger Hakennase", habe hier bis zu 50 Gefangenen Organe entnommen. Die seien dann über den Flughafen Tirana ins Ausland transportiert worden, wo zahlungskräftige Patienten bereits auf eine Transplantation warteten.
Die Sensationsgeschichte, der gruseligste Teil von Del Pontes Erinnerungen, lief dennoch ins Leere. Von ihrer Regierung bekam die Juristin, die heute Schweizer Botschafterin in Argentinien ist, Redeverbot; ihre ehemalige Pressesprecherin ging auf Distanz zu ihr: Die Anklägerin habe wohl Gerüchte kolportiert und sei Beweise schuldig geblieben.
Ein Ortstermin also.
Das Dorf bei Burrel heißt Rribe und ist nur über Schotter und Geröll erreichbar. Das angebliche Gruselhaus liegt nicht nur am Ende der Siedlung, sondern buchstäblich am Ende der Zivilisation. Hinter dem Gebäude versperrt ein von Büschen und Gestrüpp bewachsener Steilhang den Weg. Er fällt zu einem Flussbett ab und dient den Bewohnern des Hauses offenbar als Müllhalde. Dahinter erstreckt sich eine unendlich erscheinende Hügel- und Gebirgslandschaft.
Hausherr Abdulla Katuci fühlt sich an diesem Tag nicht sehr wohl. Ein Pferd habe ihn in den Rücken getreten, sagt der 77-Jährige und lässt sich in albanischer Tradition mit verschränkten Beinen auf den Teppichen des Wohnraums im ersten Stock nieder. Er gibt sich entsetzt über den Verdacht, in den sein Haus geraten ist.
Gestenreich schildert er sein Leben: Ein fanatischer Anhänger von König Zogu sei er gewesen und später trotzdem ein braver kommunistischer Soldat, der nach Stalins Tod eine halbe Stunde lang geweint habe. Doch vor ein paar Jahren, genauer: am 4. und 5. Februar 2004, habe ein neuer, unerhörter Abschnitt seines leidvollen Lebens begonnen, und der sei immer noch nicht zu Ende.
Er habe in den Bergen die Schafe gehütet, als seine Frau gekommen sei und aufgeregt gerufen habe, er solle schnell heimkehren, das ganze Haus sei voll von schwerbewaffneter Polizei und Ausländern. Die Fremden entpuppten sich als Ermittler des Uno-Kriegsverbrechertribunals, sie hatten ihre Experten aus dem Kosovo mitgebracht. Ein albanischer Staatsanwalt sei auch da gewesen. Sie alle sollten im Auftrag von Chefanklägerin Del Ponte Beweise für die angeblichen Verbrechen liefern.
"Sie stellten unser Haus zwei Tage lang auf den Kopf, durchwühlten unsere Kleidung, sammelten den Müll und sogar die Zigarettenstummel ein", empört sich der Alte. Alle Zimmer hätten die Ermittler mit chemischen Substanzen eingesprüht, um Blutspuren zu finden. Zwei kalte Nächte habe die Familie im Freien verbringen müssen, auch die damals gerade einen Monat alte Enkelin. Seine ganze Familie und die seines ältesten Sohnes Mersim, 48, die ebenfalls im Haus wohnt, hätten unter dem Überfall zu leiden gehabt.
Das Uno-Team konzentrierte sich unter anderem auf einen verdächtigen Raum im Erdgeschoss, dessen schwarzer polierter Zementboden sich deutlich von allen anderen Fußböden im Haus unterschied. Die vielen Bruchstellen machten die Forensiker argwöhnisch. Niemand weiß bis heute, was sich darunter befindet. Die Ermittler hätten ihn aufbrechen wollen, erinnert sich der Alte, aber er habe klargestellt: "Nur wenn ihr dafür Schadenersatz zahlt." Da hätten die Männer und die Frau, die laut Katuci aus sieben Nationen stammten, verzichtet und seien abgezogen.
Erst im April, nach der Veröffentlichung des Del-Ponte-Buchs, will der Albaner erfahren haben, wonach damals bei ihm gesucht wurde. Wäre er nicht so arm, sagt der schmächtige Mann und hebt drohend den Zeigefinger, dann würde er diese Frau beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg verklagen. Ein Dorfbewohner müsse ihn wohl verleumdet haben, und wenn der Staatsanwalt den Übeltäter nicht vor Gericht bringe, sagt Katuci, werde er das Gesetz selbst in die Hand nehmen. Die Geschichte sei noch längst nicht zu Ende.
Der Alte lässt ein Schreiben von Albaniens Premier Sali Berisha hereinbringen, den er um Hilfe ersucht hatte. Anfang August antwortete der Regierungschef und bat um Geduld. Er habe der Staatsanwaltschaft eine Frist von zwei Monaten eingeräumt, Stellung zu den Vorwürfen zu beziehen.
Also alles falsch? Der Organhandel nur eine Verschwörungsgeschichte aus dem tiefsten Balkan, eine aus dem Ruder gelaufene Nachbarschaftsquerele unter Skipetaren? Vielleicht doch nicht.
Es ergeben sich Merkwürdigkeiten, Ungereimtheiten, auch bei diesem Besuch.
So sind es Katucis Enkel, die jedes Mal wortgewaltig einspringen, wenn der alte Mann in Erklärungsnot gerät.
Denn nicht alle Fragen kann er beantworten. Zum Beispiel die, wozu die von den Ermittlern am Flussbett gefundenen Spritzen gedient hätten, das ganze Verbandsmaterial, die leeren Infusionsflaschen, die Lösungen zur Muskelentspannung enthielten.
Es sei in diesen Gegenden ohne angemessene medizinische Versorgung ganz normal, sich in Notfällen selbst Spritzen zu verabreichen, beschwichtigt die 26-jährige Dashurie. Doch das klingt nicht sehr glaubwürdig.
Und woher stammten die Blutspuren, welche die Ermittler identifiziert hatten? Eine im Haus lebende Frau habe hier entbunden, antwortet eine Enkelin. Außerdem werde an islamischen Feiertagen in diesem Raum geschlachtet, fügt sie hinzu. Das kann stimmen - oder auch nicht. Forensiker mussten einräumen, sie seien technisch nicht in der Lage gewesen festzustellen, ob es sich um menschliches oder tierisches Blut gehandelt habe.
Doch der eigentliche Beweis, dass die Katucis zumindest nicht mit der ganzen Wahrheit herausrücken, leuchtet jedem Besucher entgegen. Das Haus, dessen Außenanstrich die acht Zeugen übereinstimmend als gelb (in den Jahren 1999 und 2000) beschrieben haben, glänzt hellweiß.
Die Familie hatte zunächst behauptet, es sei immer schon weiß gewesen, auch als die Ermittler vor vier Jahren angerückt seien. Doch das Uno-Team hatte schnell gelbe Farbreste unter dem Neuanstrich gefunden.
Passend dazu "erinnert" sich Enkelin Dashurie nun, die Familie habe es 2001 anlässlich einer Hochzeit herausputzen wollen und die Mauern bis zur Höhe von etwa einem Meter gelb getüncht. Später hätte sie es wieder in den Originalzustand zurückversetzt.
Auch dieses Zugeständnis ist fragwürdig. Einer der Uno-Ermittler sagt, ihm liege ein Foto von 1999 vor, welches das gesamte Gebäude in nüchternem Gelb zeige.
Was kann in einem Ort wie Rribe schon unbemerkt geschehen? In der 400 Meter vom Haus der Katucis entfernten Dorfbar will sich kaum jemand zu der Sache äußern. Ein Muskelprotz in schwarzem T-Shirt, ganz offensichtlich ein Geheimdienstmann, verfolgt alle Gespräche mit finsterer Miene. Nein, nichts Außergewöhnliches sei vor neun Jahren passiert, versichert der Barbesitzer schnell. Hier sei es nun einmal üblich, die Häuser jährlich neu zu streichen. Auch dies erscheint angesichts der Armut im Dorf äußerst zweifelhaft.
Als 2004 die Uno-Ermittler forderten, einige Gräber auf beiden Seiten des Weges nach Rribe öffnen zu lassen, widersetzten sich die Dörfler. Die Zeugen hatten behauptet, mehrere Opfer der Organentnahmen seien hier unter albanischen Namen begraben worden.
Seither hat das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag die Ermittlungen nicht fortgeführt. Es fehlte nicht nur das Mandat, Verbrechen aufzuklären, die erst nach dem Krieg im Kosovo verübt wurden. Auch die bis dahin gesammelten Beweise reichten nicht für eine Anklage aus.
Dennoch seien die Indizien beeindruckend gewesen, sagt einer der damaligen Ermittler heute. Allerdings sei der Fall wohl gewaltig aufgebauscht worden. Er jedenfalls glaube nicht, dass den Opfern, wie Sensationsblätter meldeten, hochempfindliche Organe wie Herz oder Leber entnommen worden sind. Allenfalls die Entfernung von Nieren sei unter solch primitiven Umständen vorstellbar.
Inzwischen seien auch die Zeugen von damals wie "vom Erdboden verschluckt", so der Ermittler. Er zweifle jedenfalls an deren Bereitschaft zu weiteren Aussagen. Die Männer, die größtenteils selbst in die angeblichen Verbrechen verstrickt gewesen seien, sollen ehemalige Führer der UÇK sowie hohe Politiker des heutigen Kosovo als Hintermänner des Organhandels beschuldigt haben.
Deshalb hätten sie Angst, "jede weitere Aussage würde ihr sicheres Todesurteil bedeuten". Zu ihrem Schutz sind die meisten nach Italien gebracht worden und seither abgetaucht.
So richten sich die letzten Hoffnungen, die Geschehnisse doch noch aufzuklären, auf den Sonderermittler des Europarats, Dick Marty, 63. Er soll jetzt innerhalb von zwei Jahren den Vorwürfen nachgehen.
Der eifrige ehemalige Tessiner Staatsanwalt hat bereits die Ermittlungen über geheime CIA-Flüge und -Gefängnisse in Europa geleitet, in dem betreffenden Bericht aber auch ziemlich fragwürdige Belege ohne Quellen angeführt - was ihm den Vorwurf eintrug, er sei ein Missionar, für den Überzeugungen mitunter wichtiger seien als die Fakten. Ob gerade er verwertbare Beweise finden kann, muss sich erst noch zeigen.
Schließlich sind weder die Spuren am mutmaßlichen Tatort noch die in Frage kommenden Gräber jemals gesichert worden. RENATE FLOTTAU
Von Renate Flottau

DER SPIEGEL 39/2008
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