29.09.2008

SÜDAFRIKAKabale und Hiebe

Nach dem Abgang von Präsident Mbeki steckt die Republik am Kap in der schwersten Krise seit Ende der Apartheid. Kann ausgerechnet ANC-Chef Jacob Zuma Land und Partei wieder einen?
Er ahnte, was kommen würde. Er kennt sich aus im Strippenziehen. Und er kennt seine Partei.
Es war der Montag vor zwei Wochen. Thabo Mbeki, 66, zu diesem Zeitpunkt noch Präsident von Südafrika, war gerade auf dem Weg von Simbabwe in den Sudan, als ihn eine Schlagzeile aus der Heimat erreichte: "Wenn die Schlange tot ist, musst du sie nicht noch einmal erschlagen."
Formuliert hatte den bissigen Satz Intimfeind Jacob Zuma, 66, der Vorsitzende der Regierungspartei ANC. Da wusste Mbeki, dass sein politisches Schicksal besiegelt war. Sechs Tage später, am vorvorigen Sonntag, gab er seinen Rücktritt bekannt. Dienstag darauf folgten ihm 13 seiner Kabinettsmitglieder.
Die Massenflucht des politischen Spitzenpersonals stürzte das Land in die schwerste Krise seit dem Ende der Apartheid 1994. In Johannesburg sackten die Börsenkurse ab, die ANC-Spitze traf sich zu Krisensitzungen, Erzbischof Desmond Tutu orakelte von Zuständen wie in einer "Bananenrepublik". Zuma jedoch versicherte Börsianern und Investoren, es bestehe "kein Anlass zu Panik".
Das mag derzeit stimmen, weil am Donnerstag der gemäßigte ANC-Vizepräsident Kgalema Motlanthe, 59, mit einem teilweise erneuerten Kabinett die Geschäfte übernahm. Doch Motlanthe wird nur für ein gutes halbes Jahr amtieren. Dann sind Wahlen geplant. Und dann, so will es der ANC bislang, soll der Parteichef zum neuen Staatsoberhaupt ausgerufen werden.
Aber bleibt Jacob Zuma tatsächlich der Präsidentschaftskandidat 2009? Was wird aus dem traditionsreichen ANC? Droht ihm die Spaltung? Und wohin steuert Südafrikas Ökonomie?
Noch immer ist das Land am Kap mit seinen 48 Millionen Einwohnern das wirtschaftlich stärkste auf dem Kontinent. Verarbeitendes Gewerbe und Bergbau wachsen wieder zweistellig, die Investitionen auch. Die Regierung Mbeki hat Millionen neuer Häuser bauen lassen, zwölf Millionen alte und verarmte Südafrikaner bekommen staatliche Unterstützung.
Knapp vier Millionen Schwarze zählen inzwischen zu Südafrikas Mittelklasse. Selbst in Johannesburgs bekanntestem Township Soweto, wo die Wellblechhütten meist schon festen Häusern gewichen sind, wachsen riesige Einkaufszentren wie die Maponya Mall aus dem Boden.
Genauso offensichtlich aber ist die Kehrseite des Booms. Es gibt durchschnittlich 50 Morde pro Tag, in den Krankenhäusern sterben Tausende Patienten, weil sie nicht ausreichend versorgt werden. Etwa fünfeinhalb Millionen Menschen sind HIV-infiziert, und zu den Ärgernissen des Alltags gehört, dass es immer wieder Stromabschaltungen gibt.
Gugu Ndema, 24, gehört zu denen, die es geschafft haben. Sie ist schwarz und arbeitet als Immobilienmaklerin in einem Johannesburger Broker-Haus. Sie hat Jura studiert, ein regelmäßiges Einkommen und ist ANC-Mitglied. Aber auch Ndema ist unzufrieden: "Es gibt zu viele Leute, die durch den Rost fallen", sagt sie. "Du hast als Schwarzer die schlechtere Bildung, die schlechteren Chancen, und wenn du mal einen Kredit willst, schicken sie dich weg." Deshalb wollten die Leute den Wechsel: weg von Mbeki, der nicht den Menschen, sondern den Unternehmern geholfen habe; hin zu Zuma, den sie für einen Mann des Volkes halten.
Marius Ellis, 51, Unternehmensberater in Kapstadt, sieht die Zukunft kritischer. Ellis war Soldat. Als er in den Townships Unruhen niederhalten sollte, quittierte er den Dienst und trat dem ANC bei. Ellis hat freiwillig in den Elendsquartieren gearbeitet und sich für die Partei engagiert. Jetzt aber reiche es. "Ich will raus aus dem Land", sagt er, "nach Europa oder Australien." Weil er sich weder mit dem Regierungsstil des ANC abfinden könne noch mit der grassierenden Kriminalität. Sein Urteil über Zuma? "Ein verdammter Krimineller. Mandela war mein Idol, aber sein Vermächtnis ist ruiniert."
Jacob Zuma kennt die Kritik an seiner Person. Es gibt für Präsidentschaftskandidaten wie ihn eine ganze Reihe Möglichkeiten, sich zu disqualifizieren - Zuma hat wenige davon ausgelassen. Er hat gegen Schwule gehetzt und die Einführung der Todesstrafe ins Gespräch gebracht. Er entging nur knapp einer Anklage wegen Bestechung, Unterschlagung und Steuerhinterziehung. Er stand wegen der Vergewaltigung einer HIV-positiven Frau vor Gericht, aber auch davon wurde er freigesprochen. Der Fall blieb in Erinnerung, weil Zuma auf die Frage, wie er sich vor einer Infektion geschützt habe, sagte, er habe nach dem Geschlechtsverkehr geduscht.
Die Liste der mutmaßlichen Missetaten ist lang, doch sie beeindruckt die Mehrheit der Südafrikaner bisher nicht. Sie erhoffen sich eine Lichtgestalt, die sie jenem Wohlstand näher bringt, den sie sich seit 14 Jahren erträumen.
Mphathi Gocini, 49, hat jeden Tag mit diesen Menschen zu tun. Gocini arbeitet als Sozialarbeiter im Elendsviertel Khayelitsha am südöstlichen Rand von Kapstadt. Hunderttausende leben dort, in zusammengenagelten Hütten, manchmal gibt es Strom, nur selten fließendes Wasser. Mehr Arbeit, mehr Bildung, bessere Wohnungen und die Halbierung der Armut bis 2014, das alles habe Mbeki immer wieder angekündigt, sagt Gocini. In Khayelitsha aber sei davon kaum etwas zu spüren.
Und doch wird sich der größte Teil der Wähler in Khayelitsha kommendes Frühjahr für Zuma entscheiden. Weil er der Kandidat des ANC ist und die Sprache der einfachen Leute spricht. Das Leopardenfell, das Zuma vergangene Woche beim Gedenktag zu Ehren des Zulu-Häuptlings Tschaka trug, ist ihm allemal lieber als der gutsitzende Anzug, in dem der spröde Mbeki auftrat. Zuma ist lernfähig, er gilt als links und volksnah.
Und er ist wendig. Kaum hatte er sich im vergangenen Dezember zum Präsidenten des ANC wählen lassen, begab er sich ins schweizerische Davos, wo sich alljährlich die globale Wirtschaftselite ein Stelldichein gibt. Er reiste nach Washington, London und Indien. Er versprach einen "Pakt" zwischen Wirtschaft, Regierung und Gewerkschaften, um die drängendsten Wirtschaftsprobleme zu lösen. Und er besuchte in Johannesburg ein Elendsviertel weißer Südafrikaner, um die sich noch nie ein Politiker gekümmert hatte.
Aber die ANC-Jugendorganisation Youth League, der Gewerkschaftsverband Cosatu und die Kommunistische Partei werden ihren Lohn dafür einfordern, dass sie Mbeki weggemobbt haben. Auch dass der ANC nie klar definiert hat, ob er auf eine liberale Wirtschaftspolitik setzt oder eher auf Verstaatlichung und hohe Transfers - so wie es das südafrikanische Proletariat erwartet -, könnte für Zuma zum Stolperstein werden.
Nicht minder groß ist das zweite Problem: die Modernisierung der Partei. Kabale und Hiebe, Tritte und Intrigen sind politischer Alltag im ANC seit dem Abgang des Übervaters Nelson Mandela. 2001 stoppte Thabo Mbeki die Karriere von drei Spitzenfunktionären, weil sie ein Komplott gegen ihn vorbereitet haben sollen. Als Vizepräsident Zuma 2005 ein Korruptionsverfahren drohte, entließ er auch den - ohnehin war Zuma ihm zu populär geworden.
Die Zuma-Freunde schlugen zurück. Nachdem ihr Idol im vergangenen Dezember den ANC-Vorsitz erobert hatte, verloren landesweit Hunderte Mbeki-Anhänger ihre Jobs in der Verwaltung oder aussichtsreiche Plätze auf Wahllisten.
Auch sonst sind die Sitten innerhalb der Partei ziemlich rau. Als die Youth League im April ihre Führung neu wählte, musste der Konvent unterbrochen werden, weil sich betrunkene Mitglieder prügelten und mit Flaschen warfen. In der Provinz Western Cape hieb ein Mann dem regionalen ANC-Parteisekretär während einer Veranstaltung ein Messer in den Nacken.
Für Zuma sind - wie früher für Mbeki - Rechtsstaat und Gewaltenteilung keineswegs heilig. So ließ er seine Freunde gewähren, als sie kürzlich Stimmung machten gegen jenes Gericht, das seinen Bestechungsfall verhandelte. Der Chef des Jugendverbands brüllte, seine Leute würden für Zuma notfalls "töten und sterben".
Als der weiße Zeichner Jonathan Shapiro Anfang September in der "Sunday Times" eine Karikatur veröffentlichte, die Zuma zeigt, wie er mit seinen Anhängern die Justiz vergewaltigt, brach ein Hurrikan der Entrüstung los. Shapiro solle "in der Hölle verrotten", sangen Zuma-Anhänger bei einer Protestveranstaltung.
Viele ehemalige Sympathisanten gehen inzwischen auf Distanz zur Regierungspartei. Moeletsi Mbeki, jüngerer Bruder des Ex-Präsidenten, Politologe, Wirtschaftsberater und seit Jahrzehnten treues Parteimitglied, warnte dieser Tage in aller Deutlichkeit: "Wenn der ANC weiter so mit der Verfassung umspringt, führt er das Land in einen Bürgerkrieg." HORAND KNAUP
Von Horand Knaup

DER SPIEGEL 40/2008
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