06.10.2008

HISTORIKERPsychologische Kriegführung

Während der Hochphase des Kalten Krieges haben Beamte des Bundesministeriums für gesamtdeutsche Fragen fast wie Geheimdienstler gegen die DDR operiert - weitgehend unkontrolliert und mit Millionen an Steuergeldern. Der in Potsdam lehrende Historiker Stefan Creuzberger, 46, hat jetzt erstmals systematisch die im Koblenzer Bundesarchiv aufbewahrten Akten ausgewertet*. Dabei stellte er fest, dass die Geschichte der Bonner Behörde ganz deutlich das von "Irrationalität und Widersprüchlichkeiten geprägte" Verhältnis zum SED-Regime widerspiegele. Aufgabe selbst untergeordneter Referatsleiter sei es gewesen, die "östliche Ideologie" niederzukämpfen. So unterstützte das Ministerium im Rahmen einer "psychologischen Kriegführung", wie dessen politisch-operative Arbeit in der internen Amtssprache hieß, mit immensen Summen die sogenannten Ostbüros von CDU, SPD und FDP. Im Jahr 1953 plante es gar, die Volkspolizei der DDR "durch Zersetzung ihrer geistigen Grundlagen zu erschüttern" - mit Hilfe eines Abwehrspezialisten aus der NS-Zeit. Selbst vor verdeckten Versuchen, die politischen Gegner im eigenen Land zu desavouieren, schreckten die Bonner Amtsleute nicht zurück. Sie alimentierten den dubiosen "Volksbund für Frieden und Freiheit" und verunglimpften die auf Dialog mit der DDR bedachte Gesamtdeutsche Volkspartei des späteren Bundespräsidenten Gustav Heinemann. Auch legten sie eine geheime Kartei an, die über 20 000 vermeintliche Antidemokraten und Kommunistenfreunde auflistete, die in der Bundesrepublik lebten. Die illegale Sammlung diente nicht nur den Hausherren selbst und anderen Ministerien. Nutznießer waren auch das Bundesamt für Verfassungsschutz, der Bundesnachrichtendienst und vermutlich auch der US-amerikanische Geheimdienst CIA.
* "Kampf für die Einheit. Das gesamtdeutsche Ministerium und die politische Kultur des Kalten Krieges 1949-1969". Droste Verlag, Düsseldorf; 604 Seiten; 49,50 Euro.

DER SPIEGEL 41/2008
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