06.10.2008

TitelDas verlorene Jahrzehnt

Was Amerika aus den Fehlern der Japaner lernen kann
Auf das japanische Finanzdebakel folgte angelsächsische Häme: "Goodbye Japan Inc", titelte die "Washington Post", und der "Economist" höhnte: "Die Realität schlägt zurück." Unter Tränen hatte zuvor Shohei Nozawa, der Boss des Wertpapierhauses Yamaichi, Nippons größte Firmenpleite der Nachkriegszeit eingestehen müssen.
Das war 1997, auf dem Höhepunkt der Japan-Krise, die dieser Tage häufig mit dem Beben an der Wall Street verglichen wird. Und die zugleich die bange Frage aufwirft, ob denn die aktuelle Krise genauso lange dauern wird wie die japanische.
Geplatzt war die Seifenblasenwirtschaft der zweitgrößten Industrienation nämlich schon 1990. In den späten achtziger Jahren hatten Japans Banken und Brokerhäuser einen wahren Fujiyama an faulen Krediten aufgetürmt: Um das flaue Exportwachstum auszugleichen, hatte die Notenbank die Kapitalkosten praktisch auf null reduziert, allein ab 1986 senkte sie in 13 Monaten fünfmal die Leitzinsen.
Japans Firmen und Privatleute liehen sich damals billig Geld, um damit Aktien und Immobilien zu kaufen. Die Folge der wundersamen Geldvermehrung: An der Tokioter Börse rasten die Kurse auf Rekordhöhen. Allein der Telefonriese NTT war plötzlich mehr wert als Daimler, Siemens, Allianz, Deutsche Bank, Krupp, Thyssen, BMW, Bayer, Hoechst und BASF zusammen. Auch die Immobilienpreise stiegen: Das Grundstück des Kaiserpalastes in Tokio kostete theoretisch etwa so viel wie Kalifornien.
Ihre überteuerten Grundstücke setzten die Firmen als Pfand ein, um immer neue Kredite aufzunehmen; mit dem geliehenen Geld bauten sie Fabriken und Gebäude, die keiner brauchte. Im Jahr 1990 stoppte die Zentralbank den Boom abrupt: Sie erhöhte die Leitzinsen.
Erst krachte es an der Börse, dann am Immobilienmarkt: Um den Crash zu lindern, pumpte der japanische Staat frühzeitig Milliarden Steuergelder in den erschlafften Wirtschaftskreislauf - für neue Straßen, Brücken, Freizeitparks. Und die Zentralbank schraubte die Zinsen hastig wieder auf fast null herunter. Doch es half alles nichts.
Denn die Japaner machten einen entscheidenden Fehler: Sie weigerten sich lange Zeit, ihre Banken untergehen zu lassen oder zu verstaatlichen. Das wahre Ausmaß der faulen Kredite wurde hartnäckig vertuscht - aus Rücksicht auf die Banker, bei denen es sich häufig um ehemalige Finanzbürokraten handelte. Und aus Rücksicht auf die Öffentlichkeit, die es ablehnte, private Spekulanten mit Steuergeldern aus der Misere zu retten.
So rutschte die Inselnation im Konsens immer tiefer in die Krise: Der Kreditstrom versiegte, die Investitionen gingen zurück, der Konsum auch, die Preise fielen. Ab Ende der neunziger Jahre trudelte Japan in die Deflation. Der Preisverfall trieb die Realzinsen in die Höhe, und dadurch drückte die Last der faulen Kredite noch unerträglicher.
Nach der Yamaichi-Pleite begann das große Aufräumen: Rund 495 Milliarden Dollar injizierte Tokio in das kranke Finanzsystem, mindestens die Hälfte davon wurde inzwischen wieder an den Staat zurückgezahlt. Von den einst 21 Geschäftsbanken blieben im Zuge von Fusionen und Verstaatlichungen drei mächtige japanische Institute übrig. Und mit Verzögerung begann auch die Industrie, sich gesundzuschrumpfen.
Japans Anleger haben sich von der Blase und dem "verlorenen Jahrzehnt" danach nie ganz erholt: An der Börse dümpelt der Nikkei-Index weit unter der Hälfte seiner Rekordmarke von 1990. Viele Japaner zahlen nach wie vor teure Kredite für Immobilien ab, deren Wert nach dem Crash nicht mehr oder kaum mehr stieg.
Dafür haben US-Experten früh versucht, aus Nippons Fehlern zu lernen. Schon 2000 schrieb Ben Bernanke, der heutige US-Notenbankchef, einen Beitrag für das Buch "Japans Finanzkrise und ihre Parallelen zur US-Erfahrung".
Ihre Erfahrung machen die USA jedoch erst jetzt, und erst jetzt kann Bernanke zeigen, ob er die richtigen Lehren aus der Japan-Krise gezogen hat. WIELAND WAGNER
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 41/2008
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