20.10.2008

GesellschaftTorte im Mixer

Ortstermin: Die Hamburger Verbraucherzentrale berät Rentner, die ihr Erspartes in Papiere von Lehman Brothers investiert hatten.
Franz Gerlich betritt den Raum zögernd, mit kleinen Schritten. Er trägt eine helle Windjacke, Jeans und in der Hand eine große Plastiktüte von Foto-Wiesenhavern. Es sieht aus, als halte er sich an der Tüte fest. Gerlich schaut sich um, sieht, er ist der Erste, und darüber ist er nicht froh.
Gerlich ist Rentner, 78 Jahre alt, er hat Hufschmied gelernt, damals, als Junge. Vor seiner Pensionierung arbeitete er bei der Hamburger Hochbahn. Mit seinem Lohn, sagt er, habe er immer solide gewirtschaftet, er hat, zusammen mit seiner Frau, einen Sohn großgezogen und noch nie in seinem Leben vor Gericht geklagt. Gerlich ist nicht der Typ, der ohne Grund Ärger macht, der sich vordrängelt, voranstürmt. Im leeren Seminarraum der Verbraucherzentrale Hamburg wählt er einen Stuhl in der letzten Reihe, ganz links. Seine Frau Ilse setzt sich neben ihn, faltet die Hände. Es sieht aus, als würde sie beten. Grund genug hätte sie.
Im Oktober des vergangenen Jahres betraten die Gerlichs ihre Bank, eine Filiale der Hamburger Sparkasse (Haspa). Sie wollten 10 000 Euro anlegen. Festgeld, das wieder frei war. Den jungen Kundenberater fragten sie: Was sollen wir damit tun? Was raten Sie uns? Sie wollten etwas Sicheres. Vielleicht Bundesschatzbriefe.
Nach Erinnerung der Gerlichs legte der Kundenberater bunte Broschüren auf den Tisch, und er habe empfohlen, die Summe zu teilen. Rund eine Hälfte Bundesschatzbriefe, die andere Hälfte Zertifikate von Lehman Brothers. Weder Franz noch Ilse Gerlich wussten, was Zertifikate sind, sie hatten auch keine Ahnung, dass sie ihr Geld nicht der Haspa geben, sondern einer amerikanischen Investmentbank, die damit spekulieren würde. Die Gerlichs sahen auch keinen Grund, genauer nachzufragen. Sie waren langjährige, zufriedene Kunden der Haspa. Franz Gerlich hatte das Institut ausgewählt, als sein Arbeitgeber die Lohnzahlung in Tüten einstellte.
Seinen Berater fragte Gerlich nur: "Ist das sicher?" Der nickte, so erzählt es Gerlich. Außerdem habe der Berater behauptet, so die Gerlichs, dass die Bundesschatzbriefe nur in Kombination mit den Lehman-Zertifikaten zu haben seien. Die Gerlichs glaubten ihm das. Die Haspa sagt nun, sie wolle den Fall prüfen.
Heute jedenfalls gibt es die Investmentbank Lehman Brothers nicht mehr, und was die Zertifikate wert sind, weiß zurzeit niemand, der einzige Trost, der den Gerlichs geblieben ist, ist die Tatsache, dass sie nicht allein sind.
Gut ein Dutzend Lehman-Opfer sitzen jetzt hier im Seminarraum, rund hundert weitere haben sich angemeldet. Sie werden in den nächsten zwei Wochen kommen und Dinge erfahren, die ihnen der Kundenberater ihrer Bank auch hätte sagen können.
Den Einführungskurs in die Grundlagen des globalen Finanzmarkts gibt Edda Castello, Anlageexpertin der Hamburger Verbraucherzentrale, eine beherzte Frau, die erkennbar lieber auf Angriff setzt als auf Verteidigung. In den kommenden 60 Minuten wird sie ihr Publikum einweihen in die Marketingtricks deutscher Geldhäuser, sie wird ihre Zuhörer einführen in eine Welt, in der auch die Sparkasse eines kleinen deutschen Bundeslandes ein Global Player sein wollte.
In ihrem Vortrag spricht Castello von der "ganz offenbar verschwiegenen Zinskonvergenz bei zwei- und zehnjährigen Anleihen". Dann geht es um verschleierte Eigentümerschaft, um zu hohe Gebühren, um angeblich zehn Prozent Provision für die Haspa, wenn sie die Lehman-Papiere an den Kunden brachte.
Das Durchschnittsalter der Zuhörer liegt jenseits der 60, es sind mehr Frauen als Männer im Raum, und wenn sie eine Frage haben, heben sie die Hand wie in der Schule und ringen dann mit den Wortungetümen der internationalen Finanzbranche: "Inhaberschuldverschreibungen, Pfandbriefobligationen, Multi-Invest-Dingsda".
In der ersten Reihe fragt jemand, ob er sein gesamtes Geld, Erspartes und das auf dem Girokonto, nicht besser mit nach Hause nehmen sollte. Castello sagt entschieden: "Nein." Weiter hinten fährt eine Hand nach oben, gefragt wird nach Investmentsparen. Was das denn nun sei.
Und Castello beginnt zu erzählen, von Obst-, Marzipan- und Sahnetorten. Jede Torte sei eine Firma. Aus jeder Torte kaufe die Bank ein Stück. Die Stücke würden dann im Mixer zerkleinert, vermischt und dann häppchenweise verkauft. "An Sie", sagt Castello und zeigt ins Publikum. Das Publikum nickt, dankbar, dass endlich einmal ein Teil dieses ganzen Wahnsinns verständlich erklärt wurde, dankbar auch, dass jemand zu ihnen hält.
Wie viele andere im Land haben Edda Castellos Zuhörer das Vertrauen in ihre Bank verloren, sie zweifeln auch am Staat, an der Regierung, den Christ-, den Sozialdemokraten, die lange Zeit ihre Aufgabe darin sahen, stillzuhalten und den Markt machen zu lassen.
Edda Castello empfiehlt ihren Zuhörern, nicht auf den Staat zu warten, sondern sich selbst zu helfen. Man solle seine Ansprüche gegenüber der Bank geltend machen und sich einen Anwalt suchen. Ohne den werde es nicht gehen.
Franz Gerlich, der Schmied, hört das nicht gern. Er erhebt sich langsam, faltet die Brille gewissenhaft, steckt sie ins Etui. Gerlich fragt, und er wiegt seinen Kopf dabei, "was das wohl kosten wird, eine Klage". Er blickt zur Decke, als stünde die Antwort dort. Dann sagt er: "Das will ich eigentlich nicht, dafür bin ich nicht gemacht."
Er geht durch die Tür, mit Ilse, seiner Frau. Zusammen treten sie nach draußen, in eine Welt, die ihnen fremd geworden ist. UWE BUSE
Von Uwe Buse

DER SPIEGEL 43/2008
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