20.10.2008

SACHBÜCHERHitlers Lieblingsjude

Es kann manchmal seine Zeit dauern, bevor Bücher geschrieben werden können. Brigitte Hamann musste warten, bis die Witwe eines Enkels des österreichischen Mediziners Eduard Bloch dessen handgeschriebene Erinnerungen im Archiv des Washingtoner Holocaust Memorial Museum abgegeben hatte. Mit Hilfe dieser Aufzeichnungen konnte die Wiener Historikerin nun "das Leben des Armenarztes Eduard Bloch", so der Untertitel ihrer Biografie, rekonstruieren.
Der 1872 in Südböhmen geborene fromme Jude behandelte 1907 eine an Brustkrebs leidende 47 Jahre alte Frau. Deren Sohn pflegte die unheilbar Kranke aufopferungsvoll bis zu ihrem Tod. Es handelte sich um Adolf Hitler und seine Mutter Klara. Später sagte Bloch: "In meiner ganzen Karriere habe ich niemanden gesehen, der so vom Kummer vernichtet war wie Adolf Hitler." Nach dem Begräbnis drückte der spätere "Führer", der ebenfalls bei Bloch Patient war, diesem die Hand und sagte: "Ich werde Ihnen, Herr Doktor, ewig dankbar sein." Aus Wien schickte er ihm dann in den folgenden Jahren Neujahrskarten.
Als Hitler gut 30 Jahre später, unmittelbar nach dem "Anschluss" Österreichs, nach Linz kam, erkundigte er sich offenbar nach seinem ehemaligen Arzt. "Lebt mein guter alter Dr. Bloch noch?", soll er gefragt haben. "Ja, wenn alle Juden so wären wie er, dann gäbe es keinen Antisemitismus." Der Arzt galt fortan als "Edeljude". Er stand unter dem Schutz der Gestapo von Linz und durfte in seiner Wohnung bleiben, die nicht als "Judenwohnung" gekennzeichnet war. Ende 1940 konnte er mit seiner Frau noch nach Amerika auswandern. In der New Yorker Bronx überlebte Bloch den Diktator um gut einen Monat und starb Anfang Juni 1945. Wie Hamann in der spannenden Biografie herausarbeitet, war der völlig unpolitische Arzt eine tief gespaltene Persönlichkeit. Auf der einen Seite musste er den mörderischen Antisemitismus seines Bekannten ablehnen. Auf der anderen Seite hatte er ihn als sensiblen jungen Menschen in Erinnerung. Und ein wenig stolz darauf, wie weit Hitler es gebracht hatte, war er - wenigstens zeitweilig - auch.
Brigitte Hamann: "Hitlers Edeljude. Das Leben des Armenarztes Eduard Bloch". Piper Verlag, München; 512 Seiten; 24,90 Euro.

DER SPIEGEL 43/2008
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