27.10.2008

LeserbriefeLust am Untergang

Nr. 43/2008, Titel: Das Ende der Gemütlichkeit - Was auf die Deutschen (noch) zukommt
Die Zeit der Gemütlichkeit war für den Bürger schon lange vorbei. Ihn lässt man ungeniert für die Fehler der Verantwortlichen bezahlen. Banker, Lobbyisten und die Politiker selbst haben sich davon stets ausgenommen und werden es auch weiterhin tun. Da macht es auch nichts, wenn die Bildung zu kurz kommt, weil das Geld für das Rettungspaket benötigt wird.
LÜBECK SONJA GRUNWALD
Die aktuelle wirtschaftliche Großwetterlage bietet ideale Bedingungen für den deutschen Seelenhaushalt: die Lust am katastrophischen Untergang. Doch auch wer dem deutschen Michel sein schwarzrot-goldenes Ruhekissen wegzieht, wird eine Industrienation weich auf ihr Wohlstandssofa fallen sehen.
ZÜRICH HELGE F. JANI
Immer wieder erscheint einem das berühmte Victory-Zeichen des Herrn Ackermann vor Augen, das nicht mehr nur als Symbol für an Zynismus grenzende Banker-Arroganz zu bewerten ist, sondern es kann jedem ehrlichen Bürger dieses Staates mittlerweile berechtigte Angst vor der Zukunft machen.
MÖNCHENGLADBACH GREGOR ORTMEYER
Es wird nicht mehr nach dem Schuldigen gesucht, weil die Zeit zu knapp ist: Die Brandstifter lässt man laufen, weil das Haus gelöscht werden muss. In solchen Momenten wird die kollektive Verantwortung von dem Staat angefordert.
BASSUM (NIEDERS.) WOLFGANG REINERT
Die Selbstheilungskräfte des Marktes haben nicht versagt, man hat sie nur nicht gelassen. Hätte man, wäre in ganz kurzer Zeit die halbe Menschheit hopsgegangen, und die Überlebenden hätten wieder begonnen, Mehrwert zu erarbeiten und das Rad zu erfinden und Jesus und das Fernsehen und irgendwann Derivate. Jetzt ist es doch langweilig, es ist nichts Neues, es geht irgendwie weiter so.
NIEDERSCHINDMAAS (SACHSEN) PETER SCHÖNHOFF
Die Völker der Erde brauchen keine Globalisierung, keine multinationalen Konzerne, keinen ungehinderten Geld- und Warenfluss - den brauchen nur die Profiteure dieses Konstrukts. Die Menschen brauchen eine raumorientierte Volkswirtschaft, die sich an den natürlichen Be-dingungen der einzelnen Länder und den Bedürfnissen der einzelnen Völker ausrichtet. Das Geld sollte lediglich den Handel zwischen Produzenten und Konsumenten erleichtern und nicht selbst zum Handelsobjekt werden. Wie kann es sein, dass die geltenden Gesetze Spekulationen mit Volksvermögen zulassen? Für Spieler gibt es Spielbanken und Casinos, in einer Bank haben diese nichts verloren.
ALKERSLEBEN (THÜRINGEN) OLAF NEUBAUER SPIEGEL ONLINE FORUM
Angesichts der Krisen und Katastrophen, die wir permanent produzieren, sollte sich doch jeder Mensch einmal grundsätzliche Fragen stellen. Kann denn menschliche Gier überhaupt Aussicht auf Erfolg haben? Ist sie nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt? Evolutionär klug handeln wir jedenfalls nicht. Wer nur ein bisschen tiefer nachdenkt, wird darauf kommen, dass wir Menschen nur dann uns selbst und unsere Lebensgrundlagen nicht gefährden, wenn wir materiell bescheiden werden.
TANGERMÜNDE (SACHS.-ANH.) MANFRED REICHELT SPIEGEL ONLINE FORUM
Nachdem das Raubtier Kapitalismus die Schafe gerissen hat, wird ihm jetzt unser Tafelsilber angeboten.
WEEZE (NRDRH.-WESTF.) HANS-ROBERT LUTZ
Was uns Angst machen sollte, das ist die vereinte Kraft des global agierenden Kapitals auf der einen Seite und die Hilflosigkeit der vielen Einzelstaaten auf der anderen Seite. Wir haben keine global geltenden Gesetze, womit man das Kapital im Sinne einer ethischen und ökologischen Weltentwicklung vernünftig steuern könnte. Und diese weltweiten Gesetze werden auch nicht kommen können, wenn man diese seit Jahrzehnten gepflegte Phobie vor einer vermeintlichen Sozialisierung nicht endlich mal überwindet.
HEINSBERG (NRDRH.-WESTF.) KARL-HEINZ JANSING
SPIEGEL ONLINE Forum
Jetzt wird wieder das Hohelied der sozialen Marktwirtschaft gesungen. Natürlich ist sie besser als ein entfesselter Finanzkapitalismus. Aber auch sie ist ein Wachstumsmodell. Wachstum der Geldwirtschaft aber verbessert unser Leben nicht mehr, sondern verschlechtert es. Bisher hat es die Menschheit immer geschafft, in schwierigen Situationen eine Lösung zu finden. Es war immer mit der Befreiung von etwas verbunden. Jetzt geht es um die Befreiung von der Herrschaft des Geldes über uns.
AHLERSTEDT (NIEDERS.) FRITZ TIEMANN
Ohne die Rückkehr des Vertrauens der Banken untereinander und der Kunden zu den Banken werden die Maßnahmen der Notenbanken und Regierungen verpuffen. Um es mit John M. Keynes und Karl Schiller zu sagen: "Man kann die Pferde zur Tränke führen, aber man kann sie nicht zum Saufen zwingen."
BAD KROZINGEN (BAD.-WÜRTT.) DR. GEORG BLEILE
Mein Bankberater beruhigt mich. Meine Ersparnisse sind bei ihm absolut sicher. Presse und TV schlagen in die gleiche Kerbe, wenngleich gelegentlich eine ernste Situation angedeutet wird. Frau Merkel gibt sich dann wieder zuversichtlich. Alles unter Kontrolle! Warum bin ich trotzdem nervös? Vielleicht wegen den vielen TV-Talkshows, bei denen immer öfter Priester beider Konfessionen eingeladen sind. Das erinnert mich fatal an spontane Seelsorgerbesuche am Krankenbett. Das bedeutet meistens, dass der Tod in Bälde zu erwarten ist.
MÜNCHEN KARLHEINZ WOLF
Brandstifter sind doch wir alle. Der kleine und mittlere Anleger hat zum Beispiel Anteile an einem Aktienfonds und will natürlich möglichst hohe Renditen, sonst investiert er bei der Konkurrenz. Also muss der Banker, der den Fonds leitet, sich möglichst ins Zeug legen. Gierig sind wir alle! Wir wollen breite Autobahnen, exotische Früchte aus aller Herren Länder, modischen Schnickschnack und plündern deshalb unseren Planeten aus, vergiften die Natur. Die Finanzkrise ist ein Warnschuss. Wir müssen bescheidener werden. Sonst ist die Finanzkrise der Anfang von unserem Niedergang.
KÖLN GERT HANS WENGEL SPIEGEL ONLINE FORUM
Wie weit es noch nach unten geht, kann zum aktuellen Zeitpunkt sicher noch nicht abschließend beurteilt werden, da von den drei Blasen "Immobilien-, Kreditkarten- und Pkw-Schulden" bisher nur eine geplatzt ist. Und die anderen beiden werden noch folgen. Es kann sich jedoch herausstellen, dass der "Boden" tiefer ist, als es sich die meisten vorstellen können.
TUTTLINGEN (BAD.-WÜRTT.) WALTER HAGNER
Wo vor kurzem noch Bildung, Gesundheit, kommunale Einrichtungen dem Markt übergeben wurden, der alles besser und effizienter richten könne als der Staat, soll jetzt dieser den ganzen Laden retten.
BREMEN WILFRIED GRÜNHAGEN
Die Banker haben sich so verhalten, wie es nach ihrer Meinung in der globalisierten Welt angezeigt ist. Sie haben sich im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten bewegt. Neoliberalismus war das Zauberwort. Die Politiker haben die Rahmenbedingungen für dieses Treiben per Gesetze und Verordnungen ermöglicht.
LAGE (NRDRH.-WESTF.) DIETER BADSTIEBER

DER SPIEGEL 44/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 44/2008
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Leserbriefe:
Lust am Untergang

  • Konzernchef aus Schweden: "Ich habe einen Chip in meiner linken Hand"
  • Dänemark: Leuchtturm wird verschoben
  • "Mr Europa" Jean-Claude Juncker: Backpfeifen und Tanzeinlagen
  • Deutsches Flugtaxi Volocopter: Erster bemannter Flug in Singapur