27.10.2008

BILDUNG II„Soziale Selektion im Kindergarten“

Der Unternehmer Arend Oetker, 69, ist Präsident des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft.
SPIEGEL: Eine neue Studie belegt, dass Studiengebühren Tausende Abiturienten vom Studium abschrecken. Gehören die Gebühren nicht schnellstens abgeschafft?
Oetker: Nein, im Gegenteil. Unser Hauptproblem besteht nicht in den Studiengebühren, sondern in den Kindergartenbeiträgen. Die soziale Selektion beginnt doch schon im Kindergarten, im Alter von drei oder vier Jahren, indem wir den Eltern beachtliche Gebühren abverlangen. Das ist der eigentliche Skandal.
SPIEGEL: Aber auch Studiengebühren scheinen besonders diejenigen abzuschrecken, die keine Akademiker als Eltern haben.
Oetker: Der Staat kann aber nicht alles finanzieren. Deshalb ist es eher vertretbar und angesagt, die Studiengebühren in den Bundesländern, in denen es sie gibt, zu behalten ...
SPIEGEL: ... und in weiteren Bundesländern einzuführen?
Oetker: Ja, auch das. Dafür sollte der Staat die Beiträge für den Kindergarten übernehmen.
SPIEGEL: Gerade die Wirtschaft klagt ständig, dass es zu wenig Akademiker gibt. Können wir es uns wirklich leisten, mit Studiengebühren manche Interessenten abzuschrecken?
Oetker: Es ist richtig, dass wir mehr Akademiker brauchen. Aber es gibt unterschiedliche Wege dahin. Wir müssen zum Beispiel zusehen, dass Meister leichter an die Universität kommen und der Bachelor und die Fachhochschulen noch stärker anerkannt werden. Wir müssen auch die Studienbedingungen verbessern und die Abbrecherquoten senken. Dazu können Studiengebühren beitragen.
SPIEGEL: Studiengebühren helfen Ihrer Meinung nach den Studenten sogar?
Oetker: Ich glaube fest daran, dass jemand sich mehr Mühe gibt, wenn er zahlen muss. Und vergessen Sie nicht: Angehende Akademiker profitieren davon, dass sie später höhere Einkünfte haben. Für diejenigen, die während des Studiums weniger Geld haben, gibt es ja bereits einige Modelle, etwa Bafög und Stipendien.
SPIEGEL: Von Stipendien profitieren nur wenige. Müsste nicht die Wirtschaft gerade ärmere Studenten stärker unterstützen?
Oetker: Es ist beachtlich, wie viele Unternehmen das bereits machen, unter anderem durch Stiftungen. Glauben Sie doch bitte nicht, dass diejenigen, die einen Mangel an Arbeitskräften verspüren, nichts tun.

DER SPIEGEL 44/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 44/2008
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BILDUNG II:
„Soziale Selektion im Kindergarten“

  • Trump attackiert eigene Partei: "Die Republikaner müssen härter werden"
  • Konzernchef aus Schweden: "Ich habe einen Chip in meiner linken Hand"
  • Johnson droht Parlament: "Dann muss es Neuwahlen geben"
  • Dänemark: Leuchtturm wird verschoben