27.10.2008

PARTEIENVerirrter Bergsteiger

Die Linke zweifelt an ihrem Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten. Der Komödiant Peter Sodann irritiert mit bizarren Auftritten Freund und Feind.
Diese ewigen Fragen, diese lästigen Zweifel an seinen großen Visionen regen ihn inzwischen ein wenig auf. "Die Leude besteigen ja ooch den Schomolungmaa", nuschelt Peter Sodann in breitem sächsisch. Den was? "Na den Chomolungma". Hm. "So bezeichnen die Eingeborenen den Mount Everest." Ah ja.
Es ist ein schräges Bild, das er da fabriziert: Der 72-jährige Sodann, bekannt als leicht phlegmatischer "Tatort"-Kommissar Bruno Ehrlicher, mit seinen Sherpas Oskar Lafontaine, Lothar Bisky und Gregor Gysi auf dem beschwerlichen Weg zum Dach der Welt. Man sieht die vier förmlich in den Wolken verschwinden, als Sodann noch einen knappen Nachsatz hinzufügt: "Dabei sterben ooch manche."
Sterben ist das richtige Stichwort. Denn nicht wenige in der Parteizentrale der Linken sterben inzwischen schon, wenn sie nur die Zeitungen aufschlagen. Wenn sie lesen müssen, dass ihr Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten gern morgens auf dem Klo Kreuzworträtsel löst, um gleich "zwei Erfolgserlebnisse" zu haben.
Wenn sie mitbekommen, dass er Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann verhaften, Bertolt Brechts Kinderhymne zur Nationalhymne erklären würde und Deutschland nicht für eine Demokratie hält. Zwei Wochen ist Sodann nun Kandidat. Keinen Tag hat er seitdem ungenutzt verstreichen lassen, um zu beweisen, dass er für das Amt des Bundespräsidenten eher nicht in Frage kommt.
Die beiden Großstrategen Gysi und Lafontaine hatten es so schön geplant: Der Kandidat sollte Strahlkraft weit über das linke Lager hinaus entfalten, Ost und West in Harmonie vereinen. Das glatte Gegenteil ist eingetreten. Die Linke steht nach wenigen Tagen bereits als unseriös da, weil sie einen "Polit-Clown" aufgestellt habe, wie sich CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder empört. Selbst den Genossen dämmert das, und deshalb schweigt man inzwischen betreten im Berliner Karl-Liebknecht-Haus. Eher notgedrungen springt die Seilschaft dem verirrten Bergsteiger bei.
Lafontaine, leider selbst im Verwaltungsrat der angeschlagenen KfW-Bank, verkündet tapfer, er finde Sodann erfrischend und denke bei Verhaftungen gleich noch "an viele andere". Gysi, der den unbekümmerten Kandidaten vor zwei Monaten in einem Hallenser Café bei einem Vieraugengespräch angeworben hatte, bessert reichlich umständlich nach. Heute gebe es zwar eine demokratische Grundstruktur in Deutschland, die allerdings gefährdet sei. Darauf mache Sodann zugespitzt aufmerksam.
Die Genossen hätten wissen müssen, dass diesen Kandidaten niemand steuern kann. Wo Sodann in seinem Leben auch auftauchte, gab es verlässlich eines: Schwierigkeiten. Er flog aus dem Kindergarten, weil er seine "Umgebung mit allerlei Flausen in Atem" gehalten hatte und "schwer zu beaufsichtigen" war, heißt es in seiner im Frühjahr erschienenen Autobiografie. Sein Lehrer Bruno, dem er später mit der "Tatort"-Figur ein Denkmal setzte, bezichtigte ihn der Rechthaberei. Mit der legendären Helene Weigel am Berliner Ensemble lag er über Kreuz, seiner Heimatstadt Halle drohte er nach einem Theaterstreit gar mit Rückgabe der Ehrenbürgerschaft.
Nun sitzt der Mann im holzverkleideten Dachgeschoss des Hessischen Landtags und schaut leicht beunruhigt in die Runde. Die Fraktion der Linken hat den Kandidaten eingeladen, unverhofft sieht er sich einer Phalanx von Kameras und Journalisten gegenüber: "Ich betrachte das als einen Überfall."
Er sei nicht vorbereitet, und es stehe doch ohnehin schon so viel in den Zeitungen. Wie das denn nun sei mit der Demokratie, will einer wissen. "Na irgendwie fehlt mir da was." Chancengleichheit etwa. Wenn es heikel wird, flüchtet sich Sodann gern in die Poesie. Häufig bemüht er dann Brecht: "Reicher Mann und armer Mann / standen da und sahn sich an. / Und der Arme sagte bleich: / Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich."
Und die Geschichte mit Ackermann? "Hängt mit dem 'Tatort' zusammen." Dort würden eigentlich immer nur Mittelständler verhaftet. "Ich möchte auch mal jemand anderen verhaften, einen Wirtschaftsboss zum Beispiel", sagt Sodann treuherzig.
Angenommen, nur mal angenommen, Ex-Post-Chef Klaus Zumwinkel würde ermordet - im Film, versteht sich - dann müsse man doch plötzlich in ganz anderen Kreisen ermitteln. "Ist doch nicht weiter schlimm, oder?" Und Ackermann habe schließlich nach der angedrohten Verhaftung umgehend auf seine Bonuszahlungen verzichtet. Ist doch schon mal was.
Sodann braucht Lacher und ein amüsiertes Publikum. Für ihn ist Heiterkeit eine durch und durch ernste Angelegenheit. Wenn er jemanden nicht zum Lachen bringt, verzweifelt er regelrecht. Wie damals in der DDR bei einer Kabarett-Premiere in Leipzig. Während der gesamten Vorstellung nicht ein Lacher im Publikum. "Ich wollte auf der Stelle sterben, im Boden versinken", erinnert sich der Kandidat. "Stattdessen schloss ich mich in der Garderobe im Schrank ein und blieb für mehrere Stunden verschwunden."
Und deshalb wird er auch weiter durchs Land kalauern, selbst wenn ihm die Funktionäre in Berlin gern ein wenig Ernsthaftigkeit verordnen würden. Sein Sprecher hat es versucht, gleich als die unsägliche Demokratie-Diskussion begann. Er holte sich eine blutige Nase beim Chef. Die Menschen wollten ihn eben nicht anders, glaubt Sodann. Immer wenn er ernst werde, versteinerten die Gesichter seiner Zuhörer. Dann müsse er dringend wieder für Lockerheit sorgen. Natürlich mit einem flotten Spruch: "Erst haben wir den Sozialismus ruiniert, jetzt ist der Kapitalismus dran."
Der Witz, sagt Sodann gern, sei doch die Poesie des Volkes. Was Heinrich Lübke konnte ("Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger") und Walter Scheel versuchte ("Hoch auf dem gelben Wagen"), das könne er schon lange.
Das Publikum mag das. Gerade tourte Sodann durch Hessen, um aus seiner Biografie "Keine halben Sachen" zu lesen. Der Verlag hat die Reise lange vor der Kandidatur organisiert. Im tiefschwarzen Hainburg wollte die Kirche am vergangenen Dienstag die Lesung im Pfarrsaal am liebsten absagen, weil man keine linke Polit-Veranstaltung im Gotteshaus wollte. Bücherfreunde gaben ihre Karten zurück. Aber am Ende kamen doch 70 Leute, die zur Einstimmung von Sodann per Spieluhr die Internationale zu hören bekamen.
Im Amtsgericht Bensheim am nächsten Tag mussten schon zusätzliche Stühle herangeschleppt und die Lesung auf den Gang übertragen werden. Der Sitzungssaal 227 war brechend voll, Sodann thronte über allem am Richtertisch auf einem blauen Drehstuhl, dahinter das hessische Wappen. Er zog sein braunes Jackett aus und saß im blau-weiß gestreiften Lacoste-Hemd dort oben. Bei der Spieluhr summten die Ersten mit.
Dann berichtete der Kandidat, mit welcher Antrittsrede er starten werde, falls man ihn wider Erwarten doch ins Schloss Bellevue wählen sollte. Natürlich mit einem Gedicht. Allerdings einem, das man in Ost und West kenne. Es hat elf Strophen und beginnt so: "Dunkel war's, der Mond schien helle, schneebedeckt die grüne Flur, als ein Auto blitzeschnelle, langsam um die Ecke fuhr."
Im fernen Berliner Liebknecht-Haus werden sie, wenn sie davon erfahren, wieder die Augen rollen und sich die Haare raufen. Und sie werden sich an den letzten Rest Hoffnung klammern, den Kandidaten bis zur Wahl im Mai doch noch in den Griff zu bekommen. Als Sodann 1966 im Unfrieden das Berliner Ensemble verließ, schrieb ihm Helene Weigel eine knappe Beurteilung: "Peter Sodann neigt ab und an zu Eigenwilligkeiten, die aber jederzeit durch vernünftige Gespräche immer wieder geklärt werden können."
STEFFEN WINTER
Von Steffen Winter

DER SPIEGEL 44/2008
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