27.10.2008

FINANZKRISETotal-Crash dank ABS

Die Topmanager der BayernLB haben sich völlig verspekuliert, Milliarden verbrannt und dabei auch noch versucht, den deutschen Fiskus auszutricksen. Das Münchner Desaster zeigt exemplarisch, welch katastrophale Folgen die Vermengung von Politik und Hochfinanz haben kann.
Michael Kemmer muss ein glücklicher Mann sein. Wie einen Fußballstar feierten ihn seine Angestellten am Donnerstag vergangener Woche bis in die Nacht hinein. "Wir wollen Kemmer", riefen sie im Chor. Dabei ist der 51-Jährige ein Bank-Chef und noch dazu Boss der affärengeplagten BayernLB, einer jener Männer also, denen in Zeiten der Weltfinanzkrise bestenfalls Hohn und Spott, mitunter fast schon Hass entgegenschlagen.
Auch Kemmer sollte eigentlich seinen Schreibtisch räumen, wenn es nach dem Willen des designierten bayerischen CSU-Ministerpräsidenten Horst Seehofer gegangen wäre. Mit Finanzminister Erwin Huber, der die politische Verantwortung für das Milliardendesaster um missglückte Spekulationsgeschäfte übernahm, war vorher bereits ein führender Politiker abgetreten. Jetzt sollten dem Volk auch Bank-Manager als Verantwortliche präsentiert werden. Manche CSU-Politiker forderten gar, alle sechs Vorstände der Landesbank sollten entlassen werden - sofort.
Ein Anruf der Bankenaufsicht stoppte den möglichen Amoklauf der Politiker. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) warnte, wenn der Verwaltungsrat den kompletten Vorstand der BayernLB entlasse, müsse sie die Bank ohne Führung schließen.
Als hätte es noch eines Beweises bedurft, führten Politiker in diesen dramatischen Tagen noch einmal vor, wie schlimm es ist, wenn sie Einfluss auf die Geschicke einer Bank haben. Erst am Freitagabend vergangener Woche hatten sie das selbstangerichtete Chaos ein wenig sortiert. Und dann stand fest: Kemmer bleibt Bank-Chef.
Aber nicht nur die BayernLB, auch die WestLB und die HSH Nordbank, die aus der Fusion der Landesbanken Hamburg und Schleswig-Holstein entstanden war, boten vergangene Woche ein Bild des Jammers (siehe Seite 64 und 65). Bei der staatseigenen KfW in Frankfurt am Main rückten gar BKA-Fahnder an, die wegen des Verdachts der Untreue ermitteln. Es geht um die 319-Millionen-Euro-Überweisung an die US-Investmentbank Lehman Brothers am Tag von deren Pleite.
Wohin man schaut - ausgerechnet Banken, bei denen der Staat Einfluss hat, haben nun mit die größten Probleme. Mit wie vielen Milliarden Euro der Staat sie noch unterstützen muss, kann niemand seriös abschätzen. Auf jeden Fall aber ist das Geschäftsmodell der meisten Landesbanken gescheitert - und der Fall BayernLB ein Lehrstück dafür, wie die Vermengung von Polit- und Profit-Interessen direkt in die Katastrophe führt.
Das Unheil der BayernLB begann in der Amtszeit des einstigen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, der den vermeintlich Linken im öffentlich-rechtlichen Fernsehen etwas entgegensetzen wollte und die Expansion des konservativen Privat-TV-Unternehmers Leo Kirch nach Kräften unterstützte. Kredite von zwei Milliarden Euro pumpte die BayernLB 2001 in das Imperium des Patriarchen, der Jahre danach pleiteging.
Weil der Bank nur rudimentäre Unterlagen bei der Vergabe der Geldmittel vorlagen, handelte sich der Vorstand später eine scharfe Rüge der Finanzaufsicht ein. Offenbar war der politische Wille bei der Kreditgewährung wichtiger als das Prinzip kaufmännischer Vorsicht. Aber was hätten die Staatsbanker an der Isar auch anders machen können?
Enge Vertraute Stoibers stellten zeitweise gleich mehrere Mitglieder im Vorstand. Im obersten Aufsichtsgremium der Bank, dem Verwaltungsrat, tummelten sich CSU-Regierungsmitglieder, Bürgermeister, Sparkassenchefs und Landräte. Wahrscheinlich alles ehrenwerte Menschen. Wahrscheinlich wissen sie auch, dass das Kürzel ABS nicht nur für das Anti-Blockier-System eines Autos, sondern auch für sogenannte Asset-Backed Securities steht, komplexe Finanzkonstruktionen, in denen eine Vielzahl von Kreditforderungen zu einem Wertpapier gebündelt werden. Jedenfalls hat ihre Bank in solche komplexen Konstruktionen Milliarden investiert.
Ganz geheuer war das selbst den Beteiligten offenbar nicht. So fragte der bayerische Finanzminister Huber Ende 2007 im Verwaltungsrat der Bank, weshalb sie eigentlich so viel Geld in diese ABS-Papiere gesteckt habe.
Gute Frage. Sie kam nur viele Jahre zu spät. Denn schon 1997 hatte die BayernLB bereits über elf Milliarden Euro in diesen Konstruktionen angelegt.
Irgendwie musste die Bank das Geld ja verdienen, das mit den Krediten an bayerische Mittelständler und Medienkönig Kirch nicht zu holen war. Und in den neunziger Jahren entwickelte sich das Geschäft mit ABS-Papieren zum großen Renner auf den internationalen Kapitalmärkten - wie auch bei der BayernLB.
Ausgerechnet eine Regelung, mit der die Europäische Union den Landesbanken das Geschäft erschweren wollte, führte dann noch einmal zu einem großen Boom dieser Sorte Geldanlage. 2005 fiel die sogenannte Gewährträgerhaftung weg, eine Art Staatsgarantie für Landesbanken, die es ihnen ermöglichte, auf den Kapitalmärkten Geld zu niedrigen Zinsen aufzunehmen.
Bevor die neuen Vorschriften wirksam wurden, griffen die Bayern-Banker noch einmal richtig zu und holten sich Milliarden in die Kassen. Die Aktion lief in der Bank unter dem Motto "load the boat".
Für das gewöhnliche Kreditgeschäft wurde dieses Geld nur teilweise benötigt. Aber die BayernLB konnte damit noch mehr Mittel in die scheinbar famosen ABS-Papiere stecken. Eine Idee, die auch viele ihrer Landesbank-Kollegen hatten. Sie liehen sich dank der alten Sicherheiten mit einem kräftigen Staat im Rücken noch mal günstig Geld - um damit geradewegs ins Spielcasino der Weltfinanz zu rennen.
Glamour und Profitaussichten waren einfach zu verlockend. Rücksichten darauf, dass eine Landesbank vielleicht nicht alle Geschäfte betreiben sollte, die für ihre privaten Konkurrenten selbstverständlich sind, nahmen die Bank-Chefs in München kaum noch. Frivolerweise kam dabei noch ein weiteres Ziel hinzu: Ausgerechnet die Bank mit Staatsbeteiligung wollte möglichst wenig Steuern zahlen.
Die Bayern-Banker unterschieden sich dabei nicht von ihren Kollegen in anderen Landesbanken. Die Sachsen LB etwa setzte auf Irland, die HSH Nordbank auf Luxemburg, und die Münchner schworen unter anderem auf die USA. Auch dort gibt es kleine Steueroasen wie den Bundesstaat Delaware. Und selbst im Finanzparadies der Cayman Islands tummelten sich die Bayern. Mit der Zweckgesellschaft "Zorro No. 1 Finance" emittierten sie Schuldscheine für die frühere Karstadt-Hypothekenbank.
Anfangs ging es gut, die Geschäfte weit ab der Heimat brachten Gewinn und machten Appetit auf mehr. 2003 brüstete sich die BayernLB gar, in Deutschland exklusiv Anteile an Europas größtem Investmentvehikel "Overture" verkaufen zu dürfen. Die Finanzjongleure von JP Morgan hatten Firmenkreditversicherungen zu einem Paket von 3,5 Milliarden Euro verschnürt und daraus Anleihen gebastelt.
Solche Casino-Produkte hatte die BayernLB nicht nur im Angebot, sondern immer öfter in den eigenen Büchern. Als könnten sie die erste Grundregel jedes Bankgeschäfts widerlegen, nach der höhere Zinsen nur für höheres Risiko zu haben sind.
Unter der Führung des damaligen Vorstandschefs Werner Schmidt beschloss die Spitze der BayernLB am 25. Oktober 2005 sogar, das Engagement in ABS-Papiere auf bis zu 58 Milliarden Euro hochzufahren. Nichts verdeutlicht stärker als diese Zahl, wie sehr sich das Institut von seinem eigentlichen Auftrag bereits entfernt hatte.
Laut bayerischem Landesbankgesetz soll es "insbesondere die Aufgaben einer Staatsbank sowie einer Kommunal- und Sparkassenzentralbank" erfüllen. Tatsächlich agierte die BayernLB auch wie eine globale Zockerbude mit Dependancen in Peking und Shanghai, in Hongkong und Tokio, in Montreal, Moskau und Mumbai.
Besonders fatal wirkte sich das Treiben einiger Mitarbeiter in New York aus. Es war jene Truppe, die den Ankauf der ABS-Papiere vorantrieb. Als die Finanzkrise 2007 das ohnehin wacklige Kartenhaus dieser Anlageform zum Einsturz brachte, hatte die BayernLB Papiere für 34 Milliarden Euro in den Büchern.
Mitte vergangenen Jahres war die Lage so bedrohlich, dass die Bank ihren Verwaltungsrat wöchentlich über drohende Risiken informierte. Das Referat 51 im Staatsministerium der Finanzen bereitete die Zahlen übersichtlich auf, damit Staatsminister Huber nichts entgehe. Aus diesen Papieren geht auch hervor, dass das Verlustrisiko aus ABS-Papieren am 4. Dezember bereits mit 1,442 Milliarden Euro beziffert wurde. Eine Woche später waren es 1,601 Milliarden. Und so ging es weiter. Am 30. Januar waren es 1,908 Milliarden.
Doch die Bankmanager forderten ihre Kontrolleure auf, die Zahlen auf keinen Fall bekanntzugeben. Sie seien ja auch nur eine Schätzung. Minister Huber folgte dem nur zu gern. Im Freistaat standen Kommunalwahlen und Landtagswahl gleichermaßen bevor.
Am 12. Februar dann konnte Bank-Chef Schmidt das Schweigegelübde selbst nicht mehr halten. Gerüchte über Milliardenrisiken machten die Runde. Eine Woche später musste Schmidt seinen Posten räumen, Kemmer übernahm. Die Verantwortung für die Krise kann ihm kaum angelastet werden. Als Kemmer 2006 von der HypoVereinsbank zur BayernLB wechselte, lagen im Tresor schon die gefährlichen ABS-Pakete, von denen auch jetzt noch niemand weiß, wie viel Schaden sie noch anrichten werden.
Manche Anlage-Positionen der BayernLB ähneln jedenfalls eher einem spekulativen Hedgefonds als einer soliden Bank. 4,6 Milliarden Euro hat sie allein in das Geschäft mit US-Firmenkrediten und besonders riskanten Versicherungen für derlei Kredite gesteckt. Wenn Unternehmen in Bedrängnis geraten und ihre Kredite nicht mehr bezahlen können, werden die Versicherungen fällig. Dann drohen der Bank weitere Milliardenabschreibungen auf die Wertpapiere, in denen all das zusammengepackt ist.
Politiker des Freistaats hoffen nun, dass der Bund die meisten Altlasten übernimmt. Bayern und die Sparkassen hatten der Landesbank im Frühjahr zwar einen Rettungsschirm von 4,8 Milliarden Euro zugesichert und auch in Brüssel beantragt. Im Parlament verabschiedet ist das jedoch noch nicht. Als jetzt das Rettungspaket des Bundes Gestalt gewann, glaubten die Herren in München, sie könnten ihre Zusage still und heimlich wieder einkassieren. Lieber Bundes-Geld als Bayern-Geld.
Doch genau für diesen Fall hat die Bundesregierung vorgesorgt. Das Münchner Debakel gilt als sogenannter Altfall. Der Bund will die fest zugesagten Verpflichtungen des Freistaats Bayern nach derzeitigem Stand der Prüfung nicht übernehmen. Denkbar wäre eine Kapitalspritze, um die Differenz zwischen den zugesagten Bayern-Geldern von 4,8 Milliarden und dem aktuellen Finanzbedarf von 6,4 Milliarden zu decken.
Zusätzlich könnte die BayernLB sich noch aus dem 400-Milliarden-Topf des Bundes für Kreditgarantien bedienen. In ihrem Antrag haben sich die Bayern das ausdrücklich vorbehalten.
Aber ganz egal, wie hoch der Rettungsbeitrag aus Berlin ausfällt - der Bund wird künftig bei der BayernLB mitreden. "Es kann doch nicht sein, dass wir Milliarden auf den Tisch legen, um überkommene Strukturen zu zementieren", sagt ein Berliner Beamter.
Die weiß-blaue Bank wird wohl zurechtgestutzt auf drei Bereiche: das Geschäft in Osteuropa, die Internet-Bank DKB sowie die Betreuung der Mittelständler in Bayern. Ihre Eigenständigkeit dürfte das Institut dann auch verlieren.
Von den derzeit noch sieben Landesbanken werden am Ende der Konsolidierung allenfalls zwei übrig bleiben, glauben Experten. Es wäre das Aus für eine Finanzinstitution, die über Jahrzehnte hinweg der Stolz vieler Ministerpräsidenten war.
Dem anstehenden Sanierungsprogramm werden aber auch Tausende Arbeitsplätze zum Opfer fallen. Die Mitarbeiter der BayernLB, die sich jetzt so lautstark für ihren Boss Kemmer ins Zeug gelegt haben, dürften bald wieder Transparente schwingen - dann allerdings in eigener Sache.
BEAT BALZLI, DINAH DECKSTEIN,
DIETMAR HAWRANEK, CHRISTOPH PAULY,
WOLFGANG REUTER
Von Beat Balzli, Dinah Deckstein, Dietmar Hawranek, Christoph Pauly und Wolfgang Reuter

DER SPIEGEL 44/2008
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