27.10.2008

FINANZKRISEKeine Nachricht aus Mittelerde

Tausende deutsche Kunden der von der Pleite bedrohten isländischen Kaupthing-Bank müssen mit dem Totalverlust ihrer Einlagen rechnen.
Jürgen Wasem, 49, ist ein Mann, der sich mit Geld gut auskennt - beruflich jedenfalls. Der Gesundheitsökonom der Universität Duisburg-Essen sitzt im Schätzerkreis der Bundesregierung für die gesetzliche Krankenversicherung. Er moderierte die jüngsten Honorarverhandlungen zwischen Ärzten und Krankenkassen. Wichtige Teile des neuen Gesundheitsfonds basieren auf Berechnungen von ihm und den Mitarbeitern seines Lehrstuhls.
Mit seinen persönlichen Finanzen dagegen läuft es für Wasem deutlich schlechter. Etwa die Hälfte seiner Ersparnisse, ein stolzer Betrag, dessen exakte Höhe er lieber verschweigt, hat sich gleichsam über Nacht in Luft aufgelöst. Und das, obwohl er sein Vermögen auf stockkonservativen Fest- und Tagesgeldkonten geparkt hatte.
Wasem gehört zu jenen Deutschen, die ihr Geld neuerdings in Island verbrennen sehen, wo Banken Namen haben, die nach Hobbits in Mittelerde klingen: Glitnir, Straumur, Landsbanki. Der auch in Deutschland aktiven Kaupthing-Edge-Bank hatten 30 000 Deutsche ihr Geld anvertraut, als die vor gut zwei Wochen plötzlich ihren Betrieb einstellte.
"Eine Verfügung über Ihre Konten ist derzeit nicht möglich", steht seither auf der Internet-Seite. Auf E-Mails gibt es keine Antwort. Das Telefon ist tot. Die deutschen Sparer erleben ein Wechselbad der Gefühle zwischen Panik und Peinlichkeit.
Zunächst ruhten alle Hoffnungen auf der Bundesregierung. Kanzlerin Angela Merkel höchstpersönlich hatte noch vor drei Wochen erklärt, dass kein heimischer Sparer um seine Einlagen fürchten müsse. Und auch Bundesfinanzminister Peer Steinbrück hatte erklärt: "Eine isländische Bank mit einer Niederlassung oder einer Tochter in Deutschland wird abgeschirmt durch das, was wir machen." So sagte er es am 13. Oktober vor laufenden Kameras; der Videoschnipsel kursiert seitdem vielfach im Internet.
Inzwischen jedoch will die Bundesregierung von einer Garantie der isländischen Spareinlagen nichts mehr wissen. Man müsse seine Äußerungen irgendwie missverstanden haben, lässt Steinbrück neuerdings erklären. Es sei Sache der Isländer und des IWF, das Problem aus der Welt zu schaffen. Bilaterale Verhandlungen gebe es nicht.
Umso größer ist das Entsetzen der Sparer. Die Chancen, dass sie ihr Geld überhaupt jemals wiedersehen, werden immer geringer. Anders als vergleichbare Tochtergesellschaften von ausländischen Banken wie ING-Diba oder Cortal Consors war Kaupthing Edge nicht Mitglied im deutschen Einlagensicherungsfonds.
Stattdessen greift lediglich das isländische Sicherungssystem. Im besten Fall würde dem Kunden demnach ein Guthaben von bis zu 20 887 Euro erstattet. Doch das wird längst nicht ausreichen, um alle Ansprüche zu befriedigen.
Ein 49-jähriger Kameramann aus Berlin beispielsweise hat auf Island 80 000 Euro für seine Altersvorsorge angelegt. Ein prominenter Schriftsteller bangt gar um einen sechsstelligen Betrag, den er vor Jahren mit seinem ersten Bestseller verdient hat und den er vor wenigen Monaten dummerweise in Island investierte.
Für ihn war Kaupthing eine Bank wie jede andere: sicher. Er habe doch nicht mal mit windigen Aktien spekuliert.
Insgesamt stehen 300 Millionen Euro auf dem Spiel. Der Fall ist demnach ähnlich gravierend wie der jener Zertifikate der mittlerweile pleitegegangenen Lehman-Bank, die deutsche Geldinstitute und Sparkassen ihren oft ahnungslosen Kunden verkauft hatten.
Das Kaupthing-Elend eint. Der Pressesprecher des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit zittert ebenso um seine Einlagen wie eine arbeitslose Frau aus Hessen, die von ihrem isländischen Tagesgeldkonto bislang auch die Miete und andere fortlaufende Verpflichtungen bezahlt hatte. Besonders empörend finden es viele Betroffene, dass sie in der Öffentlichkeit als Zocker und Gierhälse dargestellt werden. Er könne nicht erkennen, was an einem Tagesgeldkonto mit 5,65 Prozent Zinsen spekulativ sei, sagt Kaupthing-Opfer Wasem, zumal die Bank von der deutschen Finanzaufsicht kontrolliert worden war.
Tatsächlich hatten sogar Verbraucherschützer die Kaupthing-Egde-Bank noch vor wenigen Wochen als interessante Adresse für Anleger bezeichnet. Sehr vorsichtige Sparer sollten freilich darauf achten, nicht mehr Geld anzulegen, als durch die Einlagensicherung geschützt sei.
Manche fühlen sich nun wie Vergewaltigungsopfer. Zu Schmerz und Angst kommt neuerdings noch Scham, wenn selbst Berliner Kabinettsmitglieder schon über die nun bestrafte Gier hiesiger Kleinanleger höhnen. Jedem Sparer müsse klar sein, dass mit höheren Zinsen auch ein höheres Verlustrisiko verbunden ist, heißt es im Finanzministerium. Und Bundeswirtschaftsminister Michael Glos sagt, ihm sei es "unverständlich, wie Zigtausende Menschen via Internet ihr Geld einer kleinen Bank in Island überweisen konnten".
Dass allein die von seinen Parteifreunden kontrollierte Bayerische Lan-desbank locker 800 Millionen Euro in Island verzockte (siehe Seite 62), hat der CSU-Politiker Glos offenbar erfolgreich verdrängt. ALEXANDER NEUBACHER
Von Alexander Neubacher

DER SPIEGEL 44/2008
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