27.10.2008

AFFÄRENEine Nacht in Davos

Ein Seitensprung des IWF-Chefs Strauss-Kahn birgt Sprengstoff. Denn eigentlich soll die Institution eine tragende Rolle in der neuen globalen Finanzordnung spielen.
Dominique Strauss-Kahn, 59, ist ein Mann mit Seherkraft, zumindest wenn es ums große Ganze geht. Beim Weltwirtschaftsforum zu Jahresbeginn in Davos warnte er vor einer "Krise, die aus den Vereinigten Staaten kommt". Sie werde zu Erschütterungen führen, die nur "weltweit bekämpft werden können", referierte er.
Einige Stunden später, am gleichen Ort, war der französische Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) weit weniger weitsichtig. Schon vorab hatten er und die Ungarin Piroska Nagy, Mitarbeiterin in der Afrika-Abteilung des IWF, süßliche E-Mails ausgetauscht. Nachts galt es den Vollzug zu organisieren. Davos im Winter ist auch ein Ort stiller Romantik.
Derweil Größen wie Bill Gates, Rupert Murdoch, Al Gore oder Condoleezza Rice friedlich schlummerten, kam es zwischen Piroska und dem mächtigen Dominique zu dem, was der IWF-Boss vergangene Woche als "Vorfall" eingestehen musste. Ein Vorfall, "der sich im Januar in meinem Privatleben ereignet hat".
Die junge Frau verließ mittlerweile den IWF Richtung London. Freiwillig oder gezwungenermaßen? Mit oder ohne finanziellen Extrabonus? Das untersucht derzeit eine Anwaltskanzlei, die DSK (wie Dominique Strauss-Kahn intern genannt wird), bereits einvernommen hat.
Die Geschichte nach dem "Vorfall" kann im ärgsten Fall zum Sturz des IWF-Chefs führen. Das erlebte vergangenes Jahr schon der Weltbank-Boss Paul Wolfowitz im Zuge einer internen Liebesaffäre, allerdings weil er eine Gehaltserhöhung dieser Mitarbeiterin genehmigt hatte.
Im Fall Strauss-Kahn hatten nun der Reihe nach ihren Auftritt: Der Ex-Notenbankchef Argentiniens, ein unbekannter Informant und ein Araber, die eines eint: Sie mögen den Franzosen nicht.
Der Argentinier Mario Blejer ist nicht nur ein anerkannter Geldexperte, sondern auch der Ehemann der schönen Ungarin. Er fand die E-Mails von DSK auf ihrem Blackberry und konfrontierte damit seine Frau, die geständig war. Ein anonymer Anrufer wandte sich danach an den Araber Schakur Schaalan. Der vertritt Ägypten und andere arabische Staaten im Exekutivdirektorium. Dort ist er außerdem der Dienstälteste der 24 Direktoren, intern "Dean" genannt, was ihm nicht nur in Benimmfragen Autorität verleiht.
Der Araber war erwartungsgemäß empört und beauftragte die US-Kanzlei Morgan, Lewis & Bockius, den Vorfall um den Frauenfreund und in dritter Ehe mit einer TV-Moderatorin verheirateten Strauss-Kahn zu prüfen. Bis Anfang dieser Woche soll ein Untersuchungsbericht vorliegen.
Der Attackierte immerhin hat bislang deutlich mehr Verbündete als Gegner. Von der Ungarin hat er nichts zu befürchten. Sie sagte bereits aus, dass niemand ihr etwas versprochen und niemand sie bedrängt habe. Sie darf jetzt nur nicht wackeln.
Wichtiger aber ist die Rückendeckung der Europäer. Auf die scheint Verlass, was allerdings wenig mit Strauss-Kahn zu tun hat. Denn sollte er stürzen, verlöre Europa seinen einflussreichsten Posten in der Welt der internationalen Organisationen. Den Chefsessel des IWF könnte danach - zum ersten Mal in der Geschichte der Organisation - ein Araber, Lateinamerikaner, Asiate, Afrikaner oder Russe erklimmen.
Die bisherige Arbeitsteilung in Washington sah so aus: Die USA besetzen den Präsidentenjob bei der Weltbank, den Europäern gehört der IWF. Doch das wird von der übrigen Welt nicht mehr akzeptiert. Schon im Vorfeld der Strauss-Kahn-Entscheidung gab es eine schriftliche Zusage, die bisherige Praxis zu beenden und zu "regionaler Veränderung" zu kommen.
Das entsprechende Schreiben ist unterzeichnet vom damaligen italienischen Finanzminister Tommaso Padua-Schioppa. Der war Vorsitzender vom sogenannten IWF-Committee, dem Aufsichtsrat des Fonds, in dem die Finanzminister der wichtigsten Mitgliedstaaten sitzen und die "grundsatzpolitische Ausrichtung" der Organisation vorgeben. Der Brief bezog sich auf die Spitzenposition im Lenkungsausschuss selbst und wurde anschließend auch im Exekutivdirektorium diskutiert.
Dort, wo der Managing-Director gewählt werden muss, einigte man sich entsprechend zu verfahren und zumindest die automatische Vorherrschaft der Europäer zu beenden. Diese Einigung wurde in einem Protokollvermerk festgehalten. Die aufstrebenden Staaten anderer Kontinente berufen sich darauf. Die Rechtsverbindlichkeit der "Zusage" wird von den Europäern indes bezweifelt.
Doch schon allein diese Debatte will in Europa und den USA niemand führen. Schon gar nicht jetzt, da der Westen nach einer neuen Finanzarchitektur sucht und der IWF dabei eine führende Position einnehmen könnte. Mitte November wollen sich die Regierungsspitzen erstmals zur Vorbereitung einer neuen globalen Finanzordnung treffen. Der IWF könnte eine Hauptrolle spielen. Strauss-Kahn gilt - auch in Berlin - als der richtige Mann zur richtigen Zeit, selbst wenn er in Davos für ein paar Stunden am falschen Ort war.
Privat scheint der Franzose den "Vorfall" bereits bewältigt zu haben. Seine Gattin gab sich vergangene Woche generös: "Wir lieben uns wie am ersten Tag." Und die Ungarin? Mittlerweile in London bei der Europäischen Entwicklungsbank untergekommen.
Ihr dortiger Chef ist ein Gesinnungsfreund von DSK, der deutsche Sozialdemokrat Thomas Mirow. Der wurde in Paris geboren und ist zweisprachig aufgewachsen. Der Name Mirow ist eine gute Nachricht vor allem für den argentinischen Ehemann der Ökonomin. Mit Frauengeschichten ist der ehemalige Staatssekretär Mirow bisher nicht aufgefallen. Er gilt als Arbeitstier, nicht als Lebemann. GABOR STEINGART
Von Gabor Steingart

DER SPIEGEL 44/2008
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