27.10.2008

TV-KULTUR„Höchst furienhaft“

Literaturkritiker Hellmuth Karasek, 74, einst Mitstreiter von Marcel Reich-Ranicki im „Literarischen Quartett“, über den Rauswurf von Elke Heidenreich beim ZDF
SPIEGEL: Nach fünf Jahren hat das ZDF die Sendung "Lesen!" mit Elke Heidenreich eingestellt. Ein Verlust?
Karasek: Sie ist eine sehr einflussreiche Stimme der Literatur - für Leserinnen, die im Bereich der Belletristik dreimal so wichtig sind wie Männer. Aber sie hat ihre Rolle glatt überzogen.
SPIEGEL: Sie meinen, weil sie sich nach dem Eklat um Marcel Reich-Ranicki beim Deutschen Fernsehpreis auch öffentlich für den ausrichtenden Sender, ihr ZDF, schämte?
Karasek: Sie wollte in den Spuren des Eklats von Reich-Ranicki selbst einen Eklat produzieren, um zu zeigen, wie schlecht man sie beim ZDF behandelt. Leider ist in den Tagen danach ein Amoklauf daraus geworden. Was sie etwa über Thomas Gottschalk gesagt hat, war höchst furienhaft.
SPIEGEL: Einige Verleger haben einen Brief ans ZDF geschrieben mit der Forderung, sie wieder einzustellen. Wird auch das breite Publikum protestieren?
Karasek: Das Publikum interessiert so etwas viel weniger, als es sich die TV-Helden von ihren Fans versprechen. Das Geschrei ist ebenso schnell vergessen wie die Show.
SPIEGEL: So wie einst das "Literarische Quartett"?
Karasek: Ja, aber inzwischen werde ich darauf wieder angesprochen. Und viele sagen: Was es damals gab und was heute fehlt, ist der intellektuelle Streit. Das finde ich übrigens auch. Ich habe zum Beispiel keine gute Sendung über Charlotte Roches "Feuchtgebiete" gesehen.
SPIEGEL: Haben Sie Tipps, wer nun Nachfolger werden soll? Das ZDF wird doch am Ende nicht jemanden aus dem Hut ziehen wie Roger Willemsen ...
Karasek: ... der nach eigenem Bekunden einen Knacks hat und noch immer vor Eitelkeit nicht laufen kann? Den möge Gott verhüten! Es gibt doch kompetente Frauen. Aber ich kann ZDF- Intendant Markus Schächter die Arbeit nicht abnehmen. Sollte er mich jedoch fragen, werde ich ihm einige Namen nennen.

DER SPIEGEL 44/2008
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