27.10.2008

FernsehenTV-Rückblick

Dr. Molly & Karl
23. Oktober, Sat.1
Ohne wöchentliche Arztseriendosis läuft der Fernsehladen nicht. Dabei fällt auf, wie unterschiedlich bisher geweißkittelt wurde, strikte ideologische Mulltrennung sozusagen. Hier der "In aller Freundschaft"-Patriarch Professor Simoni aus der MDR-Sachsenklinik, vom unfehlbaren Stamme der Sauerbruchs und Schwarzwaldkliniker; dort, auf RTL, "Dr. House", der asoziale Diagnosedetektiv. Er, der Hinkefuß, steht für den launischen Zynismus des gottlosen Materialisten, der nur seinen Apparaten traut. Als vergangenen Donnerstag auf Sat.1 die Serie "Dr. Molly & Karl" (Autor: Martin Rauhaus) an den Start ging, sah es nach einem endgültigen Sieg des unbehausten und quotengesegneten Dr.-Housetums aus. Die voluminöse Heldin (Sabine Orléans) feldwebelte ihr Neurologen-Fachchinesisch furchteinflößend und benimmfrei in die Gegend, stilisierte sich selbst schamlos zum Genie und machte ihre vermeintliche Konkurrentin, die Seelenklempnerin Carlotta (Susanna Simon), in rotziger Manier nieder, indem sie den Vornamen der Psychologin zu "Karl" vermännlichte. Aber fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker: Die herbe Attitüde der Protagonistin wird sich bald als raue Schale erweisen, hinter der die brave Tochter von Schwarzwald-Brinkmann und Sachsen-Simoni sichtbar werden wird. Mit allem, was den deutschen Fernsehdoktor so unwiderstehlich macht, dem Tränen-Treu-und-Redlichkeit-Syndrom. So ist das, wenn die deutsche Serienwelt angelsächsische Vorbilder verarbeitet: Sie verwässert alles Harte und verabreicht Zyno-Statika, laut TV-Medizinlexikon spottmindernde Gemütsverstärker.

DER SPIEGEL 44/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 44/2008
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Fernsehen:
TV-Rückblick

  • Konzernchef aus Schweden: "Ich habe einen Chip in meiner linken Hand"
  • Johnson droht Parlament: "Dann muss es Neuwahlen geben"
  • Dänemark: Leuchtturm wird verschoben
  • "Mr Europa" Jean-Claude Juncker: Backpfeifen und Tanzeinlagen