27.10.2008

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEPrinz Osama

Wie eine Karnevalsmaske die Karriere eines Polizisten ruinierte
Es war sowieso schon eine außergewöhnliche, eine ereignisreiche Woche gewesen in Grampound. Am Montag hatte es Bingo im Dorfgemeinschaftshaus gegeben, am Dienstag das große Quiz im Dolphin Inn, am Donnerstag das Schweinerennen, am Freitag Sportwettkämpfe, und nun, am Samstag, wartete der Höhepunkt: der jährliche Karnevalsumzug mit seinen 21 Preisen und seinen lustigen Kostümen.
Fast ein Jahr lang hatte die Organisatorin, Donna Still, zusammen mit ihrem Festkomitee auf diesen Tag hingearbeitet, und sie hoffte, dass es ein denkwürdiger Tag werden würde.
Sie sollte nicht enttäuscht werden. Der Umzug begann um 18 Uhr vor dem Dorfgemeinschaftshaus. Fröhlich zogen die Narren vom Bierzelt auf die Hauptstraße, Elfen lächelten aus ihren Wagen, die Kapelle spielte, Zuschauer klatschten. Alles war so, wie Donna Still es sich gewünscht hatte. Der Umzug des Jahres 2008 würde sich einfügen in die mehr als hundertjährige große Tradition des Karnevals in Grampound, einer Gemeinde in Cornwall, gut 600 Einwohner.
Colin Terry ist ein Narr, der schon immer großen Ehrgeiz hatte. Terry wohnt in Grampound, er ist Familienvater, Polizist und ein Freund des Karnevals mit seiner eigenen, kleinen Tradition. Seit einigen Jahren wählt er für den Umzug ein Kostüm, das etwas über seinen richtigen Beruf aussagen soll. So ging er einmal als klassischer Bobby, allerdings mit zu kleinem Helm und verspiegelter Brille.
Für dieses Jahr hatte sich Terry etwas ganz und gar Ungewöhnliches vorgenommen. Allerdings war dieses Jahr auch kein gewöhnliches Jahr gewesen. Die britische Regierung hatte Terry, einen dekorierten Offizier, zusammen mit anderen für mehrere Monate nach Afghanistan geschickt. Dort bildeten die Briten Polizisten aus.
Zurück in Cornwall und auf der Suche nach einem geeigneten Kostüm hatte Terry in einem Geschäft die, wie er glaubte, perfekte Verkleidung gefunden: eine Maske von Osama Bin Laden, komplett mit Bart und Turban.
So also reihte er sich - mit Maske, weißem Hemd, Palästinensertuch und klassischer Osama-Pose, mit drohend erhobenem rechten Zeigefinger - ein in den Umzug und wartete auf Reaktionen. Die fielen, zu seinem Erstaunen, uneinheitlich aus. Donna Still, die Verantwortliche des Karnevals, begrüßte die Erweiterung des klassischen Spektrums, wie sie das nannte. Es gab aber auch andere. Sie hielten Abstand zu dieser Figur, sie fanden Osama Bin Laden im Karneval nicht komisch.
Colin Terry ließ sich seine gute Laune dadurch nicht verderben. Er fühlte sich wie ein richtiger Karnevalsprinz. Als er den Fotografen Paul Williams entdeckte, lief er auf ihn zu und sagte: "Hey, du erkennst mich nicht, oder? Ich bin's, Colin."
Williams verhielt sich ausgesprochen professionell. Er fotografierte Osama. Das Bild war kurze Zeit später in vielen britischen Zeitungen zu sehen, es hatte etwas Bedrohliches, und die Texte dazu waren ernst. Mehrfach wurde in den Artikeln erwähnt, dass Terry im Jahr 2006 nach New York gereist sei, zum Ground Zero, um am Trauergottesdienst für die Ermordeten teilzunehmen. Die Frage war jetzt, ob Colin Terry ein Polizist im Dienst Großbritanniens sei, der die Opfer des 11. September verhöhnen wolle.
Wenige Tage nach dem Umzug entschuldigte sich Terry: Es sei nicht seine Absicht gewesen, Schande über die Toten von New York zu bringen. Seitdem äußert er sich nicht mehr öffentlich.
Seinen Vorgesetzten reichte die Entschuldigung nicht aus. In einer Erklärung ließen sie die Nation das Selbstverständliche wissen: Die Wahl des Kostüms sei eine persönliche Entscheidung von Colin Terry gewesen. Sie fügten hinzu, dass Terry, wäre er nicht gerade abgeordnet zum Auslandseinsatz, mit disziplinarischen Maßnahmen rechnen müsse.
Dieses Hindernis schaffte die zuständige Abteilung des britischen Außenministeriums schnell aus der Welt. Terrys Abordnung wurde umgehend beendet, sein Fall an die IPCC überwiesen, eine unabhängige Kommission, die Beschwerden über Polizisten untersucht.
Strittig ist bislang allerdings, wogegen Terry verstoßen hat. Gegen den guten Geschmack?
Die Debatte dauert an, und je breiter sie wird, umso mehr Briten melden sich zu Wort, die Colin Terry zum Vorbild formen, sie diskutieren seinen Fall auf den Leserbriefseiten der Zeitungen und in den Foren des Internet.
Dort nennt man ihn einen Helden, weil er Dienst in Afghanistan getan hat. Dort schätzt man seinen Humor, verdammt die Polizei als "politisch korrekteste Kraft" im Land und fragt, wo die freie Meinungsäußerung eines Polizisten an seinem freien Tag ende.
Ein Leserbriefschreiber dürfte Terry ganz besonders gutgetan haben. Er hatte keine besondere Meinung zu dem Fall, er stellte nur eine Frage: "Bekommt man diese Maske auch bei uns, in den USA?" UWE BUSE
Von Uwe Buse

DER SPIEGEL 44/2008
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