27.10.2008

FLÜCHTLINGEDas Traumschiff

In einem kleinen Schlauchboot wollten 48 Afrikaner Europa erreichen. Die Sehnsucht nach einem besseren Leben verführt die Flüchtlinge zu immer riskanteren Überfahrten - doch selten endete ein Manöver so dramatisch. 15 Menschen starben, darunter 8 Kinder. Von Dialika Krahe und Juan Moreno
Das erste richtige Gespräch, das Blessing Okunorobo in Europa führte, war eigentlich kein Gespräch, denn für Gespräche braucht man Worte. Sie hatte ihr dunkelblaues Klapptelefon, sie hatte die Handynummer im Kopf, und sie hatte die Pflicht, ihren Mann anzurufen und ihm zu sagen, wo sie war. Und wo seine Söhne waren. Drei Tage hatte Blessing den Anruf hinausgezögert.
Felix war sofort dran. Er hatte Blessing seit Wochen nicht gesehen, seit sie eines Nachts verschwunden war.
"Wo sind meine Jungs?"
Felix Okunorobo, Flüchtling aus Benin City in Nigeria, wollte nur wissen, wo seine Frau die "Jungs" hingebracht hatte. Er rief sie immerzu "meine Jungs". My boys.
Blessing antwortete nicht. Sie ist eine schöne Frau. 26 Jahre alt, mit kurzen Haaren, feinen Narben im Gesicht und Augen, die nur erahnen lassen, was sie durchgemacht hat. Seit drei Tagen war sie in Europa. Fünf Jahre hatte sie gebraucht, um den Kontinent zu erreichen, auf dem es von allem im Überfluss gibt. Arbeit, Geld, Zukunft.
"Bless, ich habe dich gefragt, wo Farley und Joy sind!"
Blessing weinte.
"Zum Teufel, ich will mit Farley sprechen!"
Vor drei Wochen war er zurück nach Oujda gekommen, der marokkanischen Grenzstadt, nicht weit von Algerien, wo er, Blessing und die Kinder als Flüchtlinge in einem Wald lebten. Er war nur ein paar Tage weg gewesen, und als er zurückkehrte, waren sie verschwunden. Seine Frau Blessing, Farley, der Ältere, und Joseph, den alle nur Joy nannten. Farley war gerade vier geworden, Joy war anderthalb.
"Was ist los, verflucht?"
Blessing hätte jetzt alles der Reihe nach erzählen müssen. Sie hätte sagen können, dass ihr die fünf Jahre, die sie mit Felix in Marokko auf die Überfahrt nach Europa gewartet hat, zu viel geworden waren. Dass sie und die Kinder vor zehn Tagen in ein Schlauchboot gestiegen waren. Blessing hätte sagen können, dass die Reise über das Mittelmeer nur einen Tag dauern sollte, es aber viel mehr wurden. Sie hätte sagen können, dass von den 48 Flüchtlingen, die auf diesem Boot über das Meer wollten, nur 33 Spanien erreichten. Dass der Fall so dramatisch war, dass in der ganzen Welt darüber berichtet wurde. Vor allem aber hätte Blessing sagen müssen, dass ihre Söhne, Farley und Joy, tot sind.
Wer von der Liebe zwischen Blessing und Felix schreibt, schreibt mehr vom Wahnsinn als von der Liebe, und wer Blessings Zeit auf dem Meer zu rekonstruieren versucht, bekommt eine Ahnung davon, wozu Menschen bereit sind, die ein besseres Leben leben wollen.
Fast eine Milliarde Menschen leben in Afrika. Über 17 Millionen Afrikaner haben ihre Heimat verlassen. Von den 41 Staaten, die der Internationale Währungsfonds als "hochverschuldete arme Länder" bezeichnet, sind 33 afrikanisch. Die durchschnittliche Lebenserwartung in den Ländern südlich der Sahara beträgt 50 Jahre. In Sierra Leone sterben 282 von 1000 Kindern, bevor sie fünf Jahre alt werden. In Swasiland ist ein Drittel der 15- bis 49-Jährigen HIV-infiziert. Über zwei Drittel der Menschen in Nigeria, dem Land, aus dem Blessing und Felix kommen, leben von weniger als einem Dollar am Tag. Die Liste von Afrikas Leid ist lang, es gibt viele Gründe, diesen Kontinent zu verlassen.
Als Blessing Europa erreicht, an Bord eines Patrouillenbootes der Guardia Civil, hat sie eine der schlimmsten Überfahrten hinter sich, die es je auf dem Mittelmeer gegeben hat. Die Menschen an Bord sehen aus wie Zombies, sind dehydriert, können sich kaum bewegen, ihre Haut ist von der Sonne verbrannt. Die medizinischen Berichte werden sich nachher lesen wie die von Brandopfern. Der spanische Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero wird später sagen: "Es ist fast nicht auszuhalten, es ist ein schreckliches Drama."
Blessing und die anderen auf dem Boot werden erst Wochen später bereit sein, von ihrer Fahrt zu berichten. Es sind klare, nüchterne Beschreibungen, in denen keine Helden und keine Sieger vorkommen.
Der Treffpunkt, an dem die Reise beginnen soll, liegt versteckt, an einem staubigen Platz, unweit des Hafens von Nador im Nordosten Marokkos. Eine trockene Landschaft aus Zwergpalmen, Ölbäumen und Espartogras. Blessing hat sich schon lange an die kahlen Berge gewöhnt. Farley und Joy sind beide hier geboren. Sie hat sie in einem Hotel in Tanger zur Welt gebracht. Farley freut sich auf die Fahrt. Er sagt, dass er eigentlich lieber nach Amerika wolle. Aber Europa sei auch gut. Sein kleiner Bruder Joy ist müde. Er wartet schon den ganzen Tag auf das Boot, aber er quengelt nicht. Joy quengelt nie.
Sie stehen inmitten einer Gruppe von Flüchtlingen, es müssen an die 50 sein. Blessing schaut sich um. Vor ihr liegt das Meer, es sieht unruhig aus. Lange, flache Wellen schwappen auf das Land, vom Wasser her weht ein zunehmender Wind. Sie ist nicht die Einzige, die ihre Kinder mitgebracht hat. Die meisten Frauen reisen ohne Ehemann oder Gepäck. Blessing trägt eine dünne rosa Sportjacke, dazu nur eine helle Bluse und eine beigefarbene Stoffhose, die ihr etwas zu groß ist. Sie hat kein Wasser oder Proviant mitgenommen. Das wurde ihr verboten. Blessing ist ein zurückhaltender Mensch, und sie ist gläubig. Sie hat Schwierigkeiten, ihren Namen aufzuschreiben, aber aus der Bibel kennt sie ganze Passagen auswendig. Man hat ihr gesagt, dass auf dem Boot kein Platz für Proviant sei. Blessing ist ein Mensch, der tut, was man ihm sagt. Sie hat nur die Kleidung dabei, die sie am Körper trägt, ihr Handy, das sie in eine Plastiktüte gewickelt hat, und etwas Geld. Die Reise soll keinen Tag dauern. So lange werden sie und die beiden Kleinen es wohl aushalten. Sie ist glücklich.
Bouwe Bekking, ein Berufssegler, ist an diesem Samstag sehr beschäftigt. Er steht im Hafen von Alicante zwischen den weißen Wohncontainern, die ihm der Sponsor hingestellt hat, und fragt sich, wie er sein Boot schneller machen kann, die "Telefónica Azul". Bekking ist einer der besten Segler, die es gibt. 45 Jahre alt, ein freundlicher Holländer, der lange in Hamburg gewohnt hat. Wenn man jemanden braucht, der möglichst schnell um die Erde segelt und zudem bereit ist, viele Millionen Euro für das Boot und die Crew auszugeben, dann ist Bekking der richtige Mann.
Bald beginnt in Alicante das "Volvo Ocean Race". Viele sagen, es sei das härteste Segelrennen der Welt. In den nächsten Tagen wird Bekking mit seiner Crew 2000 Seemeilen am Stück segeln. Seine Route wird ihn an der spanischen Küste entlangführen, durch die Meerenge von Gibraltar, zwischen Afrika und Europa, bis auf den Atlantik hinaus. Die "Telefónica Azul" hat einen Carbonfaser-Rumpf, einen Schwenkkiel, sie ist gut 21 Meter lang, und der Mast ragt 31,5 Meter über das Wasser. Sie kann schneller segeln als der Wind, der sie antreibt, ein unglaubliches Boot.
Blessing hat kein gutes Gefühl. Sie hat gerade das dunkle Schlauchboot gesehen, mit dem sie über das Mittelmeer fahren sollen. Es ist sechs Meter lang, mit Halteschlaufen an der Seite. Sie hat es sich größer vorgestellt. Auf dem Motor steht: Yamaha, 25 PS. Einer der Flüchtlinge soll das Boot lenken. Die Schlepper erklären ihm, was er machen muss. In Europa werden Schlepper, die Flüchtlinge schmuggeln, hart bestraft. Das hat dazu geführt, dass jetzt die Flüchtlinge selbst die Boote führen. Manchmal ist einer unter ihnen, der früher Fischer war. Oft aber macht es jemand, der nicht weiß, worauf er sich einlässt. Es sind über 150 Kilometer bis zur spanischen Küste.
Die meisten Menschen, die Blessing sieht, kommen aus Nigeria. Sie sprechen Englisch oder eine der Stammessprachen, auf ihren Wangen tragen einige sichelförmige Schmucknarben, ihre Vornamen klingen nach Zuversicht: Joy, Freedom, Hope.
Zuerst steigen die Frauen und Kinder ein. Blessing soll sich in den Bug setzen, mittig, da sei sie mit ihren Kindern am sichersten. Sie klettert mit den Jungs über den Schlauchbootrand und lässt sich neben den anderen Frauen nieder.
Einige hat Blessing schon mal gesehen. Florence Irenhe zum Beispiel, ein Straßenmädchen aus Benin City mit misstrauischen Augen und einer tiefen, heiseren Stimme. Blessing kennt die Stadt gut, diesen feuchten Moloch, in dem der Schlamm bis zu den Knöcheln auf der Straße steht, in dem die Kinder in Abwassergräben spielen. An den Wochenenden fuhr Blessing die 20 Kilometer von ihrem Dorf mit dem Bus nach Benin City und besuchte ihre älteste Schwester. Sie setzten sich gemeinsam auf eine Bank vor das schimmelnde Haus und schauten den Straßenkindern beim Betteln zu. Blessing weiß, warum Florence gegangen ist.
Rosely ist 23 Jahre alt und wie Blessing auf einer Farm aufgewachsen, sie hat ihr Kind dabei, Kingsley, einen kräftigen Burschen, auch wenn er zu klein ist für seine zwölf Monate. Als Roselys Eltern starben, wollten die Verwandten sie mit einem alten Mann verheiraten. Sie ist weggerannt.
Linda aus Lagos ist mit einem Freund ihres Mannes unterwegs. Lindas Mann hat es bereits nach Spanien geschafft. Seine Überfahrt sei gut verlaufen, hat er am Telefon erzählt. Anstrengend, aber machbar. Linda ist im achten Monat schwanger.
Mehrere Frauen an Bord sind schwanger. Das ist oft so in Flüchtlingsbooten. Die Frauen haben einen einfachen Plan, von dem sie nicht wissen, dass er zwei Fehler hat. Der erste Fehler ist, dass sie an ein Gesetz glauben, wonach Kinder, die auf spanischem Boden geboren werden, sofort zu Spaniern werden. Sobald die Kinder Spanier sind, glauben sie, sind auch die Mütter legal in dem Land. Es ist ein Gerücht, das sich seit Jahren unter den Flüchtlingen hält. Das Gesetz gibt es nicht.
Der zweite Fehler ist die Hoffnung, dass Europa grundsätzlich keine schwangeren Frauen abschiebt. Auch das ist falsch.
Eigentlich gibt es nur eine Wahrheit, die sich diese Frauen merken müssen. Wenn Europa kann, schiebt Europa so gut wie immer ab. Die Menschen, die im Norden Marokkos auf die Fahrt in die Erste Welt warten, teilen ein Schicksal: In Afrika können sie nicht, in Europa dürfen sie nicht bleiben. Es ist so, als seien einige Millionen Menschen einfach zu viel auf der Welt.
Der Boden des Bootes ist mittlerweile voll. Einer nach dem anderen quetschen sie ihren Körper in den verbleibenden Platz auf dem Boot. Jetzt steigen die Männer ein, sie sollen an den Rand. Da ist Owen aus Lagos, der behauptet, erst 15 zu sein, auch wenn er deutlich älter aussieht. Er glaubt, dass die spanischen Beamten sein wahres Alter nicht feststellen werden.
Freedom, ein 36-jähriger Mann mit feinen Händen und Bart, wirkt am glücklichsten. Er hat sein ganzes Geld in diese Überfahrt gesteckt, aber auf diesem Boot hat er mehr dabei als all die anderen. Bei ihm sitzen seine Frau und sein kleines Baby. Freedoms Zukunft ist einen Tag entfernt.
Es gibt keine genauen Zahlen, wie viele Menschen jedes Jahr beim Versuch sterben, mit einem Boot von Afrika nach Spanien zu kommen. Eine Menschenrechtsorganisation hat Daten des spanischen Innenministeriums und verschiedener Menschenrechtsgruppen zusammengetragen. 2006 sollen 1167 Menschen umgekommen sein, voriges Jahr 921. Sicher ist nur, dass die Flüchtlinge immer mehr riskieren müssen.
Einige haben, heimlich, in Folie eingeschweißte Kekse für die Kinder dabei.
An der Meerenge von Gibraltar trennen Afrika und Europa nur 14 Kilometer. Die Kontrollen der Guardia Civil sind mittlerweile so gut, dass hier kein Durchkommen ist, an der Küste gibt es Nachtsichtkameras, Radaranlagen, Patrouillenflüge. Die Kontrollen sollen in Zukunft noch schärfer werden, das hat die EU gerade auf einem Gipfel in Brüssel beschlossen. Es bedeutet vor allem, dass die Routen der Flüchtlinge gefährlicher werden. Je sicherer die Grenzen Europas, desto unsicherer die Wege derer, die sie zu überwinden versuchen. Genau aus diesem Grund versuchen die Leute aus Blessings Gruppe auch nicht, auf der Höhe von Gibraltar nach Europa überzusetzen, sondern von der marokkanischen Küstenstadt Nador aus, über 150 Kilometer sind es von dort bis Europa.
Der Himmel wechselt seine Farbe von Dunkelblau zu Schwarz. Ein paar lose Wolkenfetzen hängen am Himmel. Es ist Samstagnacht, die Hitze legt sich. Sie haben Benzin für einen Tag an Bord und ein Messer. Einige haben Plastikflaschen mit Trinkwasser dabei und, heimlich, in Folie eingeschweißte Kekse für die Kinder.
Das Boot liegt von Anfang an zu tief im Wasser. Der Mann, der das Steuer übernommen hat, blickt auf den Kompass. Er soll einfach nur nach Norden fahren, hat man ihm gesagt, und schauen, dass er die Wellen von vorn nimmt. Benzingeruch hüllt sie ein, die Lichter von Nador werden kleiner und kleiner. Immer nach Norden, Wellen von vorn. Das müsste gehen.
Es dauert nicht lange, und der Motor fängt an zu stottern, sie werden langsamer. "Lasst uns nach Marokko zurück und einen anderen Motor holen", sagen welche. Andere wollen weiterfahren. Sie stimmen ab. Die Mehrheit entscheidet sich, nicht umzukehren. Die Euphorie des Anfangs schwindet. Blessing hat ein schlechtes Gefühl. Sie hat für die Rückkehr nach Marokko gestimmt.
Bouwe Bekking in Alicante checkt wie jeden Morgen den Wetterbericht. Es ist Sonntag. Fünfmal ist er schon die Regatta rund um die Welt mitgesegelt. Sie dauert neun Monate, einmal um die Erdkugel. Große Unternehmen investieren viel Geld in dieses Rennen. Sie wollen mit dem Mut, dem Willen und der Zähigkeit von Leuten wie Bekking Werbung für ihre Produkte machen. Die Erste Welt sehnt sich nach Abenteuern. Mit seinen kräftigen Schultern und der sonnengebräunten Haut ist Bekking perfekt für diese Rolle.
Er schaut sich die Vorhersage für das westliche Mittelmeer an. Sie ist ungewöhnlich für den Juli: "Kaltfront und Sturm, Gewitter möglich. Lufttemperatur über dem Wasser: 22 Grad. Windstärke: 6 bis 7, mit Böen bis zu 9 aus West." 9 ist viel, die Beaufort-Skala geht nur bis 12.
Wellen krachen ins Schlauchboot. Alle drei Sekunden rauscht eine neue an, manchmal ist sie drei, manchmal vier Meter hoch. Wände aus Wasser. Farley und Joy sind tapfer, sie drücken sich an ihre Mutter. Sie sagen nichts. Einige an Bord übergeben sich.
Das Meer von Alborán, wie Segler die Region nennen, ist tückisch. Die Strömung vom Atlantik drückt das Schlauchboot Richtung Algerien. Bei Windstärke 9 entstehen hohe Wellenberge und dichte Schaumstreifen. Von den Kanten der Kämme beginnt Gischt abzuwehen. Das Rollen der See beginnt.
Die Frauen weinen und klemmen sich ihre Kleinkinder vor die Brust. Der Mann am Motor versucht, das Boot Richtung Norden zu halten. Sie habe an Felix gedacht, sagt Blessing später, er ist groß, er hätte sie alle drei umarmen können.
Blessing und Felix haben kurz vor ihrer Abreise aus Nigeria geheiratet. Sie mochte seine Ruhe, die langen Pausen, die er beim Sprechen macht. Seine Sätze saugten ihre Sorgen auf. Blessing war damals 21, das drittälteste von sechs Geschwistern. Ihr Vater war zwei Jahre zuvor bei einem Autounfall gestorben, die Mutter hatte es schwer, allein für ihre Familie zu sorgen. Für keines der Kinder hatten sie das Schulgeld aufbringen können. Sie lebten von einem kleinen Feld, das sie in den Wald gerodet hatten. Ein halber Hektar ausgelaugter Erde. Blessing schuftete dort jeden Tag, jätete, pflanzte. Am Ende der Woche trug sie einen drei viertel Sack Cassava zum Markt, dafür bekam sie weniger als acht Euro. Acht Euro für eine siebenköpfige Familie, das ist sogar in Nigeria zu wenig.
Felix sprach von Europa wie von einem Glücksversprechen. Er war 29 Jahre alt, hatte in seiner Jugend in einigen Auswahlmannschaften Fußball gespielt und wollte sich bis nach Frankreich oder Deutschland durchschlagen. Für die zweite Liga müsste es reichen, sagte Felix.
500 Euro und ein Flugticket nach Mali hatten sie in der Tasche, als sie in Nigeria aufbrachen. Das Geld hatten sie sich zusammengeliehen von Freunden und Verwandten, die sahen es als Investition in die Zukunft an. Irgendwann würden die beiden es zurückgeben. Mit Zinsen. Sie flogen von Lagos nach Bamako in Mali. Von dort nahmen sie den Bus in die Wüstenstadt Gao, im trockenen Nordosten Malis. Das war der einfache Teil der Reise. Er dauerte zwei Tage. Anschließend wurden sie von Schleppern nach Tamanrasset in Algerien gebracht. Genauer gesagt, sie wurden hundert Kilometer vor der Stadt ausgesetzt, mitten in der südlichen Sahara. Die Männer mit den Jeeps wollten nicht riskieren, von der algerischen Polizei entdeckt zu werden. Sie fuhren auf Sandpisten, die in keiner Karte verzeichnet sind. Ein Auto, 25 Flüchtlinge. In der Sahara schliefen Blessing und Felix tagsüber unter Büschen oder in Felsspalten, nachts liefen sie. Sie brauchten wenige Wochen bis nach Marokko, wo sie feststellten, das die Überfahrt nicht 150 Euro kostet, sondern über 1000.
Das Benzin ist alle. Sie fangen an, mit den Händen zu rudern.
Nichts an der Fluchtgeschichte der beiden ist ungewöhnlich, nicht das Versprechen an die Familie, in Europa Geld zu verdienen, nicht der Marsch durch die Sahara, nicht das Warten in Marokko. Es ist die Geschichte von Hunderttausenden in Afrika.
Der Wind verschwindet mit Anbruch der Nacht, das Meer glättet sich. Sie sind jetzt ziemlich genau einen Tag unterwegs. Der Motor stößt noch ein paar Laute aus, dann verlischt er. Das Benzin ist alle. Blessing schaut auf ihre beiden Söhne, Farley und Joy schlafen. Sie sitzen in eine Hand breit tiefem Wasser, das sich auf dem Boden gesammelt hat. Das Schlauchboot liegt tief, nur noch wenige Zentimeter trennen den Bootsrand von der Wasseroberfläche. Die, die noch Kraft haben, fangen an, Wasser aus dem Boot zu schöpfen. Erst mit bloßen Händen, dann schneiden sie die wenigen leeren Plastikflaschen, die sie an Bord haben, auf und versuchen, die beiden Hälften als Schöpfkellen zu benutzen. Sie sagen sich, dass es ja nicht mehr weit sein kann nach Europa. Nur ein Tag, hatte man ihnen gesagt.
Blessing, Rosely, Florence und ein paar andere Frauen fangen an zu singen, ein Kirchenlied, das sie aus der Kindheit kennen: "God will make a way, where there seems to be no way." Gott wird einen Weg finden, singen sie. Die See ist glatt wie eine Tischplatte. Die Männer beginnen, mit den Händen und den abgeschnittenen Flaschenböden zu rudern.
Blessing wird später sagen, dass sie in diesem Moment anfing, alles zu bereuen. Das Wegrennen von Felix, die Überfahrt, die Jahre in Marokko. Eigentlich fingen die Probleme in Marokko an.
Sie hatten damals die Telefonnummer eines Nigerianers, der die Überfahrt organisieren konnte. Der Mann verlangte 1000 Euro. Pro Person. Boot, Transfer zum Treffpunkt, Bestechung der marokkanischen Polizei, alles inklusive. Felix hatte 300.
Zurück konnten sie nicht. Blessing wollte ihren jüngsten Schwestern die Schulausbildung bezahlen, und Felix hatte seinem Vater versprochen, es bis nach Europa zu schaffen. Was sollten sie sagen? Wir schaffen es nicht, zu schwierig?
Sie blieben in Oujda. An die selbstgebauten Zelte im Camp gewöhnten sie sich, auch daran, nur einmal am Tag zu essen und sich nicht richtig waschen zu können. Nur das Betteln fiel ihnen schwer.
Nach einem Jahr kam Farley zur Welt. Felix mietete ein Zimmer für die Geburt. Das Gleiche machte er später für Joy. Blessing und er stritten sich häufiger, der Grund war immer derselbe, die Überfahrt nach Europa. Ein Mann, der für seine Familie nicht sorgt, ist kein Mann, sagte sie. Jahrelang stritten sie, so lange, bis Blessing eines Nachts verschwand.
Blessing drückt ihre beiden Söhne an sich. Farley, der Ältere, hatte ihr mal gesagt, dass er in Europa reich werden wolle. Dann müsse er jetzt ganz brav sein, hatte sie geantwortet.
Dienstagmorgen stirbt das erste Baby. Nach zwei Tagen und drei Nächten auf See. Blessing kennt die Mutter nicht. Sie schreit, sie sieht aus, als würde sie den Verstand verlieren. Sie drückt das Kind an sich und brüllt das Meer an. Hier, umgeben von so viel Wasser, ist ihr Baby verdurstet.
Der Körper reagiert auf Dehydrierung schnell und stark. Schon bei einem Wasserverlust von drei Prozent verspürt der Mensch starken Durst. Der Mund wird trocken, man bekommt Schluckbeschwerden, die Lippen reißen ein. Es folgt starke Erschöpfung, der Stoffwechsel verlangsamt sich. Ab einer Dehydrierung von zehn Prozent kommt es zu Schwindel und Sprachstörungen, danach folgt Verwirrtheit. Nach drei bis vier Tagen kommt in der Regel der Tod. Bei Kindern deutlich früher.
Endlich ist die Mutter leise, sie schweigt und hält ihr totes Baby fest. Die Männer schauen sich an. Die Leiche des Babys kann nicht an Bord bleiben. In ein paar Stunden steht die Sonne direkt über ihnen. Einer muss der Frau das Kind wegnehmen und ins Meer werfen. Keiner will es tun.
Die Stunden seien zusammengeschrumpft, erinnert sich Blessing später. Sie schaut immer wieder auf Florence, das Straßenmädchen aus Benin City. Sie liegt in einer Pfütze aus Benzin und Salzwasser, zusammen mit der Hitze eine aggressive Mischung, die sich langsam in die Haut frisst. Auch die Körperteile oberhalb des Wassers sind verbrannt. Blasen bilden sich auf ihren Armen, auf ihrem Gesicht. Man erkennt das blanke Fleisch unter der Haut. Einige fangen an, Salzwasser zu trinken. Salzwasser trocknet den Körper aus. Man verdurstet von innen.
Blessing bekommt den Augenblick nicht mit, in dem Joy stirbt. Der Junge, anderthalb Jahre alt, ist einfach nicht wieder aufgewacht. Seit dem Sturm hat er geschlafen, anfangs hatte er viel geweint. Aber das ließ irgendwann nach. Blessing hat keine genaue Erinnerung. Alles verschwimmt und verwischt, ein Brei aus Wind, Kälte, Schmerz und Erschöpfung umgibt sie. Farley liegt neben seinem toten Bruder. Er nuschelt irgendwas.
Sie haben Joy Dienstagnacht ins Meer geworfen. Farley Mittwoch früh. Zwei der Männer haben das übernommen. Sieben Babys sind tot. Es waren mal neun. Mittlerweile sind auch einige Frauen gestorben. Blessing bekommt von alldem nichts mehr mit. Sie wird es erst nach ihrer Rettung von den anderen erfahren.
Die meisten liegen apathisch auf dem Boot. Niemand spricht. Auch das Weinen ist schon lange vorbei.
Die Frau beißt ihrem Mann in den Nacken. Dann stürzt sie sich ins Meer.
Wieder stirbt ein Kind. Es ist das Baby von Freedom, der so glücklich gewesen war, weil seine Familie auf dem Boot war. Als seine Frau merkt, was passiert ist, schreit sie, schlägt um sich. Er klettert über die anderen und setzt sich neben sie, er versucht, sie zu beruhigen. Er habe gewusst, was jetzt passieren musste, erzählt er später. Seine Frau ist dem Wahnsinn nahe, sie weigert sich, ihr Baby ins Meer zu werfen. Die Sonne brennt, seine Frau kauert dort mit dem toten Kind im Arm. Plötzlich steht er auf, nimmt den kleinen Körper aus ihren Armen und wirft sein eigenes Kind ins Meer. Seine Frau stürzt sich auf ihn, schlägt, schreit. Freedom versucht, sie zu beruhigen, sie festzuhalten. Sie beißt ihm in den Nacken, bis er eine offene Wunde hat. Dann stürzt sie sich ins Meer. Sie ertrinkt.
Die Position von Bekkings Segler "Telefónica Azul" ist 36 Grad, 12 Minuten nördlicher Breite, 2 Grad, 44 Minuten westlicher Länge. Es ist Mittwoch, 18.15 Uhr. Bekking kann nicht glauben, was er sieht. Backbord treibt ein Berg von Menschen, auf einem winzigen Boot. Zwei Hand breit ragt es über das Wasser, nicht mehr. Bis an Land sind es noch rund 30 Seemeilen. Einige der Menschen schreien, einer der Männer greift sich Kingsley, Roselys Baby, und hält es hoch. Kingsley ist das einzige Kind, das noch lebt. "Selbstmord", sagt Bekking, "was die da machen, das ist Selbstmord." Er weiß nicht, dass sie schon seit Tagen auf dem Wasser sind. Bekking funkt die spanische Küstenwache an, die ihm sagt, auf keinen Fall die Afrikaner an Bord zu nehmen. Beim Versuch könnten sie ins Wasser fallen, die Erfahrung zeige, dass viele von ihnen nicht schwimmen könnten oder zu schwach seien, sich über Wasser zu halten. Bekking soll die Position halten und den Flüchtlingen signalisieren, dass Hilfe unterwegs ist. Die "Telefónica Azul" wird in den nächsten zwei Stunden immer wieder um das kleine Schlauchboot kreisen. Er werde diesen Anblick nie vergessen, sagt Bekking später.
Um 20.10 Uhr ist die "Cabo de Gata" von der Guardia Civil da, begleitet von der "Denébola". Die Boote nähern sich langsam den Flüchtlingen. "Tranquilo", brüllt Antonio Cerezo, der Skipper. Er hat Angst, dass sie ruckartige Bewegungen machen, die das Schlauchboot zum Kentern bringen könnten. Schnell merkt Cerezo, dass sich hier niemand bewegen wird. Er und seine zwei Kollegen müssen die Überlebenden an Bord des Küstenwachbootes ziehen, sie bergen Kingsley, das Baby, zuerst. Als seine Mutter sieht, dass ihr Sohn in Sicherheit ist, fällt sie in Ohnmacht. Linda, die Schwangere, liegt am Boden und rührt sich nicht. Cerezo versucht, sie zu wecken. Es gelingt ihm nicht. Sie stirbt auf dem Weg zum Hafen.
19 Männer haben überlebt, 13 Frauen und Kingsley. Sie haben Verbrennungen ersten und zweiten Grades. Da einige von ihnen über Tage in einer Lache aus Meerwasser und Benzin lagen, hat sich die Haut aufgelöst. Eine Frau hat eine Fehlgeburt erlitten. Als sie eine Pflegerin des Roten Kreuzes fragt, was ihr fehlt, zeigt sie auf ihre Vagina. "Pain", sagt sie, Schmerz. Die Pflegerin nimmt die Frau zur Seite und entdeckt einen Stofffetzen in der Vagina. Sie zieht daran. Es ist ein altes, schmutziges Tuch, mit dem die Frau die Blutungen nach ihrer Fehlgeburt gestillt hat.
Niemand von ihnen weint, als sie in die Hafenbaracken gebracht werden. Sie trinken Wasser, später etwas Kakao. Die meisten wollen nur schlafen, in einer Hand das Handy, in der anderen ihr Geld. Owen, der sein Alter verheimlichen will, fragt die Polizisten, was jetzt aus ihnen wird.
"Verlassen Sie umgehend unser Land!", so lautet die Antwort. Ähnliche Sätze stehen auch in dem ersten offiziellen Papier, das sie alle in den folgenden Tagen bekommen. Es steht "Notificación de Acuerdo de Devolución" darauf, und es sieht wichtig aus. Die Briefe tragen das spanische Wappen und drei Unterschriften.
Spanien darf die Flüchtlinge 40 Tage lang festhalten. Dann müssen sie abgeschoben werden, vorausgesetzt, man weiß, wohin. Wenn nicht, muss man sie laufenlassen. Die Männer werden dann untertauchen und niemandem sagen, aus welchem Land sie kommen. Spanien ist machtlos.
Für die Frauen ist das Rote Kreuz zuständig. Einige kommen erst zur Beobachtung in ein Hospital im Norden Almerías, später bringt man sie zusammen mit den anderen in ein Frauenhaus in das Städtchen Puente-Genil in der Provinz Córdoba. Sie sind nicht gefangen, heißt es, aber die Fenster sind vergittert, der Eingang wird bewacht, sie dürfen keinen Besuch empfangen, und ohne Aufpasser dürfen sie das Gebäude nicht verlassen. Auch sie müssen nach 40 Tagen Spanien verlassen. Auch sie werden es nicht tun.
In den ersten Nächten im Frauenhaus schläft Blessing nicht. Sie teilt sich das Zimmer mit drei anderen Frauen. Die Wände sind weiß gestrichen, der Boden mit Linoleum ausgelegt. Sie redet kaum, und sie hasst es, Florence, Rosely und die anderen zu sehen. Sie erinnern sie an das Boot. Für das Telefonat mit Felix hat sie sich in der Toilette eingesperrt. Drei Tage hat sie mit dem Anruf gewartet.
Blessing legt sich ein paar Worte zurecht und wählt seine Nummer.
Er ist sofort dran. Sie kann sich später nur noch an seine Schreie erinnern, an die Flüche, die Drohungen.
An guten Tagen läuft Felix über die Müllberge bis zum Café, Fußball gucken.
Irgendwann legt sie auf. Seitdem versucht Felix Okunorobo in Afrika, seine Frau nicht zu hassen, und Blessing, die es endlich bis nach Europa geschafft hat, versucht, nicht verrückt zu werden. Es wäre vermutlich erträglicher, wenn sie gemeinsam trauern könnten, wenn sie sich ihre Vorwürfe ins Gesicht brüllen könnten, wenn sie die Möglichkeit hätten, gemeinsam um ihre Söhne zu weinen, ohne dass ein Meer sie trennt. "Ich vermisse ihn", sagt Blessing.
An guten Tagen verlässt Felix das Camp im Wald, läuft den Hang hinunter, über die Müllberge bis zum Café am Kreisverkehr. Premier League und Primera División gucken, englischen und spanischen Fußball. 90 Minuten ist er dann einfach nur Fan, kein Flüchtling, kein Mann ohne Zukunft, kein Vater ohne Söhne. Ein Fan, der Messi liebt, Maradona vergöttert und Klinsmann für überschätzt hält.
Ein paar hundert Afrikaner warten in dem Camp am Rand von Oujda, in dem Felix lebt. Die algerische Grenze ist nur wenige Kilometer entfernt. Menschen aus Benin, Kamerun, Gambia, Gabun, Mali, Nigeria und anderen Ländern leben in Zelten und warten auf ihre Chance. Wenn die marokkanischen Polizisten jemanden schnappen, fahren sie ihn Richtung Wüste und setzen ihn dort ab, im Niemandsland zwischen Algerien und Marokko. Ein Tagesmarsch von Oujda entfernt. Felix war schon dreimal da. Natürlich ist er zurückgekehrt.
Zurzeit sind nicht sehr viele im Camp. Noch ist die Zeit der Überfahrten, viele sind auf dem Weg zu den Abfahrtspunkten nach Nador oder Hoceima. Der aktuelle Preis liegt bei 1250 Euro.
"Ich war hart zu ihr am Telefon." Felix hat eine tiefe, weiche Stimme, die zu den ruhigen Bewegungen seiner Hände passt. Felix ist 34 Jahre alt, seine Haare werden langsam grau. Er trägt ein polnisches Nationaltrikot mit der Rückennummer elf. Es ist das Trikot von Emmanuel Olisadebe, einem Nigerianer, den Polen einbürgerte und zum Nationalstürmer machte. Felix ist stolz auf dieses Trikot, es stehe für seine Hoffnung, findet er.
Blessing ruft oft an und sagt, dass sie es ohne ihn nicht mehr aushält. Er hat lange mit ihr gesprochen, er hat versucht zu verstehen, warum sie gegangen ist. Er kennt die Gründe, fünf Jahre im Dreck, ohne Perspektive, fünf Jahre warten. Aber er kann nicht verzeihen, dass Joy und Farley tot sind. Er will zu seiner Frau, aber was dann wird, möchte er nicht sagen.
Felix hat sich in den vergangenen Jahren kaum aus seinem Camp getraut. Er saß die meiste Zeit in seinem Zelt, einem Gerüst aus zusammengebundenen Ästen und ein paar Decken, am Kopfende hinter einem Waschmittelkarton ein Kocher. Ein kräftiger Mann, dessen Leitfaden die Bibel ist und der bereit war, hart zu arbeiten, um sich und seiner Familie etwas aufzubauen. Jetzt sind seine beiden Söhne tot.
Felix weiß nicht, was er arbeiten wird. "Ich habe Fußball gespielt. Vielleicht geht noch etwas in der dritten Liga." Felix ist nicht mehr ganz jung, er hat seit fünf Jahren nicht trainiert, und als er letztes Mal nach Tanger wollte, sprang er auf einen fahrenden Güterzug, fiel zurück auf den Boden und verletzte sich am Bein. Seitdem zieht er das Bein etwas nach.
Ein junger Mann mit unzähmbaren Locken, der neben Felix saß und dessen Geschichte gehört hat, steht plötzlich auf und geht in sein Zelt. Er möchte in der Bibel lesen. Er liest im Alten Testament die Lieblingsgeschichte aller Flüchtlinge im Camp.
"Gott hat sein Volk durch die Wüste geleitet und dann ins Gelobte Land geführt."
Ja, aber Gott musste dafür das Meer teilen.
"It could happen again", sagt er, "it could happen again."
Es könnte wieder passieren.
Blessing hat Felix angefleht, nicht das Boot zu nehmen, und er hat es ihr versprochen. Für 3500 Euro könne man einen marokkanischen Lastwagenfahrer organisieren, der ihn auf der Fähre nach Spanien zwischen den Achsen versteckt. Sie werde arbeiten und Geld schicken.
Ganz gleich, wie lange man mit ihr spricht, Blessing wird Fremden nie verraten, bei wem man die Überfahrt kaufen kann. "Ein Mann hat es mir geschenkt", sagt sie. Jemand mit einem großen Herzen. Es klingt wie eine Lüge. Keine Lüge ist, dass es in Europa Bordellbesitzer gibt, die Schlepper nach Nigeria schicken, um Frauen zu holen. Man nennt sie "Trolleys". Sie bezahlen den Frauen die Busfahrt nach Marokko und die Überfahrt übers Mittelmeer. Als Gegenleistung müssen sie in Europa für sie anschaffen gehen.
"Ich habe so viel gebetet", sagt Blessing. Sie hat Gott vier Tage lang angefleht, und es fällt ihr unendlich schwer zu verstehen, warum er ihr das angetan hat, und wenn man ihr sagt, dass er ja wenigstens sie gerettet hat, blickt sie langsam auf und antwortet: "God was late." Gott war zu spät.
Der Mensch ist eigentlich sesshaft, heißt es. Er braucht eine Heimat, um sich als Mensch zu fühlen. Aber was ist, wenn die Heimat kein Zuhause ist? Wenn die Heimat einem die Würde nimmt? Blessings Wünsche unterschieden sich nicht von den Wünschen anderer Menschen. Zukunft, Glück, Sicherheit - hätte ihr Nigeria das geboten, sie wäre nie gegangen. Sobald man ihr Heimatdorf sieht, versteht man, warum Blessing Okunorobo ging.
Das Dorf Agowie liegt mitten im Busch, am Ende einer Schlaglochpiste. Zwölf Hütten aus Lehm und Wellblech stehen hier, in der Mitte ein Brunnen, hinter den Hütten glimmen Feuer. Es gibt kein Telefon, keinen Strom, die nächste Schule ist mehrere Kilometer entfernt und kostet Geld. Die meisten hier besitzen nicht mal ein Paar Schuhe.
Blessings Mutter Joy hockt auf einer verdreckten Matratze im Dunkel ihrer Lehmhütte und weint. Sie wirft sich auf den kahlen roten Boden, ruft mal Gott und mal den Namen ihrer Tochter. Sie ist 75 Jahre alt, das gleiche runde Gesicht wie Blessing. Vor fünf Jahren sei Blessing einfach verschwunden, sagt sie. Sie habe nicht gewusst, ob ihr Kind lebt oder nicht, ob es schon in Europa ist. Nicht einmal von der Heirat mit Felix habe sie erfahren, auch nichts von den Enkelkindern.
Sie halten eine Voodoo-Zeremonie ab für ein Mädchen, das nach Europa aufbricht.
Die Hütte, in der sie Blessing und ihre fünf Geschwister großgezogen hat, besteht aus einem stickigen Raum, zwei mal drei Meter groß. Eine Öllampe, ein paar Plastikschüsseln, ein verblasstes Bild von ihrem verstorbenen Mann, das ist alles, was Blessings Mutter besitzt. "Jeder Tag hier ist gleich", sagt sie. Wenn es hell wird, fegt sie den roten Staub aus ihrer Hütte, isst ein wenig Cassava-Brei, dann macht sie sich auf den zweistündigen Fußweg zum Feld, einem halben Hektar voller Unkraut, mickriger Cassava-Pflanzen und ein paar Jamswurzeln unter der Erde.
"Wenn wir zusammen auf dem Feld arbeiteten, hat mich Blessing oft gefragt, warum wir so leben müssen", sagt die Mutter. Eines Tages war sie einfach verschwunden. Kurz nachdem Blessing fort war, verließ auch ihre jüngere Schwester das Dorf und machte sich auf den Weg nach Europa. Wenig später verschwand die nächste und ließ einfach ihr Baby zurück. Die kleine Love ist mittlerweile vier und lebt in der Hütte ihrer Großmutter, schlecht ernährt und mit schmutzigen Kleidern. Später ging auch die Jüngste, zum Schluss der einzige Sohn. Joy, die Mutter, hat nie wieder etwas von ihnen gehört. Von ihren sechs Kindern blieb ihr nur eine einzige Tochter.
Die Hoffnung und der Glaube halten halb Afrika am Leben. Ein paar Kilometer von Blessings Dorf entfernt treffen sich an diesem Nachmittag ein Dutzend Männer und Frauen am Fluss. Sie sind gekommen, um eine Voodoo-Zeremonie abzuhalten für ein junges Mädchen, das, wie einst Blessing, nach Europa aufbrechen wird. Heiß ist es und schwül, die Frauen stehen mit nacktem Oberkörper am Ufer, sie haben Opfergaben dabei, Mais, Kräuter, eine Taube. Sie schlagen dem Tier den Kopf ab und beschmieren ihre Brüste mit Blut. "Göttin des Flusses, mach, dass sie auf ihrer Reise erfolgreich ist." Der Priester reibt das Mädchen mit zerstampften Blättern ein und lässt es unter Gebeten in den Fluss eintauchen, das Mädchen weint: "Mach, dass sie in Europa Arbeit findet, damit wir ein Haus aus Stein bauen können und die Jüngsten in die Schule schicken."
Die Frauen schütten eine Flasche Fanta in den Fluss, schlachten ein weißes Huhn, dann eine kleine Ziege. Sie schließen ihre Augen und wiegen ihren Körper im Klang all jener Hoffnungen und Wünsche, die schon Blessing und Felix auf ihrem Weg nach Europa begleiteten. "Mach, dass unser Kind durchkommt."
* Am 9. Juli in Almería.
* Oben: Sohn Farley in Marokko; unten: Vater Felix in einem Camp in Oujda, Marokko; rechts: Mutter Blessing in einem Frauenhaus im spanischen Puente-Genil.
* In ihrem nigerianischen Heimatdorf Agowie.
Von Dialika Krahe und Juan Moreno

DER SPIEGEL 44/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 44/2008
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FLÜCHTLINGE:
Das Traumschiff

  • Ex-Fußball-Torhüter: Petr Cech wird zum Eishockey-Helden
  • Optische Illusionen: Alles höchst verwirrend
  • Wiedereröffnung des britischen Parlaments: "Die Queen musste ein Tory-Wahlprogramm vorstellen"
  • Queen's Speech: Elizabeth II. verliest Johnsons Pläne