27.10.2008

GesellschaftDer Geist von Gammesfeld

Ortstermin: In einem Dorf in Franken steht eine Bank, an der die Finanzkrise vorbeigezogen ist - sie hat einen einzigen Angestellten.
Am Nachmittag ruft ein Mann vom japanischen Fernsehen an. Peter Breiter, der Bankchef, presst den Telefonhörer ans Ohr. Man wolle vorbeikommen und einen Film drehen, sagt der Mann vom japanischen Fernsehen. In Breiters Bank, in Gammesfeld, Germany. Man wolle den japanischen Zuschauern zeigen, wie eine Bank funktioniere, der die Kunden noch vertrauen. "Aha", sagt Peter Breiter und "Na gut". Dann legt er auf. Einen Moment ist es still. "Japan!", sagt Breiter und zieht die Schultern hoch.
Schwer zu sagen, wie die Japaner auf Gammesfeld kommen. Womöglich ist Gammesfeld im Moment eine der letzten krisenfreien Finanzzonen. Global gesehen. Eine Insel im Chaos. Gammesfeld in Franken, 530 Einwohner. In Washington, London, Berlin entwerfen Regierungen hektisch Rettungsstrategien für Banken. Die Rettungszahlen sind so groß, dass sie kaum greifbar sind. Hunderte Milliarden. Sozialhilfe für die taumelnden Banken.
Peter Breiter sagt, was auch Josef Ackermann von der Deutschen Bank sagt, er brauche keine Rettung und kein Geld. Seine Bank sei sicher.
Breiter, in Jeans und Pullover, sieht nicht aus wie ein Bankchef. Man könnte in seinem Bankraum problemlos einen Film über die untergegangene DDR drehen oder eine Fünfziger-Jahre-Doku. Die Gardinen, die mechanische Schreibmaschine, das Waschbecken, die Fliegenklatsche neben der Tür. "Ist aber nicht wichtig", sagt Peter Breiter. "Wichtig ist der Geist dieser Bank."
Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank, sagt, er möchte gern 25 Prozent Rendite. Peter Breiter, Chef der Raiffeisenbank Gammesfeld eG, sagt, der Gewinn stehe nicht im Vordergrund. Er betreibe eine eher antikapitalistische Bank.
Das ist der Gammesfelder Geist.
Breiters Bank ist ein Gegenentwurf. Eine Bank beruhend auf Bescheidenheit, Überschaubarkeit.
Die Raiffeisenbank Gammesfeld eG, gegründet 1890, war ewig eine Familiendynastie. Der erste Bankchef hieß Fritz Vogt. Ihm folgte sein Sohn, der ebenfalls Fritz Vogt hieß. Der dritte Bankchef, mit Namen Fritz Vogt, Sohn vom zweiten Fritz Vogt, ging Ende 2007 in den Ruhestand. Peter Breiter, 37 Jahre alt, geborener Gammesfelder, Bankkaufmann, übernahm die Aufgabe. Die Geschichte durfte nicht enden. Breiter brachte zwei Laptops mit. Ansonsten blieb alles beim Alten.
Im Kundenwarteraum stehen vier rote Stühle und Gläser mit Honig, Verkaufspreis drei Euro. Im ersten Stock liegt das Aufsichtsratszimmer. Ein Holztisch und neun Stühle. Die Bank hat fünf Aufsichtsräte und drei Vorstände. Aber nur einen einzigen Mitarbeiter: Peter Breiter.
Als bei anderen deutschen Banken die Kunden nervös wurden, als sie Aktien verkaufen wollten, nach Gold und Bundesschatzbriefen fragten, nach sicheren Anlagen, blieb die Lage in Gammesfeld ruhig. "Keine Anrufe", sagt Breiter. Keiner der Kunden verlor Geld. Keinen Cent.
Breiter bietet in der Bank genau drei Dinge an: Girokonto, Sparbuch, Kredit. So ist es Tradition. Man kann darüber lächeln, man kann aber auch sagen, dass es exakt die drei Finanzinstrumente sind, die jeder Bürger versteht. Breiter bietet keine Aktien an, keine Derivate, Optionsscheine, Turbooptionsscheine oder Zertifikate. Es gibt Hunderte Arten, sein Geld anzulegen. Am Ende ist es auch ein Spiel. Man kann verlieren oder gewinnen. Als Gammesfelder Bankkunde spielt man nie mit, man sitzt immer nur auf der Tribüne. Man kann jetzt auf die Krise schauen. Die Krise der anderen.
Geld soll arbeiten. Aber Geld arbeitet nicht, sagt Breiter. Alle waren so gierig. Die Banken und auch die Menschen. "Die Krise kommt von unten", sagt Breiter. Jeder wollte aus seinem Geld mehr Geld machen. Man wollte kein Idiot sein. Kein Sparbuch-Heini. Maßlosigkeit war auch sexy.
"Jede Rendite über sechs Prozent heißt Risiko", sagt Breiter. "Das ist so." Heute klingt das fast wie eine Formel für die Welt von morgen.
Breiter betreut in Gammesfeld 400 Girokonten, 800 Sparbücher, 100 Kredite, 16 Millionen Euro Spareinlagen, 7 Millionen Euro Kreditsumme. Für alle Kunden gelten die gleichen Konditionen, unabhängig vom Einkommen. Das ist ein Gammesfelder Prinzip. Spareinlagen 3 Prozent Zinsen. Kredite für 4,25 Prozent Zinsen. Dispokredite 5,25 Prozent. Kontoführungsgebühren gibt es nicht. Kunde kann werden, wer in Gammesfeld wohnt, wohnte oder gut bekannt ist. "Vieles basiert auf Vertrauen", sagt Breiter. Und auf Verzicht. Das lässt die Bank überleben.
Josef Ackermann will in diesem Jahr auf seine Bonuszahlung verzichten. Als Krisenzeichen gewissermaßen. Peter Breiter sagt, dass er noch nie irgendwelche Bonuszahlungen bekommen hat. Breiter hat als Bankchef das Gehalt seines Vorgängers übernommen, er darf nicht länger als fünf Tage am Stück Urlaub nehmen, das "Handelsblatt", das Breiter liest, bezahlt er selbst, und ein Mitglied des Aufsichtsrats bekommt in Gammesfeld pro Sitzung eine Aufwandsentschädigung von 15 Euro. Vor Steuern.
Breiter will erhalten, was Großbanken gerade verlieren: das Vertrauen der Kunden. Nur einmal fiel bisher ein Kredit aus. 50 000 Euro. Breiter könnte die Bank auf den neuesten Stand bringen. Technisch, möbelmäßig. Aber es würde Geld kosten. Kundengeld. Internet-Banking gibt es nicht bei der Raiffeisenbank Gammesfeld eG. Keine Kreditkarten. Die neuen EC-Karten sollen funktionieren, im Gegensatz zu den alten, da gab es Probleme. Überweisungen schickt Breiter per Post an die DZ-Bank, die Zentralbank der Genossenschaften. "Nur ich weiß, wie viel auf den Konten ist", sagt Breiter. Anschluss an den Zentralrechner gibt es nicht.
Man ist nicht vernetzt mit der Welt dort draußen. JOCHEN-MARTIN GUTSCH
Von Jochen-Martin Gutsch

DER SPIEGEL 44/2008
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