27.10.2008

USADas Rätsel Wähler

Nur auf den ersten Blick scheint der Ausgang der Präsidentenwahl am 4. November klar: Der Demokrat Barack Obama liegt landesweit mindestens sieben Prozentpunkte vor dem Republikaner John McCain. Doch amerikanische Demoskopie-Experten warnen vor allzu großer Zuversicht. Der wohl größte Unsicherheitsfaktor ist die Hautfarbe des Favoriten. Es könnte sein, dass sich zu viele Weiße, wenn der Vorhang der Wahlkabine zugegangen ist, entgegen ihren Angaben doch nicht durchringen, für einen Schwarzen zu stimmen.
Dieses Phänomen, der sogenannte Bradley-Effekt, ist benannt nach dem schwarzen Politiker Tom Bradley. Der hatte 1982 trotz eines großen Vorsprungs in den Umfragen die Wahlen zum Gouverneur von Kalifornien knapp verloren. Offenbar war es vielen Befragten zu peinlich, sich zu ihren Vorurteilen zu bekennen, die an der Wahlurne aber den Ausschlag gaben. Allerdings kann der Bradley-Effekt auch zugunsten Obamas ausfallen, vor allem in Staaten im Südosten: In Gegenden mit einer langen Geschichte der Rassentrennung wagen es viele Weiße in Umfragen offenbar nicht zuzugeben, dass sie einen Schwarzen unterstützen wollen. Ein anderes Problem ist die geringe Akzeptanz der zumeist über das Telefon eingeholten Umfragen. Die Hälfte aller Angerufenen lehnt eine Beteiligung ab. Häufig sind dies ärmere Weiße mit geringer Bildung - also genau die Wahlberechtigten, die Obama eher kritisch gegenüberstehen. Die Unsicherheit der Demoskopen wird verstärkt durch deren häufig antiquierte Arbeitsweise. 15 Prozent aller erwachsenen Amerikaner besitzen zwar keinen Festnetzanschluss mehr, aber längst nicht alle Institute befragen auch die Mobiltelefonierer. Zudem haben sich mehr als neun Millionen neue Wähler registrieren lassen, viele davon Schwarze und Latinos; jeder Vierte ist jünger als 30 Jahre. Die Wahlbeteiligung dieser Gruppen gilt als besonders schwer prognostizierbar - trotz der Obamania, die viele Jungwähler erfasst hat.

DER SPIEGEL 44/2008
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