27.10.2008

AFGHANISTANTödlicher Einsatz

Wie ihre Verbündeten müssen auch die Deutschen den Tod von Soldaten hinnehmen. Die Taliban wollen das bisher eher ruhige Kunduz zurückerobern und bereiten neue Überfälle vor.
Am Tag drei nach dem Anschlag, es ist Donnerstagmorgen, die Sonne steht schon grell am Himmel, macht sich eine der ersten Patrouillen der Bundeswehr wieder auf den Weg. Die Deutschland- und die grünen Isaf-Fahnen hängen auf halbmast, als die vier schweren "Dingo"-Fahrzeuge aus dem Lager in Kunduz herausrollen und Gas geben.
Eine Rundfahrt durch die Stadt steht auf dem Dienstplan, keine besonderen Aufgaben, Alltag im Leben der Schutztruppe in ihrem nordafghanischen Einsatzgebiet. Die Soldaten wollen Präsenz zeigen, alle sind gut geschützt hinter den dicken, kugelsicheren Scheiben ihrer Ungetüme aus Stahl und Kevlar, selbst Minen sollen ihnen nichts anhaben können.
Dass am Montag zuvor zwei deutsche Fallschirmjäger, der Stabsunteroffizier Patrick Behlke, 25, und der Stabsgefreite Roman Schmidt, 22, bei einem Selbstmordanschlag nur 15 Fahrminuten entfernt ums Leben gekommen sind, darf nichts am Auftrag der Soldaten ändern. Routine, das jedenfalls sagen die Offiziere im Lager, sei jetzt das Wichtigste für die Truppe. "Wir müssen weitermachen, alle gemeinsam", das hat auch ihr Kommandeur, Oberst Rainer Buske, 54, einen Tag zuvor bei der militärischen Trauerfeier gesagt.
Etwas abseits des Paradeplatzes erinnern sorgsam mit grüner Panzerplane abgedeckte Fahrzeuge an die Anschläge der vergangenen Monate. Sichergestellt von deutschen Staatsanwälten, die für die juristische Verfolgung der Attentate fernab der Heimat verantwortlich sind, stehen hier die Wracks von angegriffenen Bundeswehrfahrzeugen. Teilweise sind sie "angesprengt", so nennen die Soldaten nur beschädigte Geländewagen oder Panzerfahrzeuge, andere sind fast komplett zerstört.
Der tödliche Einsatz war allerdings keine Routine gewesen. Nachdem das Lager der Deutschen in den vergangenen Wochen immer wieder aus der gleichen Richtung unter Raketenbeschuss geraten war, entschied sich die Bundeswehr für eine großangelegte Razzia. Mit 160 Fallschirmjägern, mit Agenten des afghanischen Geheimdienstes NDS und ein paar Dutzend afghanischen Soldaten hatte sich ein Fahrzeugkonvoi nach Chahar Darreh aufgemacht, rund fünf Kilometer südwestlich, nahe der Hauptstraße nach Kabul.
Nach entsprechenden Tipps aus der Bevölkerung fanden die Deutschen auf Anhieb zwei Raketen. Sie sprachen mit den Dorfältesten, versuchten, Vertrauen aufzubauen. Dann ein neuer Hinweis: In Haji Amanullah, einem Kaff mit wenigen Häusern, seien ebenfalls Raketen versteckt.
Der Konvoi machte sich auf, die Deutschen sicherten die Hausdurchsuchungen ab. In die verdächtigen Lehmbauten mit ihren hohen Mauern schickten sie lieber die afghanischen Soldaten, um die Bewohner nicht zusätzlich zu verschrecken.
Einer der Sicherungsposten war der Truppentransporter vom Typ "Mungo", in dem die beiden Fallschirmjäger saßen. Es war gegen 13 Uhr am Mittag, Kinder in langen, bunten Hemden sammelten sich um den leichtgepanzerten Laster, fragten nach Süßigkeiten oder Kugelschreibern. Zwei Soldaten stiegen von der Ladefläche und verteilten Wasserflaschen, ganz wie es das Lehrbuch empfiehlt.
Vorn im Führerhaus hielten Schmidt und Behlke Ausschau nach Verdächtigem. Wie alle Isaf-Kräfte haben die Deutschen ihre Erfahrungen gesammelt und Verhaltensmuster möglicher Angreifer entdeckt. Toyota vom Typ Corolla sind suspekt. Gefahr droht besonders, wenn die Wagen sehr sauber sind, keine Aufkleber tragen, keine Leuchtgirlanden oder anderen Schmuck, und wenn nur ein Mann im Fahrzeug sitzt. Motorradfahrer sind ebenso verdächtig.
Nur der Radfahrer, der ihnen auf dem Feldweg entgegenkam, fiel den Soldaten erst spät auf. Als er neben der Beifahrertür des Mungo angekommen war, drückte der Selbstmörder den Zünder seiner Sprengweste. Bruchteile von Sekunden später zerriss ihn die Explosion.
Vier Kilo hochwirksamen Trotyl-Sprengstoffs, das jedenfalls glaubt der Geheimdienst, hatte der Attentäter in seiner Weste verborgen, gezündet mit einer Sprengschnur, die sofort detoniert und dann die Explosion auslöst. Die Deutschen kennen das tödliche Material, es wurde schon bei früheren Anschlägen verwendet und kommt vermutlich aus Pakistan.
Die beiden Fallschirmjäger im Führerhaus hatten "keine Chance", sagt ein Bundeswehrmann, der den Tatort gesehen hat. Videoaufnahmen des Geheimdienstes zeigen den Mungo wenige Minuten nach der Explosion. Das Dach ist von vorn bis hinten aufgerissen, die leichte Panzerung hat der Kraft des Sprengstoffs nicht standgehalten. Die Reifen brennen noch, anhand des im Umkreis von gut fünf Metern versengten Grases ist die Größe des Feuerballs abzuschätzen. Die Überreste des Fahrrads liegen noch neben der Fahrertür.
An den Straßenrand haben Helfer auch die Leichen von fünf Kindern getragen, ihre blutverschmierten Plastiksandalen sind auf dem Feldweg verstreut. Ein schwerverletztes Mädchen flogen die Deutschen gemeinsam mit zwei ebenfalls verletzten deutschen Soldaten ins Lager nach Kunduz, wo die Ärzte sein Leben retten konnten. Ein weiteres Mädchen, das die Afghanen in ein örtliches Krankenhaus brachten, starb auf dem Weg in die Klinik.
Wer den Attentäter auf seine finale Mission geschickt hatte, war sofort klar. Dass die Taliban den Ort und den Distrikt Chahar Darreh beherrschen, war der Bundeswehr bekannt. "Das ist und bleibt ein Gefahrenpunkt, der uns Sorgen macht", sagt ein Major.
Auch die Leute von Chahar Darreh fürchten die Taliban, wie Abdul Matin, 25, bezeugen kann. Der Paschtune hat islamisches Recht studiert und gibt die Zeitung "Sarw" heraus, in der er auch über aktuelle Gesellschaftsthemen schrieb, über Frauenrechte, Zwangsehen und die Rolle des Mannes in der muslimischen Welt.
Die Warnung der Taliban erreichte Matin über einen nahen Verwandten. Wenn ihm sein Leben lieb sei, solle der "Bruder" die Zeitung sofort einstellen und sich auch nicht mehr mit den Ausländern blicken lassen, weder mit den Amerikanern noch mit den Deutschen.
Jedes Kind in Chahar Darreh weiß, was das zu bedeuten hat. Die Taliban warnen nur einmal, wer ihnen nicht folgt, den strafen sie mit dem Tod. Matin schreibt seither keine Zeile mehr. Er wagt es auch nicht, sich noch kritisch zu äußern, nicht mal unter Verwandten. "Jeder könnte ein Spion der Taliban sein", sagt er.
Im Frühjahr kamen drei mit Kalaschnikows bewaffnete Taliban auf ein Feld in Chahar Darreh und fragten die Bauern dort, wer von ihnen Sufi Mohammed sei. Einer der Arbeiter meldete sich. Sie führten den Mann ein paar Meter zur Seite und erschossen ihn. Angeblich hatte er mit den Ausländern Tee getrunken. Bei der Leiche hinterließen die Mörder eine Warnung: "Spion der Ungläubigen. So wird es allen anderen auch ergehen." Seitdem herrscht Angst in Chahar Darreh.
Für Ausländer ist der Landstrich, der an Kunduz grenzt, die lange Zeit weitgehend friedliche Stadt des Nordens, seit Monaten zur No-go-Area geworden. Deutsche Hilfsorganisationen arbeiten dort, wenn überhaupt, nur noch mit örtlichen Mitarbeitern. "Vorher löschen sie unsere Telefonnummern aus dem Handy, lassen die Vertragspapiere zu Hause, fahren in einem neutralen Auto, um nicht als Kollaborateure identifiziert zu werden", sagt Joachim Bönisch von der Deutschen Welthungerhilfe. Die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit betreibt den Bau einer Tomatenmarkfabrik nahe Chahar Darreh nur noch "per Fernbedienung", sagt ein Mitarbeiter.
Denn jede Nacht kommen die Taliban. Sie haben ihre Ausbildung in Pakistan erhalten und kehren wieder in ihre Heimat zurück. Niemand wagt es, sich gegen sie zu stellen. Eine kleine Gruppe von etwa 150 Mitgliedern hält einen Distrikt mit rund 80 000 Bewohnern in Schach. Denn für ganz Chahar Darreh sind gerade 43 Sicherheitskräfte abgestellt, die auch noch schlecht ausgebildet sind. Ausrichten können sie nichts.
Doch trotz aller Gefahren, das hat Kommandeur Buske seinen Männern klargemacht, werden die Soldaten in Chahar Darreh wieder nach Waffen und Gegnern suchen müssen - und bald schon. Die beiden Toten sind für die Truppe "eher ein Zeichen, mehr zu tun statt weniger", sagt ein Offizier. Dass es dabei weitere Opfer geben könne, liege "in der Natur der Situation".
Überrascht hat die tödliche Attacke niemanden in dem von hohen Mauern umgebenen Feldlager. "Felsenfest", sagt ein Soldat, habe man pünktlich zur politischen Verlängerung des Mandats in Berlin damit gerechnet, dass "wir richtig was auf die Mütze bekommen".
Hinweise gab es genug. Ende September hoben die Deutschen nahe Kunduz ein ganzes Depot voller Raketen aus. Kurz darauf fanden sie nach einem Hinweis zwei Sprengsätze, fertig zum Einsatz gegen die Patrouillen. Und erst wenige Wochen ist es her, seit deutsche Soldaten gemeinsam mit afghanischen Polizisten eine Autowerkstatt in Kunduz entdeckten, die sich offenbar auf tödliches Tuning spezialisiert hatte. Ein Fahrzeug, komplett ausgerüstet mit Sprengsatz und Zünder, stand noch aufgebockt in der Werkstatt.
In seinem Lager in Kunduz macht sich auch der örtliche Chef des NDS seine Gedanken über den Anschlag und die Strategie der Deutschen. "Ich habe ihnen schon im Sommer gesagt, dass wir in Chahar Darreh aufräumen müssen", sagt Abdulmajid Azimi, 44. "Wir müssen Krieg führen gegen die Taliban, sonst bekommen sie hier wieder die Oberhand."
Azimi wundert sich über die Zurückhaltung der Deutschen. "Hier in Afghanistan", fordert er, "muss man Stärke zeigen, der Gegner versteht nichts anderes." Auf den nächtlichen Beschuss des deutschen Lagers gebe es deshalb nur eine Antwort: Bomben aus der Luft, "so, wie es die Amerikaner machen".
Für Azimi ist klar, wer hinter dem Anschlag steckt. Nur Mullah Salam, ein Taliban-Kommandeur von etwa 40 Jahren, sei zu so etwas in der Lage. Der NDS habe Hinweise, dass der mutmaßliche Hintermann früherer Attentate auf die Bundeswehr vor zwei Wochen aus dem pakistanischen Quetta, wo nach Geheimdienstinformationen die Führungsriege der Taliban weiterhin ungestört lebt, zurück nach Kunduz gekommen sei.
Salam ist der Top-Taliban-Kommandeur für den Nordosten, und er ist ein Mann ohne Gesicht. Es gibt kein Bild von ihm. Nur dass er eine Narbe von einem Streifschuss über dem rechten Auge habe, weiß Azimi zu berichten. Und dass er extrem vorsichtig sei. Keine vier Stunden halte er sich an einem Ort auf.
Im August hatte der SPIEGEL am Telefon mit Mullah Salam gesprochen, schon damals hatte der den Deutschen gedroht: "Wir werden uns in Kunduz festsetzen und ihnen das Leben zur Hölle machen, bis die Invasoren das Land verlassen haben."
Chahar Darreh, da ist sich der NDS-Chef sicher, sei Salams Hauptquartier. Einen seiner Vertrauten, Mullah Shirin, konnte der Geheimdienstler nach der Tat festnehmen, einen anderen Kommandeur Salams sucht er noch. Vier weitere Festgenommene hocken in Azimis Amtssitz in verdreckten Zellen - Arbeiter, die nahe dem Anschlagort die Felder bestellten und offenbar nichts mit der Tat zu tun haben.
Für eine gründliche Lösung aller Probleme in Chahar Darreh hat Azimi durchaus eigene Vorstellungen. Die Deutschen sollten eine Anti-Terror-Einheit von afghanischen Soldaten und Geheimdienstlern ausrüsten. Abgesichert durch deutsche Panzer und unterstützt aus der Luft, so der Plan, würden die Afghanen einen Monat lang "aufräumen und sich dabei nicht vor Opfern fürchten".
Den Deutschen, glaubt Azimi, bringe diese Idee einen großen Vorteil: "Die Drecksarbeit", sagt er und grinst breit, "würden wir erledigen. Wir kennen uns damit besser aus und können schweigen."
MATTHIAS GEBAUER, SUSANNE KOELBL
Von Matthias Gebauer und Susanne Koelbl

DER SPIEGEL 44/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 44/2008
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

AFGHANISTAN:
Tödlicher Einsatz

  • Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Nordsyrien: 120 Stunden Gefechtspause
  • Walkadaver in der Tiefsee: Gefundenes Fressen
  • Kuriose Operation: Flügeltransplantation für Schmetterling