27.10.2008

IRAKAuszug aus Mesopotamien

Die Vertreibung der Christen hält an. Morde und Massenfluchten widerlegen das Versprechen von Premier Maliki, es gebe Sicherheit für jeden. Jetzt drängen die Kirchen, den Flüchtlingen zu helfen.
Es sind 350 Kilometer von Mossul nach Bagdad, auf einer verwahrlosten, zerbombten Autobahn den Tigris entlang, durch jenes Ödland, das fünf Jahre Krieg und Terror im Zentralirak hinterlassen haben. Für Rami Kamil, 43, seine Frau und seine Kinder war die Fahrt eine Flucht vor dem drohenden Tod in Mossul.
Um sechs Uhr morgens am vergangenen Dienstag brach die Familie in ihrem kleinen, grünen Hyundai auf. Sie versteckten, was sie an Schmuck und Bargeld besitzen, unter einem Berg von Handtüchern und Bettlaken, der Aussteuer der beiden Töchter. Das kleine Kreuz, früher am Rückspiegel ihres Autos, baumelt dort schon lange nicht mehr. An den Checkpoints des Irak ist es nicht ratsam, mit christlichen Symbolen aufzufallen.
In Mossul war für Kamils Familie kein Bleiben mehr, als der vierte Nachbar umgebracht wurde, ein Juwelier und ebenfalls Christ. Unbekannte Täter hatten ihn vor seinem Geschäft erschossen, während sein Sohn, gelähmt vor Angst, aus dem Fenster starrte.
Nun sitzt Kamil im Garten seines Cousins in Bagdad, so erschöpft, dass er kaum einen Satz zu Ende bringen kann, und unentschlossen, was er als Nächstes tun soll: "Ich bin Mathematiklehrer", sagt er. "Wer braucht in diesen Tagen einen Christen, der Mathematiklehrer ist?"
Seit der US-Invasion im März 2003 sind die Christen in Mossul ihres Lebens nicht mehr sicher. Kirchen wurden angezündet, Priester, Ärzte, Ingenieure und Geschäftsleute ermordet. Im März fanden Helfer die Leiche von Erzbischof Paulos Faradsch Rahho am Rande der Stadt, und Ende September begann eine neue Serie von Attentaten, der bisher mindestens 18 Menschen zum Opfer fielen.
Die Christenverfolger richten entlang der Ausfallstraßen falsche Checkpoints ein, um die Flüchtigen in ihren Autos zu stoppen. Sie werden dort oft ausgeraubt, geschlagen oder sogar umgebracht. Im Stadtteil Sadik stoppten Maskierte einen Mann mit einem Kind. Weil in seinem Ausweis ein christlicher Name zu lesen war, erschossen sie den Mann auf der Stelle. Als der Junge sagte, der Ermordete sei sein Vater, töteten sie auch ihn.
Kirchenmitglieder, die noch nicht geflohen sind, finden in ihren Wohnungen Flugblätter mit einer "Warnung an alle Christen" vor: "Wenn ihr nicht fortzieht, werdet ihr in drei Tagen abgeschlachtet."
Leere Drohungen sind das nicht. Anfang Oktober drangen 15 maskierte Jugendliche in das Haus einer christlichen Familie ein, die in Mossul östlich des Tigris lebte. Zuerst sammelten sie alle Handys ein, dann hielt ein Maskierter dem achtjährigen Sohn das Gewehr an den Kopf. Die Angreifer schrien, sämtliche Familienmitglieder sollten sofort das Haus verlassen, ohne etwas mitzunehmen. Dann schafften sie große Mengen Sprengstoff herbei. Zwar traf die von den Nachbarn alarmierte Polizei noch vor dem Haus ein, aber Opfer und Helfer konnten nur noch zusehen, wie das Gebäude explodierte.
Etwa die Hälfte der 20 000 Christen von Mossul hat die Stadt seit September verlassen, wie das Bagdader Ministerium für Menschenrechte, Abteilung "Vertreibung und Vertriebene" offiziell bekanntgab. Insgesamt sind seit der US-Invasion 2003 über ein Drittel der einst rund 800 000 irakischen Christen aus dem Land geflohen.
Die anhaltende Christenverfolgung widerlegt das Versprechen von Premierminister Nuri al-Maliki, der bei seinem Deutschland-Besuch im Juli gegenüber Bundeskanzlerin Angela Merkel beteuerte, in seinem Land seien Christen sicher. Das hatte damals zur Folge, dass Berliner Pläne, ein Flüchtlingskontingent von Angehörigen religiöser Minderheiten aus dem Irak in Deutschland aufzunehmen, von der Bundesregierung vorerst wieder gestoppt wurden.
Über diesen Rückzieher sind besonders die beiden großen Kirchen in Deutschland verärgert, die wiederholt bei der Kanzlerin und bei Innenminister Wolfgang Schäuble zugunsten der verfolgten Iraker interveniert hatten. Ihre Vertreter reisten mehrmals in diesem Jahr in die Region; in Syrien, Jordanien und im Nordirak kamen sie zu dem Ergebnis, dass rasche Hilfe für die irakischen Christen dringend notwendig sei.
Der neue Vorsitzende der deutschen katholischen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, und seine evangelischen Kollegen, wie etwa der Münchner Bischof Johannes Friedrich, fordern, dass Merkel und die Innenminister der Länder ihre Politik ändern, damit endlich Flüchtlinge in Deutschland unbürokratisch aufgenommen werden können. "Die Fakten sind doch alle bekannt", klagt Thomas Prieto Peral vom Ökumenereferat der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.
Wer dagegen von den Flüchtlingen schon nach Deutschland gelangt ist, hat noch längst nicht alle Hindernisse überwunden. In Essen, 3000 Kilometer Luftlinie von Mossul entfernt, sitzt eine Flüchtlingsfamilie, die bereits im Sommer 2007 aus ihrem Heim am Tigris verjagt worden war. Bewaffnete Männer waren in das Haus der Familie Jalal eingedrungen, hatten sie als Christen beschimpft und die Mutter vor den Augen ihrer sieben Kinder niedergeschossen.
Mit viel Glück gelangten die Überlebenden nach Damaskus, wo ihnen die deutsche Botschaft half, nach Deutschland
zu kommen - ein Einzelfall. Doch trotz großer Solidarität der Essener und tatkräftiger Hilfe der katholischen Hilfsorganisation Caritas blieb den Jalals ein demütigendes Überprüfungsverfahren nicht erspart.
Vier Stunden lang musste der 15-jährige Naseem mit seiner Großmutter zu einer strengen Vernehmung vor einer "Einzelfallentscheiderin" des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge in Bielefeld erscheinen. Dem Jugendlichen wurden zunächst Fingerabdrücke abgenommen, er wurde fotografiert und danach mit offener Feindseligkeit vernommen. Am Ende wurden Großmutter und Enkel jedoch offiziell als Flüchtlinge anerkannt.
Genau diese Behandlung wollen die Kirchen anderen traumatisierten Familien ersparen - durch eine "Resettlement"-Lösung mit vereinfachter Aufnahmeprozedur und der Erlaubnis, für immer zu bleiben. Dazu muss die Politik jedoch anerkennen, dass irakische Christen keine Zukunftsperspektive in Flüchtlingsländern wie Syrien oder Jordanien haben und eine Rückkehr in ihre Heimat ausgeschlossen ist.
Doch so weit ist es noch nicht. Erst langsam scheint die Blockadepolitik der Länder aufzuweichen. In Niedersachsen wird schon seit Frühjahr intern überlegt, knapp 1000 Flüchtlinge sofort in den größtenteils leerstehenden Lagern Friedland und Unna-Massen zur "Erstaufnahme mit Integrationskursen" unterzubringen. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann hat sich nach der Landtagswahl gegenüber Kirchenvertretern gesprächsbereit gezeigt.
Und auch ein wichtiger irakischer Christ, der sich wie Maliki bisher gegen die Flucht aus dem Irak gestellt hat, scheint seine Ansicht inzwischen geändert zu haben: Kardinal Emmanuel III. Delli, das Oberhaupt der chaldäisch-katholischen Christen im Irak. Der Kirchenfürst besuchte gerade die Bischofssynode in Rom und plant offenbar, einen Abstecher nach Berlin zu machen. Dem deutschen Papst sagte er schon jetzt, was er dann auch der Kanzlerin mitteilen könnte: Die jüngsten Pogrome in Mossul seien "ein Beleg für die lebensgefährliche Lage der Christen im Irak".
Die Verfolgung trifft eine Gemeinde, die seit fast 2000 Jahren im Zweistromland verwurzelt ist und stets loyal zu dem Staat hielt, der 1921 unter britischem Mandat gegründet wurde. Christen dienten den irakischen Königen als Minister und Bankiers, den Putschisten der sechziger Jahre als Militärärzte und Professoren, dem Diktator Saddam Hussein als Beamte oder Hubschrauberpiloten. Niemand musste sie im Jahr 2003 lange bitten, beim Aufbau des neuen Irak zu helfen. Da die von Saddam umworbenen Christen stets zu den am besten Ausgebildeten und den Vermögendsten gehört hatten, zogen sie allerdings immer wieder Neid und Missgunst auf sich.
Der anhaltende Machtkampf um Ressourcen und Territorien, der mit der US-Invasion begann, droht die schwindende Gemeinde der Christen nun zu zermalmen: In Bagdad flohen sie zu Tausenden vor den Terrortrupps der sunnitischen Qaida; aus dem überwiegend schiitischen Basra haben sich die Christen auf Druck krimineller Banden und religiöser Eiferer in Sicherheit gebracht. Nun ist der Christenhass auch im Norden ausgebrochen, wo zuvor Zehntausende aus dem Süden Zuflucht suchten.
Denn um die ethnisch wie religiös gemischten Nordprovinzen des Irak ist ein stiller Krieg entbrannt. Die Kurden beanspruchen die Stadt Kirkuk und große Teile der Provinzen Tamim und Ninive. Die muslimischen Araber, viele von ihnen erst von Saddam Hussein dort angesiedelt, sträuben sich dagegen. Die Christen, ebenso wie die Minderheiten der Jesiden und der Schabak, sitzen zwischen den Fronten.
Im kommenden Frühjahr werden die Provinzparlamente neu gewählt, doch bereits Ende September strich das Parlament in Bagdad einen Paragrafen, der den Minderheiten eine feste Anzahl von Abgeordneten garantierte. Als die Christen in Mossul dagegen protestierten, begannen die Attacken, und niemand mag mit Gewissheit sagen, wer dahintersteckt.
Als Rami Kamil vorigen Dienstag nach seiner Flucht aus Mossul die Hauptstadt Bagdad erreicht hatte, war sein ohnehin schwaches Vertrauen in die Regierung vollends geschwunden. Er werde zum Schutz der Christen zusätzliche Polizeibrigaden in den Norden verlegen, hatte Premierminister Maliki wenige Tage zuvor versprochen, doch von Sicherheitskräften hat Kamil auf der Fahrt nichts gesehen. "Ich sah nur Kolonnen von Flüchtlingen, die in Richtung Osten oder Süden unterwegs waren."
PETER WENSIERSKI, BERNHARD ZAND
* Am 1. August 2004.
Von Peter Wensierski und Bernhard Zand

DER SPIEGEL 44/2008
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