27.10.2008

AuslandBritische Gastfeindschaft

Global Village: Wie die Fehde zweier Schulfreunde die Konservativen in Bedrängnis brachte
Er ist ein Gentleman der alten Schule, zu Hause in den elitären Clubs im feinen Londoner Stadtteil St. James's. Er hat eine Menge gesehen, aber heute wiegt er den Kopf hin und her, ganz langsam, als er sagt: "Jacob ist nicht amüsiert. Er sieht das Ganze als eine Familienkrise." Jacob, das ist Baron Rothschild, Patriarch des britischen Zweigs der mächtigen Bankerdynastie.
Unser Zeuge kennt den Patriarchen, weil er jahrelang für ihn gearbeitet hat. Stets sei Diskretion das oberste Familiengebot gewesen, die Rothschilds wollten im Hintergrund bleiben, als solide Finanziers erscheinen, als Förderer der schönen Künste, und nun das:
Die hinter altem Grün verborgene Villa mit dem marmorgefassten Swimmingpool auf Korfu auf den Titelseiten der Zeitungen, dazu die über 100 Millionen Euro teure Yacht des reichsten aller russischen Oligarchen. Und als sei das nicht genug, weiß nun jedermann, dass zwei britische Spitzenpolitiker ihre Sommerferien in diesem Ambiente der Superreichen verbracht haben.
Armer Jacob, das stille Refugium auf Korfu erscheint derzeit eher wie ein glitzernder globaler Basar, auf dem Geld und Politik zwielichtige Deals abgeschlossen haben. Es schüttelt den Vertrauten.
Die Suchscheinwerfer der Medien sind auf das vornehme Anwesen des Barons gerichtet, weil der eigene Sohn Nathaniel einen Brief an die "Times" schrieb. In dem beschuldigt er einen seiner Hausgäste, den Schattenfinanzminister der britischen Konservativen, George Osborne, den russischen Oligarchen Oleg Deripaska auf dessen Yacht um eine Spende in Höhe von 50 000 Pfund gebeten zu haben, umgerechnet 63 000 Euro.
"Wir haben kein Geld erbeten und auch keines erhalten", erklärte Osborne, gehetzt und bleich, vorige Woche in London. Seine Nervosität ist verständlich. Die Bettelei verrät nicht nur schlechten politischen Stil, sie ist nach britischem Recht auch verboten. Laut einem Gesetz aus dem Jahr 2000 dürfen Ausländer kein Geld an britische Parteien geben. So wie es aussieht, ist tatsächlich kein Geld geflossen, und Osborne wird den Skandal wohl überleben. Auch wenn ein Makel an seinem Ruf zurückbleibt und die Konservativen einmal mehr von jenem Fluch eingeholt werden, der sie unter John Major die Macht kostete: dem Ruf nämlich, jene Partei zu sein, die so unappetitlich nahe an das große Geld heranrutscht, dass sie gelegentlich darauf ausgleitet.
Umso merkwürdiger, sagt der Intimus des Barons, sei es, dass Nathaniel Rothschild selbst diesen Brief schrieb, der einem politischen Attentat glich. Vor allem, da der vergleichsweise junge Spross der Dynastie eigentlich der Konservativen Partei nahesteht und seine Mutter Osbornes privates Büro mit einer Spende von 190 000 Pfund unterstützt habe.
Aber anscheinend hat Osborne, der ebenfalls der Oberklasse entstammt und über ein Vermögen von vier Millionen Pfund verfügt, einen unverzeihlichen Fehler begangen. Er hat die Gastfreundschaft des jungen Rothschild missbraucht und ein privates Gespräch mit einem anderen Hausgast an die Öffentlichkeit lanciert. Tut man aber nicht in Londons besseren Kreisen.
Und mit diesem Urlaubskollegen ist anscheinend überhaupt nicht zu spaßen. Er heißt Peter Mandelson, war bis vor kurzem EU-Handelskommissar in Brüssel, ist seit zwei Wochen ein Lord und Wirtschaftsminister der Labour-Regierung, in Großbritannien allerdings besser bekannt als "Fürst der Finsternis". Über ihn verriet Osborne der "Sunday Times", Mandelson habe bei einem Dinner auf Korfu "Gift und Galle gespuckt" über Premier Gordon Brown.
Niemand sollte Mandelson auf diese Weise bloßstellen - auch nicht, wenn man sich wie Osborne in Sicherheit wiegt, weil der Gastgeber ein Freund seit Kindergartentagen ist.
Später, an der Eliteuniversität von Oxford, tranken beide im exklusiven Bullingdon Club. Jenem Zirkel junger Dandys, deren Lebensinhalt sich im Champagnertrinken erschöpfte, bei dem allerdings Frackzwang galt.
Der junge Rothschild fand anscheinend Gefallen an diesem Lebensstil. Er verliebte sich in ein Model am Strand von Indien, heiratete es in Las Vegas, ließ sich teuer scheiden, kreiselte weiter im Partyzirkel zwischen Paris, London und New York. Dann, mit Mitte zwanzig, stürzte er sich zur freudigen Überraschung seiner Familie plötzlich aufs Geldverdienen. Jener New Yorker Hedgefonds, der ihm mitgehört, war zuletzt 14 Milliarden Dollar wert.
Der Vertraute des Vaters überlegt. Vielleicht sei dem impulsiven Sohn das ganze Geld zu Kopf gestiegen, sagt er. Der Brief an die "Times" sei jedenfalls eine Dummheit. "Wenn man seine Freunde in der Öffentlichkeit bestraft, heißt das, dass alle leiden müssen."
Er habe Osborne lediglich einen "Klaps auf die Finger" geben wollen, ließ der junge Rothschild jetzt kleinlaut über Mittelsmänner verlauten.
Wahrscheinlich hat er sich da einfach in den Auswirkungen verschätzt und bei seiner Rache eher an die guten alten Tage des Bullingdon Club gedacht. Schon damals war Osborne durch Unartigkeit aufgefallen, und auch damals hatte das Konsequenzen. Man nahm den Übeltäter an den Beinen, hielt ihn Kopf über nach unten und fragte: "Was bist du?"
Bei jeder falschen Antwort Osbornes ließ man seinen Kopf weiter nach unten sausen. Erlösung nahte erst, als der Büßer Einsicht zeigte: "Ich bin abscheulich."
THOMAS HÜETLIN
Von Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 44/2008
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